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Schmerz 4. Juli 2007

Kneippsche Phytotherapie bei Schmerzen

Von Dr. Franz Xaver Daringer, Mettmach

Der Löwenzahn (Taraxacum officinale) ist durch direkte und indirekte Wirkung zur Schmerzstillung sicher eine der interessantesten Pflanzen. Verwendet wird die Wurzel mit dem ganzen Kraut, Radix Taraxaci cum Herba. Bei den Inhaltsstoffen ist neben den Bitterstoffen vor allem der Gehalt an Kupfer und Zink erwähnenswert, da diese die direkten Gegenspieler des Eisens sind, das bei Entzündungen eine große Rolle spielt. Im Rahmen der Schmerztherapie ist neben der cholagogen und diuretischen vor allem die direkte Wirkung auf das Bindegewebe bei Rheuma und Gicht interessant. Als Kontraindikationen zu beachten sind die hyperacide Gastritis, der Gallenwegsverschluss und das Gallenblasenempyem.
Sowohl in der Volksmedizin als auch in der modernen Phytotherapie wird die Brennnessel (Urtica dioica und Urtica urens), und zwar das Kraut (Herba urticae), als Heilmittel bei Rheuma verwendet. Die Wurzel (Radix urticae) und der Samen (Semen urticae) haben andere Indikationen. Nachgewiesen ist eine milde diuretische Wirkung (vielleicht durch den relativ hohen Gehalt an Kalium), aber auch als Zusatztherapie bei rheumatischen Beschwerden wird die Brennnessel erwähnt. Sie führt zur Ausscheidung und zu einer Mobilisierung der Harnsäure im Gewebe.
In mehreren Bereichen des rheumatischen Formenkreises ist die Teufelskralle (Herpagophytum procumbens) wirksam, nämlich bei Arthrose, aber auch bei entzündlich rheumatischen Erkrankungen. Sie wirkt über die Lipoxygenase und Cyclogenase der Arachidonsäurekaskade entzündungshemmend und schmerzstillend, analgetisch und antiphlogistisch. Als Bitterstoffdroge wirkt sie zusätzlich bei dyspeptischen Beschwerden, daraus erklärt sich aber auch ihre Kontraindikation bei gastritischen Zuständen.

Verschiedene Möglichkeiten der Verabreichung

Man verwendet kleingeschnittene oder pulverisierte sekundäre Speicherwurzeln (Radix herpagophyti). Die Zubereitung ist hier eine Besonderheit, da man einen Esslöffel Droge mit zwei Tassen kochendem Wasser übergießt und 8 Stunden bei Raumtemperatur ziehen lässt. Die Dosierung sind drei Tassen pro Tag, und zwar vor dem Essen. Die perorale Anwendung ist besonders bei den chronischen Erkrankungen den meisten anderen Möglichkeiten überlegen. Aber es gibt eine zweite sehr gute Anwendungsart: das subkutane Umspritzen arthrotischer Gelenke mit Herpagophytum D2.
Studien in Frankreich und in Deutschland haben nach einem Zeitraum von vier Wochen nicht nur eine Ebenbürtigkeit des Tees zu der Therapie mit Phenylbutazon ergeben, sondern sogar eine Überlegenheit in den Kriterien Schmerzbesserung, Beweglichkeit und Morgensteifigkeit.
Die ältesten Kräuter im Zusammenhang mit der Schmerzbekämpfung sind die salicinhältigen Pflanzen, vor allem die Weide und die Pappel. Leider sind sie ein wenig in Vergessenheit geraten. Verwendet wird die Rinde (Cortex salicis) von verschiedenen Weidenarten, deren wichtigste die Purpurweide (Salix purpurea L), die Bruchweide (Salix fragilis und Salix daphnoides Villaris) sind. Ihre Bezeichnung war es, die den Verbindungen der Salicylate den Namen gab. Die Weidenrinde wirkt antipyretisch, analgetisch und antirheumatisch und wird entsprechend bei Fieber, Kopfschmerzen und Rheuma eingesetzt. Die Resorption der wirksamen Substanz als Salicin und deren Umbau in die Salicylsäure erfolgen erst im Körper. Daher treten die für die Antirheumatika typischen Nebenwirkungen der Magenbeschwerden bei der Weidenrinde nicht auf, sehr wohl aber Asthma bei einer individuellen Salicylatüberempfindlichkeit. Der Umbau in Salicylsäure erfolgt langsam, ein Wirkspiegel wird erst nach ca. zwei Stunden erreicht, die Wirkung hält ca. acht Stunden an. Dadurch kann ein Weidenrindenpräparat kaum für akute Schmerzen, sehr wohl aber in der Dauertherapie gut angewendet werden. Auf die Blutplättchen ist keine Wirkung zu erwarten, in dieser Indikation kann ASS nicht ersetzt werden, eine Interaktion ist nicht zu erwarten.
Der Gehalt an Salicylsäureverbindungen ist ebenfalls bestimmend für die Wirkung der Pappelrinde und -blätter (Cortex oder Folium populi) verschiedener Pappelarten, wie z.B. Populus tremula. Weiters sind noch Zink-Lignane vorhanden, die für die Anwendung bei Prostatahypertrophie eine Bedeutung haben, sonst gilt praktisch das Gleiche wie bei der Weidenrinde. Die Anwendung erfolgt allerdings nur in Kombinationsfertigpräparaten.
Die Esche (Fraxinus excelsior) wird ebenfalls nur in Fertigarzneien verwendet, und zwar die Rinde (Cortex fraxini). Sie enthält vor allem Cumarine. In Forschungsarbeiten konnte man antiphlogistische, analgetische und antiexsudative Wirkungen nachweisen.
In letzter Zeit haben sich bei einer weiteren Pflanze interessante Aspekte in der Bekämpfung rheumatischer Schmerzzustände ergeben, und zwar beim indischen Weihrauch (Boswellia serrata). Er ist dort sinnvoll, wo NSAR nicht mehr ausreichen, man aber noch nicht zu Kortison greifen möchte. Der additive Erfolg beruht auf zusätzlichen Wirkmechanismen, die Entzündung zu beeinflussen. Wirksam ist das Harz, daher ist Weihrauch nur in Fertigarzneimitteln anzuwenden. Ein Versuch lohnt sich oft, da keine Nebenwirkungen zu erwarten sind.
Ein neues Präparat aus der Volksmedizin Südamerikas ist der Krallendorn (Uncaria tomentosa). Er wird schon sehr lange in diesen Ländern zur Modulation des Immunsystems verwendet. Es kommt dabei zu einer Anregung des unspezifischen und einer Beeinflussung des spezifischen Immunsystems. Dies erklärt auch seinen Einsatz bei rheumatischen Erkrankungen. In einer Studie an der Universität Innsbruck konnte eine deutliche Reduktion der Beschwerden innerhalb von sechs Monaten bei Gabe von dreimal 1 Kapsel nachgewiesen werden. Nebenwirkungen sind keine bekannt.
In der Kneipptherapie gibt es zur Schmerzbekämpfung aber auch einige sehr wichtige äußerliche Anwendungen. Sicher am bedeutendsten sind in diesem Bereich die von Pfarrer Kneipp eingeführten Heublumen. Sie werden unter dem lateinischen Begriff Flos graminis zusammengefasst, sind aber in Zusammensetzung und Inhaltsstoffen ganz uneinheitlich. So kann man sie in kaum einem Arzneibuch finden, man kann sie nicht standardisieren und kaum erforschen. Trotzdem haben sie sich in der Kneipp-Praxis wegen ihrer ausgezeichneten Wirkung als unumgänglich erwiesen. Sie sind die Abfälle bei der Ernte und der Lagerung von Heu, die sich am Boden ansammeln, meist Blüten, Samen und andere oberirdische Anteile von Gräsern und Pflanzen, und enthalten viele Cumarine und ätherische Öle. Die Wirkung ist lokal hyperämisierend, schmerzstillend, entspannend, sowohl als Heublumenbad als auch als Heusack (siehe Kasten), weiters gibt es noch Heublumenwickel und Dämpfe.
Eine weitere äußerlich anzuwendende Pflanze ist Arnica montana, Arnika oder Bergwohlverleih, der zweite Name beschreibt schon die Wirkung. Verwendet werden die Blüten (Flos arnicae). Auch hier haben wir eine antiphlogistische und analgetische Wirkung, zusätzlich aber auch noch eine antiseptische und durchblutungsfördernde. So werden sowohl der Tee als auch die verdünnte Tinktur für Umschläge nach stumpfen Traumen und bei schlecht heilenden Wunden verwendet. Zu beachten sind aber die Nebenwirkungen: So ist die Arnika einer der häufigsten Allergieauslöser in der Medizin, und bei innerlicher Anwendung können örtliche Reizwirkungen des Magen-Darm-Traktes, aber auch Vergiftungen mit Schwindel, Zittern, Tachykardien und Ähnlichem so stark sein, dass man vom innerlichen Gebrauch abrät.

Kühlende Wirkung

Die Pfefferminze (Mentha piperita) wird hauptsächlich innerlich als krampflösendes und karminatives Mittel verwendet. Akute Nausea bei gastrointestinalen Infekten kann durch die anästhesierende Wirkung auf die Magenschleimhaut erleichtert werden. Durch ihren Gehalt an Menthol hat sie aber auch äußerlich anästhesierende und kühlende Wirkung. Die lokale Verwendung des Pfefferminzöls bei neuralgischen Schmerzen, bei Kopfschmerzen, Muskel- und Nervenschmerzen zeigt gute Effekte. Spannungskopfschmerzen sind sehr weit verbreitet. 34 Prozent der Menschen haben an mehr als 30 Tagen pro Jahr Kopfschmerzen, drei Prozent an mehr als 180 Tagen. Mit diesem Krankheitsbild befasst sich eine Studie von Göbl und Schmidt. Sie zeigt, dass Präparate mit Pfefferminzöl signifikante Effekte auf experimentelle Kopfschmerzmechanismen ausüben, die über einen Placeboeffekt hinausgehen. Es kommt zu einer Aktivierung von Kaltfasern, die die Reizleitung der Schmerzen reduzieren könnten, außerdem ist eine lokal hyperämisierende Wirkung nachweisbar. Bei Säuglingen, Kleinkindern und hautempfindlichen Personen sollte die Pfefferminze nicht angewendet werden.
Das Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist ein weiteres Heilkraut hauptsächlich für den äußerlichen Gebrauch. Man verwendet es als Öl, das man auch selbst zubereiten kann (siehe Kasten). Bei rheumatischen Beschwerden kann man damit eine sehr gute Schmerzlinderung erreichen, zusätzlich hat man noch den Vorteil der sehr guten Hautverträglichkeit. Nach empirischen Berichten soll es Narben nach Verletzungen „verschönern“.
Zusammenfassend ist zu bemerken, dass die Behandlung der Schmerzen des Bewegungsapparates und darüber hinaus mit Kneippscher Phytotherapie zwar etwas aufwendiger, dafür aber nebenwirkungsarm bei sehr guter Wirksamkeit ist.

Literatur beim Autor
Kontakt: Dr. Franz Xaver Daringer, Allgemeinmediziner, Kneipparzt, Mettmach
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