zur Navigation zum Inhalt
 
Schmerz 10. Mai 2007

Suchtgefahr geringer als weithin angenommen

Zu viele Ärzte schielen in erster Linie auf eine mögliche Abhängigkeit – anstatt auf das Wohl ihrer Patienten.

„Die Diskussion rund um das Suchtpotenzial von Opioiden ist weiterhin eher eine ideologische als eine sachliche Auseinandersetzung“, kritisierte die Fachärztin für Psychiatrie Prof. Dr. Henriette Walter von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie anlässlich der Südbahn Schmerzgespräche 2007 in Reichenau/ Rax. „Gerade bei nur gering beeinflussbaren Grundleiden, wie etwa Krebs, sollten wir froh sein, dass wir heute über diese Mittel verfügen, die auch bei schweren chronischen Schmerzen zu einem einigermaßen lebenswerten Zustand führen.“ Sind Schmerzzustände sichtlich organisch bedingt, ist die Suchtgefahr äußerst gering. „Wird die Arznei dagegen nicht zur Schmerzlinderung eingenommen, sondern zur Änderung des Befindens und der Stimmungslage, steigt dagegen die Suchtgefahr deutlich an“, erklärte Walter.

Engmaschige Kontrollen

Eine Dosiserhöhung definiert dagegen nicht unweigerlich ein Symptom der Suchtentwicklung. Vielmehr kann diese aufgrund von zunehmenden Schmerzen notwendig geworden sein, etwa bei terminal erkrankten Tumorpatienten. „Regelmäßige ärztliche Kontrolltermine reduzieren die Suchtgefahr noch weiter“, fügte Walter hinzu. Um Schmerztherapeutika auf Opioidbasis „den Schrecken zu nehmen“, erscheint es sinnvoll, im Vorfeld abzuklären, wie Sucht entsteht und welche Personen eher zu Suchtverhalten neigen. So sorgt das Belohnungssystem im Gehirn für das wiederkehrende Verlangen nach positiven Reizen. Das gilt für Nahrung – hungrig schmeckt das Essen besser – ebenso wie für abhängig machende Stoffe, wie etwa Alkohol oder Nikotin. Wer bereits Suchterfahrungen gemacht hat, wird auch in der Schmerztherapie anfälliger für eine Abhängigkeit sein. Eine Unterscheidung war Walter dabei besonders wichtig: „Sucht ist keine Frage des Suchtmittels, sondern der Person, wobei die primäre Vulnerabilität des Beteiligten äußerst wichtig ist.“ Bei Indikation für eine Schmerzbehandlung muss im Vorfeld abgeklärt werden, ob suchtfördernde Aspekte in der Persönlichkeit und Geschichte des Patienten bestehen. „Vorsicht ist etwa geboten, wenn Abhängigkeiten in der Familie ein Thema sind, und notwendig, wenn beim Patienten eine bestehende Sucht vorliegt, wie etwa nach Alkohol, Benzodiazepine oder bei Rauchern ein Fagerström-Score höher als fünf“, erläuterte Walter. Nicht vergessen werden sollte in der Therapie mit Analgetika, dass chronische Schmerzen auch zu Depressionen führen können. „Depressive Zustandsbilder sollten nicht mit Schmerzmitteln verschüttet werden“, warnte Walter. Vielmehr sollten diese im Rahmen der Schmerzbehandlung – beispielsweise mittels Psychotherapie oder Antidepressiva – ebenfalls therapiert werden. Eine erfolgreiche Bekämpfung der Depression kann auch per se zu einer abnehmenden Schmerzintensität führen.

Begleitung terminal Kranker

„Bei terminal erkrankten Menschen, die unter oft extrem starken Qualen leiden, darf das Thema Sucht in der suffizienten Schmerztherapie keine Rolle mehr spielen“, zeigte sich Walter überzeugt. Allerdings gelte auch hier: „Gerade terminal Kranke entwickeln häufig psychische Zustandsbilder, die, neben der Schmerzbehandlung, auch eine medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung notwendig machen.“

Sabine Fisch, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben