zur Navigation zum Inhalt
Nicht nur Ältere sind von Rückenschmerzen betroffen.
 
Orthopädie 6. November 2008

„Das Schwierigste ist es, die Patienten zu motivieren!“

Bei Rückenschmerzen müssen die Patienten aus ihrer Passivität gedrängt werden.

Der 3. CEOPS-Schmerzkongress betrachtet den Rückenschmerz – unter dem 80 Prozent der Bevölkerung zumindest einmal im Leben leiden –, aus allen Blickwinkeln. Und er beleuchtet, dass Probleme „mit dem Kreuz“ keineswegs nur ältere Menschen betreffen.

 

Im Gespräch mit der Ärzte Woche beschreibt der Kongresspräsident, Doz. Dr. Martin Friedrich, Leiter der Abteilung für Orthopädische Schmerztherapie, Orthopädisches Spital Speising, warum akute Rückenschmerzen immer genau abgeklärt und behandelt werden müssen, wieso die Anamnese eine so wesentliche Rolle spielt und dass funktionelle Probleme weit häufiger die Ursache für Rückenprobleme sind als strukturelle Veränderungen.

 

Was sind die wichtigsten Themen des 3. CEOPS-Schmerzkongresses? FRIEDRICH: Wir präsentieren eine große Bandbreite von Themen; das beginnt bei der Behandlung psychischer Aspekte des Rückenschmerzes, geht über ein Update von Kreuzschmerzen bei Osteoporose und führt zur leitliniengerechten Prävention, Diagnostik und Therapie von Rückenproblemen. Ein weiterer Schwerpunkt des Kongresses ist im Subtitel enthalten: „Aktiv ab 40“. Es sind nämlich nicht nur ältere Menschen von Rückenproblemen betroffen. Alle Statistiken zeigen klar, dass immer mehr Menschen, die im Arbeitsprozess stehen, häufig unter funktionellen Problemen mit ihrem Muskel- und Bandapparat im Rückenbereich leiden. Und das hat handfeste sozioökonomische Auswirkungen: In Industriestaaten werden inzwischen rund zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für direkte und indirekte Kosten von Rückenschmerzen aufgewendet.

 

Welche Lösungsansätze sehen Sie für dieses häufige Problem? FRIEDRICH: Rückenschmerz ist ein biopsychosoziales Problem. Im Rahmen des CEOPS-Schmerzkongresses wollen wir daher die Wichtigkeit dieses Ansatzes mit einem Vortrag des Neurologen und Psychiaters Prof. Dr. Michael Bach unterstreichen. Die psychische Komponente, wie etwa Stress und Angst, spielt bei der Entstehung von Rückenproblemen eine wesentliche Rolle. Um eine Chronifizierung des Rückenschmerzes zu vermeiden, muss dieser frühzeitig diagnostiziert und lege artis therapiert werden. Denn der akute Rückenschmerz ist die Basis für den chronischen Schmerz – der zwar nur zehn Prozent der Patienten betrifft, aber 70 bis 90 Prozent der Kosten verursacht. Für den Patienten, der ein chronisches Rückenproblem vermeiden will, bedeutet eine suffiziente Therapie viel Mitarbeit. So müssen wir unsere Patienten zu mehr Bewegung motivieren, ein Anliegen, das bisher nur sehr sporadisch gelingt.

 

Welche Formen des Rückenschmerzes treten am häufigsten auf? FRIEDRICH: Der häufigste Rückenschmerz ist der unspezifische Schmerz. Davon ist vor allem das Muskel- und Bandsystem betroffen, eine Strukturveränderung hat dabei noch nicht stattgefunden. Der vielzitierte „Bandscheibenschaden“ macht dagegen nur rund fünf Prozent aller Rückenprobleme aus.

 

Welche Rolle kommt dem Allgemeinmediziner in der Diagnose und Therapie zu? FRIEDRICH: Der unspezifische Kreuzschmerz ist eine Domäne des Allgemeinmediziners. Wir bieten zur Unterstützung von Anamnese und Diagnose ein einfaches Stufensystem an. Dieses stützt sich im Wesentlichen auf die Frage, ob die Schmerzen akut oder chronisch sind. Weiters muss festgestellt werden, ob ein spezifischer oder unspezifischer Rückenschmerz vorliegt. Das Verhältnis liegt bei 15 zu 85 Prozent. Gibt es Hinweise auf eine spezifische Schädigung, so plädiere ich jedoch für eine rechtzeitige Überweisung zum Facharzt.

 

Welche diagnostischen Hilfsmittel sollen angewendet werden? FRIEDRICH: Das Wichtigste ist eine ausführliche Anamnese, um den Ursachen für den Rückenschmerz auf den Grund zu gehen: Lagen bereits mehrere Schmerz-Episoden vor? Unterliegt der Patient starkem Stress? Kann eine psychische Erkrankung, wie etwa eine depressive Verstimmung, vermutet werden? Ist der Patient vor kurzem gestürzt? Wo sitzt der Schmerz, wie fühlt er sich an, strahlt er aus? Neigt der Patient zum „katastrophieren“? Fühlt er sich schwer krank? All diese Fragen helfen bei der Feststellung, ob ein spezifischer oder ein unspezifischer Rückenschmerz vorliegt.

 

Wie soll ein unspezifischer Rückenschmerz behandelt werden? FRIEDRICH: Wesentlich ist eine suffiziente analgetische Behandlung, damit der Patient seinen Alltagsaktivitäten so ungestört wie möglich nachgehen kann. Eine physiotherapeutische Behandlung unterstützt die Betroffenen bei der Stärkung ihrer Muskulatur und verhindert neuerliche Schmerzattacken. Wichtig ist, eine positive, aktive Haltung des Patienten aufzubauen, um die in der Physiotherapie erlernten Übungen fix in den Alltag einzugliedern.

 

Wie kann der chronische Rückenschmerz verhindert werden? FRIEDRICH: Klären Sie Ihre Patienten auf, dass ihr Rückenproblem keine schwere Erkrankung ist, sondern eine, die in der Regel bei aktiver Mitarbeit einen guten Verlauf nehmen wird. Wichtig sind beim akuten Rückenschmerz eine adäquate Schmerzmedikation und eine genaue Beobachtung des Patienten. Diese Schritte sind nahezu eine Garantie dafür, dass es nicht zu einer Chronifizierung kommt.

 

Was plant die CEOPS für die Zukunft? FRIEDRICH: Wir wollen in einer Studie, die demnächst starten wird, den Einfluss von Vitamin D auf großflächige Schmerzzustände untersuchen. Für die Studie werden noch Patienten rekrutiert. Interessierte Ärztinnen und Ärzte können Patienten über die CEOPS-Website (www.ceops.at) in die Studie einbringen. n

 

Das Gespräch führte Sabine Fisch.

 

 Linktipp: www.ceops.at/index.php?mnu=veranstaltungen

Foto: Buenos Dias/photos.com

Nicht nur Ältere sind von Rückenschmerzen betroffen.

Foto: Archiv

Doz. Dr. Martin Friedrich Leiter der Abteilung für Orthopädische Schmerztherapie, Orthopädisches Spital Speising „Rückenschmerz ist ein biopsychosoziales Problem und muss früh diagnostiziert und therapiert werden.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben