zur Navigation zum Inhalt
 
Diabetologie 18. Oktober 2006

„Nicht nur den Schmerz sehen“

Führende Neurologen und Diabetologen appellieren an die Ärzte, alle Möglichkeiten zur Linderung der diabetischen schmerzhaften Polyneuropathie auszuschöpfen. Dabei fordern sie nicht nur einen holistischen Ansatz, sondern auch, die Chancen einer multidisziplinären Kooperation stärker zu nützen.

Die Polyneuropathie betrifft sensible, motorische und vegetative Nerven des peripheren Nervensystems. Die ersten Symptome sind zumeist symmetrische, Missempfindungen der Haut. Hierzu zählen Kribbeln, Brennen oder unangenehme Temperaturempfindungen, vor allem an den unteren Extremitäten. Später treten auch Sensibilitätsstörungen und Schmerzen auf. Als bedeutendste Ursache werden neben den Folgen eines Alkoholabusus vor allem ein zugrunde liegender Diabetes mellitus beschrieben. Die diabetische schmerzhafte Polyneuropathie (DPNP) betrifft rund ein Drittel der an Diabetes erkrankten Menschen. Von diesen Betroffenen leiden ca. 16 bis 26 Prozent an chronischen peripheren neuropathischen Schmerzen. Allein in Europa leiden an die 48 Millionen Menschen an Diabetes, dementsprechend hoch ist die Anzahl an Patienten mit DPNP. Neben den hochgradigen Schmerzen ist die Nervenerkrankung gleichermaßen für viele Fuß-Amputationen verantwortlich. Denn die verminderte Empfindlichkeit führt in Begleitung mit der ebenfalls diabetogen verursachten herabgesetzten Durchblutung zum „diabetischen Fuß“. Hierbei können bereits banale Verletzungen oder falsches Schuhwerk zur Ausbildung eines schlecht heilenden Ulkus führen. Dieser ist wiederum ausnehmend anfällig für Infektionen. Daher ist der lädierte diabetische Fuß ein hervorragender Nährboden für Anaerobier – ein zusätzliches Problem für eine allfällige Antibiotika-Therapie. Dabei wäre ein Großteil der Fußabnahmen nach diabetischen Ulcera durch einfache Maßnahmen vermeidbar. Ein guter Grund für internationale Experten, sich im Zuge der 42. Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes in Kopenhagen über Strategien zu beraten, um die DPNP stärker ins Bewusstsein der Mediziner zu rücken. Die von führenden Diabetologen und Neurologen in „Diabetes and Vascular Disease Research“ publizierten Ergebnisse betonen insbesondere die ärztlichen Möglichkeiten bei der Behandlung der DPNP. Die Spezialisten kommen überein, dass die derzeit verfügbaren Behandlungsoptionen nicht immer genügend effektiv eingesetzt werden. Freilich bedarf es dazu eines besseren Verständnisses – auch seitens der Ärzteschaft. „DPNP ist ein einzigartiger Therapiebereich, der einen multidiszi­plinären Ansatz erfordert, um unser Verständnis zu erhöhen“, erklärte Prof. Dr. Paul Valensi, Mitglied der Expertenkoalition des Hôpital Jean Verdier, Frankreich. Eine Meinung, die auch Mitautor Dr. Misha-Miroslav Backonja von der UW-Neurology Pain Clinic in Madison, USA, vertritt: „Dia-betologen und Neurologen haben in der Vergangenheit in der Regel parallel gearbeitet. Dieser Bericht basiert jedoch auf dem kollektiven Wissen und der Erfahrung führender Experten in beiden Feldern und bietet so eine kombinierte Bewertung dieses Therapiebereichs. Unser Ziel bestand darin, die erforderlichen Schritte für die Verbesserung der Bewertung und des Managements dieser Beschwerden zu identifizieren, unter denen immerhin bis zu einem Drittel der Diabetespatienten leiden.“

Nicht nur Schmerz therapieren

Weiters fordern die Experten ein verbessertes Schmerzmanagement, das nur dann optimiert werden könne, wenn der chronische Schmerz nicht als isoliertes Ereignis behandelt, sondern der Patient als Ganzes wahrgenommen wird. Dazu gehört es auch, Gemütslagen der Patienten zu beobachten und auf sie einzugehen. Daher sei es unvermeidbar, so Valensi, dass die Behandlung auf den einzelnen Patienten zugeschnitten werde. Der Bericht nimmt die Ärzte in die Pflicht, ihre Patienten über die Schmerzmechanismen aufzuklären und ihnen Chancen und Grenzen verschiedener Therapien verständlich darzulegen. Nicht zuletzt bemängelt das Fachgremium auch die fehlende Berücksichtigung der Komorbiditäten der DPNP. Dazu zählen etwa Schlafstörungen, Depressionen und Erkrankungen des Gefäßsystems.

Neue Therapieoptionen

Valensi verweist abschließend auf moderne Therapiemethoden: „Neue Entwicklungen haben zur Verfügbarkeit neuer, effektiver Behandlungsmöglichkeiten für DPNP geführt, die gegenüber trizyklischen Antidepressiva eine verbesserte Verträglichkeit aufweisen.“ Dazu zählt laut Experten ein aktualisierter Behandlungsalgorithmus. Man weist in dem Bericht auf neue Wirkstoffe wie Duloxetin und Pregablin als initiale Behandlungsalternativen hin.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben