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Neurologie 6. September 2006

Spiegel überlistet Gehirn bei Phantomschmerzen

Mit einem einfachen optischen Trick lassen sich Schmerzen und Wahrnehmungsstörungen nach Amputationen überlisten

Drei Viertel aller Patienten leiden nach Amputation an Phantomschmerzen. Sie spüren in den entfernten Gliedmaßen Missempfindungen und sogar starke Schmerzen. Diese entstehen, da im Gehirn eine Art Abbild des ganzen Körpers abgelegt ist. Dort werden die Empfindungen aus den jeweiligen Körperteilen verarbeitet. Kommen diese Eingangssignale aus dem amputierten Arm oder Bein abhanden, werden sie von spezifischen Gehirnzentren durch Schmerzsignale ersetzt. Bislang setzte man bei der Behandlung von Patienten mit Phantomschmerzen vorrangig auf Schmerzmedikamente. Die Medikamente sind aber nicht immer ausreichend wirksam oder werden häufig nicht gut vertragen.

Spiegelbild ersetzt fehlende Extremität
Eine mögliche Alternative könnte die Spiegeltherapie bieten. Der Schmerztherapeut Professor Dr. Christoph Maier und die Ergotherapeutin Susanne Glaudo vom Klinikum Bergmannsheil der Universität Bochum haben zwei Trainingsgeräte entwickelt, eines für Patienten nach Armverlust sowie eines für Beinamputation-Patienten. Der Patient setzt sich so vor einen Spiegel, dass für ihn die gesunde Extremität im Spiegel genauso aussieht wie die fehlende und somit das Gefühl der Unversehrtheit vermittelt wird. „Der Input über die Augen ersetzt zum Teil die fehlenden Eingangssignale aus dem amputierten Arm oder Bein. Das Schmerzsignal als Ersatzinformation wird dadurch überflüssig“, berichtet Maier. Der Effekt lässt sich verstärken, wenn der Patient mit der gesunden Hand, die er nur im Spiegel wahr nimmt, Geschicklichkeitsübungen macht. Oder er sieht die Hand oder das Bein im Spiegel, während der vorhandene Körperteil mit einer Bürste oder einem Igelball zusätzlich gereizt wird. Diese Empfindungen spüren die Patienten nach einiger Übung im Phantom. „Damit lässt sich für eine Weile der Phantomschmerz lindern“, so Glaudo.

Regelmäßiges Üben notwendig
Bis es soweit ist, müssen die Patienten allerdings geduldig sein und regelmäßig üben. Dabei helfen die beiden zum Patent angemeldeten Geräte: Der Spiegel ist auf Rollen montiert und geneigt, was es vereinfacht, die richtige Position einzunehmen. Der Armspiegel ist an einer abwaschbaren Kunststoffplatte befestigt, die auf den Tisch gelegt werden kann. Mit einem einfachen Handgriff lassen sich mitgelieferte Steckspiele für Bewegungsübungen befestigen. Der größere Beinspiegel verfügt über eine waagerechte Platte, auf der etwa Wannen Platz finden, in denen Sand, Erbsen oder ähnliche Gegenstände taktile Reize am Fuß ermöglichen. Bislang wurden 15 Patienten mit der Methode behandelt, und nur in einem einzigen Fall besserten sich die Schmerzen nicht. Je eher die Spiegeltherapie nach der Operation beginnt, desto besser scheinen die Erfolgsaussichten zu sein. Eine Studie zur Wirksamkeit der Spiegeltherapie bei Phantomschmerz ist geplant, ebenso Schulungen für Therapeuten. Außer bei Phantomschmerzen soll die Spiegeltherapie zukünftig auch bei Patienten mit Lähmungen und Wahrnehmungsstörungen angewandt werden, etwa beim Schlaganfall.

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