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Mutterkraut findet Verwendung in Form frischer Blätter, pulverisierter Blätter oder als Kraut in Kapseln und Tabletten.
 
Neurologie 1. März 2016

Mutterkraut, das Migränekraut

Als Prophylaxe angewendet, kann die Pflanze einerseits die Frequenz der Kopfschmerzattacken reduzieren und andererseits die Schmerzintensität senken.

Seit der Antike wird „Tanacetum parthenium“ bei Menstruationsbeschwerden eingesetzt, seit dem 8. Jahrhundert als Mittel gegen Migräne. Und nachdem Studien aus dem 20. und 21. Jahrhundert die Effektivität des Wirkstoffs nachgewiesen haben, empfiehlt auch der Ausschuss für pflanzliche Heilmittel der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) Mutterkraut als Prophylaxe von Migräneattacken bei Erwachsenen.

Die Symptome von Migräneattacken sind hinlänglich bekannt: heftige, pulsierende Kopfschmerzen, häufig begleitet mit Übelkeit und Erbrechen und gelegentlich mit vermehrtem Harndrang, Durchfall, Schüttelfrost oder Schwindel. Weniger bewusst sind vielen Menschen die Auswirkungen: „Die Attacken schränken berufliche Tätigkeiten, Familienleben und soziale Kontakte ein oder machen diese gänzlich unmöglich“, berichtet Prof. Dr. Christian Wöber, Leiter der Kopfschmerzambulanz der Medizinischen Universität Wien. „Zudem sind Migränepatienten häufig mit Unverständnis in ihrem Umfeld und nutzlosen Ratschlägen konfrontiert.“ Und: Alleine in der EU schlägt sich die volkswirtschaftliche Belastung aufgrund der Migräne derzeit mit jährlich 50 Milliarden Euro zu Buche.

Alternativen erforderlich

Ein Problem bei der Migräne sind die derzeit recht beschränkten therapeutischen Optionen, erklärt Dr. Gerhard Hubmann, Allgemeinmediziner und Vizepräsident der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin. „Am häufigsten werden mehr oder weniger kontrolliert Analgetika eingenommen, die jedoch unter Umständen zu einer Verstärkung der Migräne führen können.“ Effektive Medikamente wie Triptane oder Antiepileptika wiederum sollten nicht zu lange und in nicht zu hoher Dosierung eingenommen werden und sind zudem relativ schlecht verträglich.

Mutterkraut könnte daher eine dringend erforderliche Alternative darstellen. Nach derzeitigem Wissensstand hat die Pflanze vielfältige Wirkmechanismen: Mutterkraut hemmt demnach die überschießende Serotoninfreisetzung, normalisiert die Vasomotorik und wirkt durch Hemmung der Phospholipase A2 und COX-2 auch analgetisch. Zudem wird die Histaminfreisetzung aus Mastzellen und das Freisetzen von Entzündungsfaktoren wie Tumornekrosefaktor α, Interleukine und interzellulärem Adhäsionsmolekül (ICAM-1) vermindert.

Hauptinhaltsstoffe der pflanzlichen Zubereitung sind Sesquiterpenlaktone, ätherische Öle, Flavonoide sowie lipophile Kämpferolderivate, wobei die Gesamtheit der Inhaltsstoffe und das Pulver der oberirdischen Teile nachweislich effektiver sind als die Reinsubstanzen1. Verwenden kann man Mutterkraut übrigens auch in Form frischer Blätter, pulverisierter Blätter oder Kraut in Kapseln und Tabletten. Aber Achtung: Die Zubereitung eines Teeaufgusses zur Migräneprophylaxe ist nicht sinnvoll, da die Sesquiterpenlaktone (verantwortlich für die Wirksamkeit) kaum in den Tee übergehen.

Weniger Anfälle

Die gute Wirksamkeit bei Migränepatienten wurde in mehreren randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudien nachgewiesen, in der Anzahl und Schweregrad der Migräneanfälle bei regelmäßiger Einnahme signifikant gemindert und Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Schwindel und Erbrechen verbessert wurden; auch die gute Verträglichkeit des Wirkstoffs wurde hier nachgewiesen2-4.

Diese Tatsache wird seit 2010 auch vom Ausschuss für Pflanzliche Heilmittel („Herbal Medicinal Product Committee“, HMPC) der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) anerkannt: Sie empfiehlt zur Prophylaxe von Migräneattacken bei Erwachsenen die Einnahme von 100 mg Pulver, wenn von Seiten des Arztes keine Bedenken bestehen. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wird Mutterkraut aufgrund des hier vorliegenden Datenmangels nicht empfohlen, und bei Allergien gegen Korbblütler ist Vorsicht geboten.

Wirkung nach einigen Monaten

Allerdings, so Hubmann, müssen Patienten etwas Geduld mitbringen: „Mutterkraut entfaltet seine volle Wirkung erst nach zwei bis drei Monaten Therapie. Für mich bedeutet dies, dass die Patienten das Mittel mindestens ein halbes Jahr testen und die Häufigkeit und Intensität der Anfälle beobachten und möglichst auch notieren sollten. Erst nach diesem Zeitraum kann wirklich eine Aussage über das individuelle Ansprechen getroffen werden“, umreißt der Allgemeinmediziner den Vorgang der Therapie mit Mutterkraut.

Seine Erfahrungen sind bislang jedenfalls durchaus positiv: „Häufigkeit und Intensität der Anfälle gehen zurück, beispielsweise auch bei einer Patienten, die ich bereits seit vielen Jahren betreue und die bislang therapierefraktär war.“

Referenzen:

1 Mittra S et al., Acta pharmacologica Sinica 2000;21(12):1106–1114

2 Johnson ES et al., Br Med J 1985;291:569–573

3 Murphy JJ et al., Lancet 1988;2:189–192

4 Palevitch D et al., Phythotherapy Research 1997;11:508–511

Lydia Unger-Hunt, Ärzte Woche 9/2016

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