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Schmerz 5. Oktober 2015

Hat gar nicht wehgetan

Mitgefühl lässt sich ein- und ausschalten.

Die Fähigkeit, den Schmerz anderer Personen nachzuempfinden, baut auf jenen neurobiologischen Prozessen auf, die die Grundlage für die Empfindung von selbst erlebtem Schmerz sind. Forscher um den Neuropsychologen Claus Lamm reaktivierten in ihrer neuen Studie das künstlich gehemmte Mitgefühl wieder. Publiziert wurde das Experiment in der Fachzeitschrift „PNAS“.

Auf Erlebnisse wie Verbrennungen, Schnittwunden oder Aufschürfungen könnte man getrost verzichten, doch diese schmerzhaften Erfahrungen aus unserer Kindheit haben auch etwas Gutes: Wir entwickeln einen Schutzmechanismus vor künftigen potenziellen Schäden an Leib und Leben. Und unser eigenes Schmerzempfinden hängt mit dem Mitgefühl zusammen, das wir für das Leid anderer empfinden. Das konnte ein Forscherteam um Claus Lamm vor Kurzem zeigen.

In einer Folgestudie mit mehr als 100 Teilnehmern nutze Lamm einen methodischen „Kniff“, um eine seit Jahren bestehende Lücke in der Erklärung der neurobiologischen Mechanismen von Empathie zu schließen: die sogenannte „Placebo-Analgesie“. Über die experimentelle Manipulation von selbst empfundenen Schmerz wurde getestet, inwiefern dies gleichermaßen zu einer Manipulation von Empathie für Schmerz führt. „Nur so lässt sich letztlich folgern, dass Empathie auf einer Simulation beruht“, erklärt Claus Lamm vom Institut für Psychologische Grundlagenforschung und Forschungsmethoden der Universität Wien ( http://goo.gl/2Iuu73 ).

Versuchspersonen in der Placebo-Analgesiegruppe, denen eine Tablette verabreicht worden war unter der Zusicherung, es handle sich um ein wirksames Schmerzmittel, berichteten eine signifikant reduzierte subjektive Schmerzwahrnehmung im Vergleich zu der Gruppe, die gar nichts bekam. Die schmerzreduzierten Probanden wurden aber nicht nur unempfindlicher für schwache Elektroschocks auf ihrem Handrücken, sondern sie hielten auch bei ihren Partnern die Stromstöße für weniger belastend.

Die Forscher blockierten bei einigen schmerzreduzierten Personen mit einem echten Medikament die Opiatrezeptoren. Damit war nicht nur das Schmerzempfinden wieder hergestellt, auch die Empathie normalisierte sich wieder. Für Lamm und Kollegen ist damit noch offensichtlicher, dass Empathie schmerzähnliche Prozesse im Gehirn aktiviert, die jenen bei selbst empfundenem Schmerz ähnlich sind, berichtet der Standard in seiner Wissenschaftsbeilage Forschung spezial.

„Wir stellen uns nun die Frage, inwieweit die beobachteten Effekte im Opiatsystem direkt auf empathische Prozesse wirken, oder lediglich über den Umweg der Manipulation des eigenen Erlebens entstehen“, erklärt Lamm. Das Team arbeitet an einer weiteren Studie unter Verwendung von geringen Dosen echter Schmerzmittel.

Uni Wien/Der Standard, Ärzte Woche 41/2015

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