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© Ryan Remiorz/dpa
Im Fußball gibt es keinen zweiten Sieger, die Kickerinnen nehmen Spätschäden bewusst in Kauf.
© Abt. f. Sportorthopädie, Klinikum rechts der Isar, München

Röntgen 2: Intraoperativer Situs bei Kombination aus hoher tibialer Umstellungsosteotomie und VKB-Revisionsplastik. Das Risiko einer VKB-Ruptur ist im Fußball sehr hoch.

© Abt. f. Sportorthopädie, Klinikum rechts der Isar, München

Röntgen 1: VKB-Rezidiv- und laterale Instabilität („Doppelvarus“): Der laterale Gelenkspalt ist hochgradig instabil durch Außenbandinsuffizienz. Der Riss des VKB ist ein karrierebedrohendes Verletzungsereignis.

© Forkel et al., KSSTA 2015

Außenmeniskuswurzelverletzung (Arthroskopie): VKB-Ruptur und AM-Wurzelriss unter Erhalt des posterioren meniskofemoralen Ligamentes.

 
Chirurgie 8. Juli 2015

Langzeitfolgen einer Fußballerkarriere

Strukturschäden an Gelenken, akute Muskelverletzungen und Ligamentrupturen gehören zum Kickeralltag.

Ein Jahr nach der Fußball-WM in Brasilien und kurz nach der Kür der USA, als beste Kicker-Nation bei den Frauen untersuchen Sportorthopäden die Folgen des gnadenlosen Zweikampfverhaltens.

Wenn Frauenfußball-WM ist, gibt’s daheim keinen Kampf um die Fernbedienung, die Innenstadtbewohner werden von Großbildleinwänden und Fan-Zonen verschont und beim Torjubel sieht man keine Spielerinnen mit nackten Oberkörpern jubeln. Alles läuft irgendwie zivilisierter ab, oder? Wer das schreibt, hat von Frauen-Kick keine Ahnung. Frei nach Helmut Qualtinger: Frankreich gegen Deutschland, das ist Brutalität! „Es tut einem fast alles weh“, sagte die deutsche Teamkickerin Babett Peter nach dem Viertelfinale gegen den westlichen Nachbarn. „Aber es hilft nix, wir müssen fit werden und einen Tick besser sein als die Amis (Halbfinalgegner USA, Anm.).“ Daraus wurde bekanntlich nichts.

Neben der hohen Zahl aktiver männlicher Fußballspieler steigt die Zahl der gemeldeten Spielerinnen in Mädchen- und Frauenmannschaften stetig an. Und damit auch die Zahl der Verletzungen. Während in der Saison 2008 / 09 beim Österreichischen Fußballbund nur 7.000 aktive Spielerinnen gemeldet waren, betrug die Zahl 2011 bereits 17.000. Auch hat die Professionalisierung der Trainingsmethoden und Ausbildung bei Hobby- und Breitensportlern zu einer Fokussierung auf die Themen Fitnesssteigerung, Verletzungsvermeidung, Behandlung möglicher Sportverletzungen oder -schäden geführt.

Alles was kaputt gehen kann, geht auch kaputt: Stirnbeinbruch, Rissquetschwunde an Auge und Nase, Bänderriss in der Schulter, gebrochene Rippen, Leisten-, Adduktorenzerrung, Ellen- und Kahnbeinbruch, Kapselriss an drei Fingern, Meniskusoperation, sowie Bänderriss im Knöchel, gleichsam das „who is who“ dessen, wo und wie sich ein Leistungssportler überall verletzen kann, findet sich in der Krankenakte des ehemaligen österreichischen Klassegoalies Erwin Fuchsbichler.

Studien, die sich mit der Entwicklung einer Gonarthrose und einer Arthrose des oberen Sprunggelenks (OSG) bei ehemaligen Profispielern beschäftigten, zeigen eine deutlich erhöhte Prävalenz für diese Erkrankungen verglichen mit der Normalbevölkerung. Diese degenerativen Veränderungen sind typisch für einen Sportschaden. Dabei ist dieser nach Dr. Philipp Forkel und Prof. Dr. Andreas B. Imhoff wie folgt definiert:

• Aufgetretene Gewebeschäden im Rahmen einer Sportausübung während einer Sportlerkarriere.

• Strukturschäden an Gelenken

Diese Sportschäden können als Folge einer Überlastung oder einer wiederholten Mikrotraumatisierung beobachtet werden. Dazu zählen Tendinopathien (Hamstrings, Achillessehne usw.) und degenerative Knorpelschäden der Gelenke der unteren Extremitäten.

Soccer ankle

Dieser Knöchelschaden ist eine Mischform, bei dem aus einer Sportverletzung ein Sportschaden entstehen kann. Als Folge rezidivierender Distorsionen des OSG reagiert das Gelenk auf die vermehrte Instabilität durch osteophytäre Anbauten. Die Beweglichkeit des OSG nimmt ab, es wird ein Verlust der Extensionsfähigkeit beschrieben.

Die Sportverletzung stellt ein Akutereignis dar. Diese ist als Körperschädigung während der Sportausübung definiert und kann ohne oder mit Fremdeinwirkung auftreten. Im Fußballsport betreffen 60 bis 90 Prozent der Verletzungen die unteren Extremitäten. Die Inzidenz an Wettkampfassoziierten Verletzungen steigt mit dem Alter der Probanden an.

Als typische Sportverletzungen gelten akute Muskelverletzungen (Muskelfaserriss, -bündelriss), Rupturen von Ligamenten (z. B. Riss des vorderen, des hinteren Kreuzbandes, der Kollateralbänder), Meniskusverletzungen, Frakturen und traumatische Knorpelschäden. Diese Verletzungen können lange Ausfallzeiten mit sich bringen und zu posttraumatischen Schädigungen führen.

Akute Muskelverletzungen werden selten operiert. Typischerweise kommen konservative und physikalische Therapien zur Anwendung. Ausnahmen sind ein Kompartmentsyndrom, Muskelbündelrisse (knöcherne Muskelabrisse, z. B. proximale Hamstringsehnen) und große intramuskuläre Hämatome mit der Gefahr der Ossifikation. Diese stellen eine Operationsindikation dar.

Die Prävention dieser Verletzungen ist erste Pflicht der Ärzte, Trainer und Betreuer. Zwar können heute viele Verletzungen konservativ oder operativ versorgt werden, ein langfristiger Schaden ist aber nicht immer abzuwenden. Bei 82 Prozent der Teilnehmer einer Fußballer-Studie konnten die Forscher zwölf Jahre nach Ruptur des vorderen Kreuzbandes (VKB) radiologische Zeichen einer Gonarthrose nachweisen. Interessanterweise hatte die operative Rekonstruktion des VKB keinen Einfluss auf diese Entwicklung. Um Risikofaktoren ausschalten zu können, müssen die Verletzungsursachen, z. B. des Risses des VKB, verstanden werden. Der Riss des VKB tritt im Fußballsport typischerweise bei der Landung nach einem Sprung und während schneller Richtungswechsel auf. Aus Videoanalysen weiß man, dass sich das Kniegelenk bei der Verletzung häufig in leichter Beugeposition, in Valgus- sowie Außenrotation befindet.

FIFA 11+

Präventionsprogramme zielen darauf ab, den Sportler über riskante Bewegungsmuster zu informieren und diese zu modifizieren. Dabei lassen sich diese Programme in das Training miteinbeziehen. Mit ihnen konnte für den jeweiligen Interventionszeitraum eine Reduktion neuer VKB-Rupturen nachgewiesen werden. Ein systematisches Review, dass das FIFA 11+ Programm zur Verletzungsvermeidung im Fußballsport untersucht, konnte eine Reduktion von Verletzungen bis zu 70 Prozent nachweisen. Spieler mit hoher Compliance konnten das Verletzungsrisiko reduzieren und zeigten neuromuskuläre und motorische Verbesserungen.

Der Artikel basiert auf der Veröffentlichung „Folgeschäden bei Fußballern“ von Dr. Philipp Forkel und Prof. Dr. Andreas B. Imhoff in der Zeitschrift „MMW Fortschritte der Medizin“ 2015/12, © Springer Verlag.

Die gesammelten Literaturhinweise zu diesem Artikel finden Sie auf www.springermedizin.at

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