zur Navigation zum Inhalt
Mit Biofeedback lassen sich Dyssynergien durchbrechen.
 
Allgemeinmedizin 1. Dezember 2013

Wenn nur noch wenig geht

Eine chronische Obstipation kann viele Ursachen haben. Ebenso viele Ansätze gibt es, ihr zu begegnen.

Nicht jeder muss jeden Tag müssen, betonte Prof. Dr. Stefan Müller-Lissner von der Park-Klinik Weißensee in Berlin in einem Vortrag bei der UEG Week 2013.

Diese falsche Vorstellung muss man beunruhigten Patienten nehmen. Wer mit wenigen Stuhlgängen pro Woche beschwerdefrei ist, muss sich deshalb keine Gedanken machen. Wenn allerdings über lange Zeit zur geringen Frequenz des Stuhlgang Symptome wie harter Stuhl, aufgeblähter Bauch und Blähungen kommen, sollte man als Arzt genauer nachfragen, z.B. wie lange eine „Sitzung“ dauert und wie anstrengend sie ist, ob die Entleerung als unvollständig empfunden wird oder schmerzhaft ist und ob mit den Fingern nachgeholfen werden muss.

Beratung kann schon helfen

Im ersten Schritt sollte man den Patienten das Einplanen von genügend Zeit für den Stuhlgang und die Sitzung nach dem Frühstück empfehlen: Nach dem Aufstehen und dem Frühstück ist die Darmaktivität besonders ausgeprägt, die Zeit für den Stuhlgang am günstigsten.

Die Aufnahme von genügend Flüssigkeit wird häufig propagiert – tatsächlich ist es vor allem wichtig, ein Defizit zu vermeiden. Ein Effekt einer hohen Flüssigkeitsaufnahme auf eine chronische Obstipation konnte dagegen in Studien nicht belegt werden. Auch der gut gemeinte Rat zur körperlichen Aktivität hat keine Evidenzbasis, meint Müller-Lissner – möglicherweise, weil die Patienten nie so aktiv werden, wie empfohlen. Dagegen ist die Wirksamkeit einer empirischen Therapie mit Ballaststoffen zumindest bei chronisch verstopften Patienten, die keine Slow-Transit-Erkrankung oder Defäkationsstörung haben, eindeutig belegt. Allerdings fühlen sich viele Patienten von den begleitenden Blähungen beeinträchtigt. Die gehen aber bei vielen Patienten nach einiger Zeit vorbei, weil sich die Darmflora anpasst, meint Müller-Lissner. Es ist also auch Geduld gefragt.

Falscher Reflex

Gänzlich kontraproduktiv ist die Ballaststoff-Behandlung bei Defäkationsstörungen wie der Dyssynergie. Wo normalerweise die Kontraktion des Darms und Entspannung des Beckenbodens beim Stuhlgang zusammenkommen, liegt bei einer Beckenboden-Dyssynergie eine paradoxe Reaktion vor: Der M. puborektalis kontrahiert, der Analkanal zieht sich zusammen. Das lässt sich leicht feststellen, betonte Lin Chang vom Oppenheimer Family Center for Neurobiology of Stress, Los Angeles: Bei der digitalen Untersuchung lässt sich der Muskel ertasten. Bei einer Bewegung, die den Winkel zwischen Muskel und Darm erweitert, erfolgt normalerweise eine Entspannung des Analkanals, bei Dyssynergie aber eine Kontraktion. Entsprechend fühlt sich der Analkanal auch enger an, wenn der Patienten presst. Natürlich müsse man die Patienten vorher gut aufklären und eine möglichst entspannte Situation erzeugen, damit die Kontraktion nicht Artefakt von Schamgefühl und Stress sei, so Chang.

Kommt eine solche paradoxe Reaktion mit erfolglosen Therapieversuchen mit Ballaststoffen und Laxanzien und fehlenden Warnzeichen für andere Erkrankungen zusammen (viele Patienten haben schon mehrere ergebnislose Koloskopien hinter sich), dann kann die Defäkationsstörung mit objektiven Testverfahren untersucht werden, z. B. mit der anorektalen Manometrie und dem rektalen Ballontest.

Für den Ballontest gibt es in den USA nur ein zugelassenes Modell, Chang weiß aber ein preisgünstigeres Verfahren: Ein abgeschnittener Handschuhfinger wird mit 50 ml gefüllt, verschlossen und eingeführt. Der Patient muss diesen Ballon dann möglichst innerhalb von einer, maximal zwei Minuten ausscheiden.

Entspannung schaffen

Chang schätzt, dass bei bis zu 25 Prozent der Patienten mit chronischer Obstipation eine Dyssynergie zumindest mit eine Rolle spielt. Häufig hat sich hier in einem lebenslangen Teufelskreis die paradoxe Reaktion aufgebaut. Nach ihrer Erfahrung lässt sich dies nicht selten mit Biofeedback durchbrechen. Eine kontrollierte Studie belegte die Wirksamkeit dieser Maßnahme (Chiaroni et al.: Gastroenterology 2006): Der Stuhlgang von 80 Prozent der Patienten hatte sich bei Biofeedbacktraining nach sechs Monaten deutlich verbessert. Bei Laxanzanwendung (Polyethylenglykol) gaben einen solchen Therapieerfolg nur 20 Prozent an, die meisten berichteten über keine Änderung oder sogar Verschlechterung.

Quelle: Lunch Session: Optimal treatment of severly constipated patients, 21. UEG Week, Berlin, 12.–16. Oktober 2013

springermedizin.de , Ärzte Woche 48/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben