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Chirurgie 25. April 2013

Stille Dramen

Wach, aber keiner merkt es: Wie häufig ist der Albtraum im OP?

Der Patient ist während der Operation bei vollem Bewusstsein, aber der Anästhesist bemerkt es nicht: Einer Studie zufolge sind die wenigsten Kliniken auf solche Vorkommnisse eingestellt.

Dem Anschein nach läuft alles nach Plan: Die Operation ist in vollem Gange, die Narkose wirkt – doch nur scheinbar: Für den Patienten spielt sich indessen ein Albtraum ab. Später wird er berichten, er habe bewusst mitbekommen, wie man ihn „aufgeschnitten“ habe, ohne sich rühren zu können.

Solche Fälle – der Fachausdruck lautet AWR (Accidental AWareness during intended general anaesthesia with postoperative explicit Recall) – ereignen sich immer wieder. Die Patienten erinnern sich trotz Vollnarkose an Einzelheiten des Eingriffs oder auch daran, wie sie in den OP gefahren wurden oder wie man sie intubierte. Von Angst und Stress wird berichtet, bisweilen auch von extremen Schmerzen.

Britische Autoren sind nun der Häufigkeit von solchen AWR-Ereignissen nachgegangen. Ergebnis: In 265 Kliniken waren den insgesamt über 7.000 dort tätigen Anästhesisten innerhalb eines Jahres 153 Fälle zu Ohren gekommen, in denen die Patienten sich an Ereignisse während der Allgemeinanästhesie erinnerten. In 30 Prozent der Fälle waren die Wachphasen während der Operation aufgetreten, 62 Prozent dieser Patienten berichteten anschließend von Schmerzen oder Stress. Die Mehrheit der AWR fiel jedoch in die dynamischen Phasen des Ein- bzw. Ausleitens der Narkose.

Phänomen unterschätzt

Nach Hochrechnungen der Autoren ereignen sich solche Vorfälle also mit einer Häufigkeit von rund 1:15.400. Bisher war man davon ausgegangen, dass AWR wesentlich häufiger vorkommen, nämlich in ein- bis zwei Fällen pro 1.000 Allgemeinanästhesien. US-Experten zufolge unterschätzt die britische Studie denn auch die wahre Inzidenz: Wie Michael S. Avidan von der Washington University School of Medicine und George A. Mashour, University of Michigan Medical School, betonen, hätte man, um genauere Zahlen zu erhalten, die Betroffenen gezielt nach Erinnerungen an die Zeit während der Narkose befragen müssen. Das Team aus Oxford hatte jedoch spontane Schilderungen von Patienten als Grundlage für ihre Datensammlung genommen.

In Großbritannien kämen zudem anstelle der endotrachealen Intubation häufig supraglottische Atemwegshilfen wie Larynxmasken zum Einsatz. Auf neuromuskuläre Blocker könne dann verzichtet werden, schreiben Avidan und Mashour. Auch dieser Umstand könnte das Ergebnis beeinflusst haben.

Überwachung per EEG?

Nur ein verschwindend geringer Anteil (1,8%) der befragten Anästhesisten setzte routinemäßig einen Monitor zur Narkoseüberwachung ein, obwohl ein solches Gerät in mehr als der Hälfte der teilnehmenden Zentren bereit stand. Nur zwölf Zentren hatten einen Notfallplan zum Management von AWR parat.

Nach den Empfehlungen des britischen NICE-Instituts sollte die Allgemeinanästhesie in folgenden Fällen mit einem EEG-Monitor überwacht werden: bei Patienten mit erhöhtem Risiko für AWR oder zu erwartender hämodynamischer Instabilität sowie bei Patienten, bei denen man davon ausgehen muss, dass sie auf gängige Dosierungen von Anästhetika empfindlich reagieren. Besonders wenn die Narkose ausschließlich intravenös erfolge, sollte man den Einsatz eines EEG in Erwägung ziehen, so die Richtlinien..

Mit einer solchen Vorsorge lassen sich unangenehme Folgen vermeiden, nicht nur für den Patienten, bei dem ein solches Erlebnis nicht selten ein behandlungsbedürftiges Trauma auslöst, sondern auch für die Klinik: In der britischen Studie mündete der Vorfall in fast jedem fünften Fall in einer formellen Beschwerde, vier Prozent aller Betroffenen zogen sogar vor Gericht.

Originalpublikation: Pandit JJ et al. : Br J Anaesth 2013 ; 110 (4): 501–509

springermedizin.de, Ärzte Woche 17/2013

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