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Neurologie 22. April 2013

Serotonin-Syndrom

Potenziell lebensbedrohliche Arzneimittelnebenwirkung bei Schmerzpatienten.

Das Serotonin-Syndrom, eine Vergiftung durch den körpereigenen Neurobotenstoff Serotonin, kann in Folge der Einnahme bestimmter Medikamente auftreten. Eine wichtige Rolle spielen dabei Antidepressiva und Schmerzmedikamente, die bei chronischen Schmerzpatienten eingesetzt werden. Die Häufigkeit des potenziell lebensbedrohlichen Serotoninsyndroms wird unterschätzt, warnten Experten beim Internationalen Wiener Schmerzsymposium.

Depression und Schmerz sind untrennbar miteinander verbunden: Einerseits erhöht chronischer Schmerz die Gefahr für Depression und andererseits ist Schmerz auch ein häufiges Symptom einer Depression. Eine komorbide Depression ist bei rund 50 Prozent aller Patienten mit chronischem Schmerz vorhanden. Belastungsfaktoren, wie Trauma oder chronischer Stress gelten als potenzielle Auslöser sowohl für Depression als auch für chronischen Schmerz.

Antidepressiva haben sich sowohl in der Therapie der Depression als auch des Schmerzes als wirksam erwiesen. Praktisch alle Antidepressiva erhöhen die im Gehirn verfügbare Menge des Neurobotenstoffs Serotonin ebenso wie bestimmte Schmerzmedikamente wie beispielsweise Tramadol. „Wenn aufgrund unbeabsichtigter Wechselwirkungen oder einer Überdosierung spezieller Medikamente der Serotonin-Spiegel zu hoch ansteigt, kommt es zum Serotoninsyndrom, einer potenziell lebensbedrohlichen Arzneimittelnebenwirkung. Dabei handelt es sich jedoch um keine Arzneimittelnebenwirkung im engeren Sinn, sondern eigentlich um eine Serotonin-Vergiftung“, betonte Dr. Birgit Kraft von der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie an der Medizinischen Universität Wien.

Die Komplikation ist keine Seltenheit. Das „Toxic Exposure Surveillance System“ in den USA berichtete im Jahre 2004 über 8.187 Patienten, bei denen milde bis schwere Formen des Serotoninsyndroms festgestellt wurden. 103 Betroffene verstarben daran. „Experten schätzen jedoch, dass das Serotonin-Syndrom deutlich häufiger ist und oft nicht erkannt wird. In Studien dachten bis zu 85 Prozent der befragten niedergelassenen Ärzte bei entsprechender Symptomatik nicht an ein Serotonin-Syndrom“, so Kraft.

Gefährliche Überstimulation

Serotonin hat zahlreiche Funktionen im menschlichen Organismus, die über mindestens 14 verschiedene Serotonin-Rezeptoren vermittelt werden. Serotonin wirkt unter anderem auf das Herz-Kreislauf-System, den Magen-Darm-Trakt, die Blutgerinnung und das Zentralnervensystem (ZNS). Im ZNS hat es beispielsweise Wirkung auf die Stimmung, den Appetit, den Schlaf-Wach-Rhythmus, die Schmerzverarbeitung, das Sexualverhalten und die Temperaturregulation.

Serotonin selbst kann nicht als Medikament genützt werden. Stattdessen kommen Arzneimittel zum Einsatz, die die Freisetzung, die Wirkung, die Wiederaufnahme und den Abbau von Serotonin beeinflussen (Tabelle). Neben Antidepressiva tun das auch viele Medikamente gegen Schmerzen, Schlafstörungen, Migräne, Übelkeit oder Bluthochdruck. Werden solche Substanzen kombiniert, was gerade bei chronischen Schmerzpatienten häufig vorkommt, oder in zu hoher Dosis eingenommen, können Serotonin-Rezeptoren im Gehirn oder in der Peripherie überstimuliert werden und ein Serotoninsyndrom kann auftreten. Dies kann auch bei missbräuchlicher Einnahme von Amphetaminen oder Drogen wie Kokain und Ecstasy geschehen. In den meisten Fällen beginnen die Symptome des Serotonin-Syndroms innerhalb der ersten 24 Stunden bzw. sogar sechs Stunden nach Medikamentenwechsel oder einer Dosiserhöhung.

Die Diagnose ist oft schwierig

Das Serotonin-Syndrom kann schwierig zu erkennen sein, betonte Kraft. „Einen Labortest gibt es nicht, die Diagnose muss anhand der vielfältigen Symptome gestellt werden. Das klinische Bild ist durch drei Symptomenkomplexe gekennzeichnet:

• Kognitive Veränderungen: z.B. Kopfschmerzen, Agitiertheit, Verwirrtheit, Delirium, im schlimmsten Fall Koma

• Autonome Störungen: Zittern, Hyperthermie, Tachykardie, Hypertonie, Diarrhoe

• Neuromuskuläre Symptome: z.B. Tremor, Hyperreflexie, Myoklonus, Rhabdomyolyse

Die Diagnose eines Serotonin-Syndroms ist selbst für Fachleute schwierig. „Kommt es nach der Einnahme von Schmerzmedikamenten, Antidepressiva, Parkinsonmedikamenten, Medikamenten gegen Erbrechen oder Migräne oder des Antibiotikums Linezolid zu einigen solcher Symptome, sollte der Notarzt verständigt werden. Dies gilt besonders bei erstmaliger Einnahme, nach einer Dosiserhöhung oder wenn Medikamente kombiniert werden“, riet Kraft.

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