zur Navigation zum Inhalt
11606_204x153
 
Neurologie 22. April 2013

Migräneprophylaxe: überwiegt der Nutzen den Schaden?

Herkömmliche Migränemittel, die vorbeugend verordnet werden, unterscheiden sich kaum in ihrer Wirkung, wohl aber in ihren Nebenwirkungen.


Migränekopfschmerz führt zum Unwohlsein und beeinträchtigt die Lebensqualität. Einige Menschen leiden unter häufigen und so heftigen Migräneanfällen, dass sie regelmäßig Medikamente brauchen, um die Attacken präventiv abzuwehren. Im Springer-Fachjournal Journal of General Internal Medicine² erscheint ein neuer Übersichtsartikel¹ darüber, welche Art von Medikamenten bei der Vorbeugung episodischer Migräneanfälle helfen können. Die Autoren Tatyana Shamliyan von der University of Minnesota School of Public Health und ihre Kollegen vergleichen publizierte Forschungsergebnisse zu den verfügbaren Medikamenten, um die besten Medikamente zur Migräneprophylaxe bei gleichzeitig möglichst geringen Nebenwirkungen zu finden.

 

Durch vorbeugende Migränebehandlungen wird versucht, die Anzahl der Migräneanfälle um 50 Prozent zu reduzieren. Es gibt viele verschiedene Medikamente, die weit verbreitet sind – sie alle können aber Nebenwirkungen haben. Die Wissenschaftler analysierten die Ergebnisse von Studien, die untersuchten, wie gut verschiedene Arten von Medikamenten wirken und wie verträglich diese hinsichtlich der Begleiterscheinungen sind. In den Studien wurden meist Frauen mittleren Alters mit episodischer Migräne beschrieben, die durchschnittlich fünf Migräneanfälle pro Monat erlitten.

Die Autoren fanden heraus, dass alle zugelassenen Medikamente, die in den vorliegenden Tests herangezogen wurden, die Anzahl der monatlichen Migräneanfälle stärker reduzierten als Placebos. Alle Medikamente hatten eine ähnliche Wirkung. Sie konnten die Hälfte oder mehr Migräneanfälle bei 200 bis 400 von 1000 behandelten Patienten verhindern. Der Einsatz von Antiepileptika und Antidepressiva als sogenannter Off-Label-Use schien die gravierendsten Nebenwirkungen auszulösen, was im Normalfall zu einem Abbruch der Behandlung führte. Der Off-Label-Use von Betablockern und Angiotensin-hemmenden Medikamenten verursachte die geringsten Nebenwirkungen. Off-Label Use bedeutet den Einsatz von Medikamenten, die von der Arzneimittelzulassungsbehörde ‚eigentlich‘ zur Behandlung einer anderen Krankheit zugelassen sind, nicht aber, wie in diesem Fall zur Behandlung von Migräne.

Die American Academy of Neurology und die American Headache Society empfehlen zurzeit zwei Antiepileptika und zwei Betablocker zur Migränevorbeugung bei Erwachsenen. Bei diesen Empfehlungen wurde allerdings nicht der Zusammenhang zwischen Wirksamkeit und schädlichen Nebenwirkungen der Medikamente berücksichtigt. Bei Antiepileptika ist ein erhöhtes Auftreten sofortiger Nebenwirkungen zu verzeichnen und es gibt Nachweise aus anderen Studien, dass diese Medikamente bei einer Langzeitanwendung zu sexuellen Problemen wie beispielsweise Impotenz führen können. Das würde ihren langfristigen Einsatz ausschließen.

Shamliyan und ihre Kollegen empfehlen, dass zukünftige Studien die Auswirkungen von zugelassenen und von Off-Label-Medikamenten untersuchen sollten und dabei Demographie, Familiengeschichte der Migräne, andere Krankheiten und Reaktionen auf vorhergehende Behandlungen berücksichtigt werden sollten. Außerdem schlagen sie vor, die Überwachung zu verstärken, um schädliche Nebenwirkungen der aktuell verfügbaren Medikamente zur Migränevorbeugung besser zu kontrollieren. Nur wenn die erforderlichen Nachweise zur Verfügung stehen, haben Migränepatienten die besten Chancen auf eine Verbesserung ihrer Lebensqualität mithilfe einer vorbeugenden Behandlung, die mehr Vorteile als Nachteile bietet.

 

Quellen

1. Shamliyan, T.A., et al. (2013), Preventive pharmacologic treatments for episodic migraine in adults, Journal of General Internal Medicine. DOI 10.1007/s11606-013-2433-12.

2. Das Journal of General Internal Medicine ist das Fachorgan der Society of General Internal Medicine.

Springer Heidelberg, springermedizin.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben