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Ziel der neu gegründeten Initiative „Schmerzinformation – Wissen macht stark!“ ist, die Selbstverantwortung und Eigenständigkeit von Menschen, die an chronischem Schmerz leiden, nachhaltig verbessern zu helfen.
© privat

Dr. Renate Barker, MSc Fachärztin für Anästhesie & Allgemeine Intensivmedizin in Wien

© rsdigital.de/fotolia.com
 
Neurologie 3. April 2013

Schmerz holistisch

Wider die Sinnkrise des rein naturwissenschaftlich-rationalen Denkens in der Medizin.

Am 19. April findet im Wiener Rathaus zum 7. Mal der „Wiener Schmerztag“ statt, in dessen Rahmen sowohl ein umfangreiches Laienprogramm geboten wird wie auch die wissenschaftliche Fortbildungsveranstaltung „Schmerz holistisch“. Wir sprachen mit der Tagungspräsidentin und Präsidentin der neu gegründeten Initiative „Schmerzinformation – Wissen macht stark!“, Dr. Renate Barker, Fachärztin für Anästhesie & Allgemeine Intensivmedizin in Wien über diese Tagung und die Ziele der Initiative.

Was kann sich der Besucher Ihrer Veranstaltung unter dem Titel „Schmerz holistisch“ vorstellen?

Barker: Der holistische Gedanke in der Medizin soll einen verbindenden Charakter darstellen, der mit visionären medizinischen und pflegerischen Konzepten eine Antwort auf die Sinnkrise des naturwissenschaftlich-rationalen Denkens zu finden versucht. Da jeder Mensch hierzu eigene Erfahrungen und Vorstellungen hat, ist eine Vereinheitlichung der Definition von Ganzheit derzeit schwierig bis unmöglich. Die einzelnen Theorien dazu ziehen die Eigenschaften des Ganzen und nicht jene der isolierten Teile zur Erklärung komplexer Systeme wie beispielsweise des bio-psycho-sozialen Modells heran. Pragmatischere Betrachtungsweisen fordern als Ziel der Betreuung und Behandlung eine umfassende Berücksichtigung aller Aspekte des Krankseins unter Beachtung der Lebensbedingungen des Patienten, seiner Vorstellung von Krankheit und Gesundheit. Somit hat Ganzheitlichkeit in der Medizin in erster Linie den kranken Patienten und dessen Kranksein, nicht jedoch die Krankheit selbst im Blick.

Sie und Prof. Dr. Wilfried Ilias sind gemeinsam Präsidenten des neu gegründeten Vereins „Schmerzinformation – Wissen macht stark!“. Was war die Intention für die Gründung und welche Initiativen setzt der Verein?

Barker: Chronischer Schmerz als eigenständige Erkrankung, aber auch andere chronische Erkrankungen, können das Leben der Betroffenen und das ihres sozialen Umfeldes auf vielfältige Art verändern. Oft gehen diese Erkrankungen mit unangenehmen körperlichen Symptomen einher, jedoch kann auch der Einfluss auf das seelische Wohlbefinden und die Angst vor der eigenen Zukunft bzw. der seiner Angehörigen individuell unterschiedlich belastend sein.

Die Initiative „Schmerzinformation – Wissen macht stark!“ ist eine Gruppe von Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegenden unterschiedlichster Fachdisziplinen unter anästhesiologischer Leitung, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Betroffene und deren Angehörige im Sinne des interdisziplinären multimodalen Schmerztherapiekonzeptes in deren Bemühungen, gegen das tägliche Leid, das chronischer Schmerz verursacht, zu unterstützen. Dies betrifft sowohl Informationen zur Verminderung des subjektiven Schmerzempfindens, das durch die Erkrankung selbst hervorgerufen wird, wie auch zur Bekämpfung von unerwünschten Nebenwirkungen, die durch ursächliche Therapien der Grunderkrankung hervorgerufen werden können.

Die Initiative „Schmerzinformation – Wissen macht stark!“ steht allen Interessierten als Team zur Verfügung, informiert über eine Homepage und bietet Unterstützung auf professioneller, spiritueller und empathischer Ebene im Rahmen öffentlich zugänglicher Veranstaltungen, wie beispielsweise dem 7. Wiener Schmerztag. Ziel der Initiative ist, die Selbstverantwortung und Eigenständigkeit von Menschen, die an chronischem Schmerz leiden, nachhaltig verbessern zu helfen.

Im Rahmen des 7. Wiener Schmerztages im Rathaus findet auch ein populärmedizinisches Programm statt. Was erwartet die Laienbesucher?

Barker: Die Publikumsveranstaltung „7. Wiener Schmerztag“, die am 19. April 2013 im großen Festsaal des Rathauses Wien stattfindet, ist eine von der Stadt Wien unterstützte kostenlose Veranstaltung, die Information, Rat und Hilfe bietet. Die ganztägigen Vorträge von Expertinnen und Experten unterschiedlicher medizinischer Fachrichtungen werden durch Fragestunden, in denen gezielt auf das Publikum eingegangen wird, ergänzt. Die zahlreich vertretenen Ausstellerinnen und Aussteller bieten einen breiten Überblick über das medizinische Angebot zum Thema „Schmerz“. Hier stehen vor allem die persönliche Beratung und die Bewusstseinsbildung, mithilfe professioneller Institutionen und wissenschaftlich anerkannter Methoden als Betroffene/ Betroffener selbst aktiv werden zu können, im Vordergrund.

In ihrem Fachvortrag widmen Sie sich dem Thema „neuropathischer Juckreiz“. Welche Bedeutung hat dieser für Betroffene, und wie lässt er sich behandeln?

Barker: Jucken galt lange Zeit als „der kleine Bruder des Schmerzes“. Erst im Jahr 1997 bestätigten neurophysiologische Untersuchungen, dass Pruritus eine eigenständige Sinnesqualität mit eigenen Leitungsbahnen im zentralen und peripheren Nervensystem darstellt und damit klar von der Schmerzwahrnehmung abgegrenzt ist.

Chronischer Pruritus ist ein häufiges Symptom bei Hauterkrankungen, kommt jedoch auch bei Systemerkrankungen wie etwa Nierenerkrankungen, metabolischen und endokrinologischen Erkrankungen oder Infektionen vor. Die Bandbreite der möglichen zugrunde liegenden Erkrankungen macht ein schrittweises diagnostisches und therapeutisches Vorgehen notwendig, wobei eine Kombination verschiedener Therapieansätze unter Einbeziehung einer psychologischen bzw. psychotherapeutischen Begleitung einer Monotherapie vorzuziehen ist.

Kratzen führt über den dadurch provozierten Schmerzreiz zu einer vorübergehenden Dämpfung des Juckempfindens. Häufig entstehen allerdings unwillkürlich Hautverletzungen etwa als Folge von Automatismen bei Unaufmerksamkeit oder im Schlaf, des Weiteren treten diese auch gehäuft bei Demenz auf.

Bei vielen juckenden Dermatosen und Systemerkrankungen spielt Histamin eine untergeordnete Rolle, woraus das geringe Ansprechen auf Antihistaminikatherapien resultiert. In diesen Fällen steht die Unterdrückung entzündlicher Vorgänge bzw. die Suppression des Immunsystems im Vordergrund.

Wo sehen Sie noch Aufholbedarf im Bereich der Schmerzmedizin?

Barker: Aufholbedarf besteht im Wesentlichen noch in der Akzeptanz der Gesellschaft, chronischen Schmerz als eigenständige Erkrankung anzuerkennen. Obwohl 2009 die Diagnose F 45.41 Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren in der deutschen Ausgabe des ICD-10 eingeführt wurde, mit der wissenschaftliche Erkenntnisse über die vielfältigen Ursachen chronischer Schmerzen nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf psychischer Ebene abgebildet werden können, werden Betroffene immer noch mit großer zeitlicher Latenz einer Schmerzbehandlung zugeführt. Dieser Umstand begünstigt gleichermaßen die Entstehung chronischer Schmerzen und die Ausbildung des sogenannten Schmerzgedächtnisses.

Das Interview führte Mag. Harald Leitner.

Kontakt:
Dr. Renate Barker, MSc., Präsidentin „Schmerzinformation - Wissen macht stark!“
E-Mail:  
www.schmerzinformation.at  
Anmeldung & Info: Fortbildung „Schmerz Holistisch“
E-Mail:  

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