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© Ivanova Inga / shutterstock
Meditation kann die Schmerzschwelle senken, allerdings bedarf das in der Regel jahrelanger Übung.
 
Allgemeinmedizin 2. November 2012

Zen oder die Kunst, die Schmerzempfindung zu lindern

World Congress on Pain: kognitive Kontrolle bei Schmerz- und Emotionsregulation.

Kann man durch meditative Übungen gegen Schmerzen unempfindlicher werden? Selbstverständlich sagen Fakire, buddhistische Mönche und Nonnen und mittlerweile auch die Gehirnforscher. Die funktionelle Bildgebung zeigt dabei erstaunliche Parallelen zwischen meditationsinduzierten Gehirnaktivierungsmustern und Jahrtausende alten Beschreibungen der dazu erforderlichen Geisteshaltung.

Vor einigen Jahren wurde eine Gruppe japanischer Neurophysiologen auf einen Yogameister aufmerksam, der behauptete, während der Meditation keine Schmerzen zu empfinden, gleich, was man mit ihm währenddessen anstelle. In der daraufhin durchgeführten fMRT-Studie reagierte das Gehirn des Yogi auf laserinduzierte nozizeptive Reize am Fußrücken außerhalb der Meditation wie zu erwarten mit einer Aktivierung Schmerz verarbeitender Areale wie Thalamus, Insel und Zingulum. Unter der Meditation jedoch, einem Zustand, in dem das parallel abgeleitete EEG ausgeprägte Alpha-Power meldete, blieb die Antwort dieser Areale auf die applizierten Hitzereize aus (R. Kakigi et al., Eur J Pain 9, 2005, 581-589).

Schmerzschwelle steigt mit den Jahren der Übung

„Dass Meditation die Schmerzwahrnehmung beeinflussen kann und das mit bedeutsamen funktionellen und strukturellen Veränderungen des Gehirns einhergeht, wurde in den letzten Jahren durch eine Reihe von Studien bestätigt“, berichtet Dr. Joshua A. Grant, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig in ihrem Vortrag am 14th World Congress on Pain in Mailand. Dabei gelte es, auch hinsichtlich der zerebralen Wirkmechanismen, zwei grundsätzlich unterschiedliche Kategorien von Meditationstechniken zu unterscheiden – konzentrative Techniken und Mindfulness-basierte.

Grant und Mitarbeiter untersuchten in einer Studie die Schmerzverarbeitung von 13 erfahrenen Zen-Meditierenden und verglichen sie mit 13 nach Alter und Geschlecht gematchten Kontrollpersonen ohne Meditationserfahrung. Bereits außerhalb der Meditation waren die Zen-Erfahrenen signifikant weniger schmerzempfindlich als die Kontrollpersonen, das heißt, sie hatten eine höhere Schmerzschwelle gegenüber Hitzereizen und konnten diese durch die Meditation noch weiter erhöhen. Dieser Effekt der Meditation war umso stärker, je mehr Meditationserfahrung die Probanden hatten und je langsamer ihre Atemfrequenz war.

Frontalkortex mischt sich weniger ein

„In der MRT fanden wir, dass eine niedrigere Schmerzempfindlichkeit mit einem dickeren Kortex in affekt- und schmerzbezogenen Regionen einhergeht, einschließlich Gyrus hippocampi und dem vorderen Teil von Zingulum und Insel“, ergänzte Grant. Bei Meditations-Erfahrenen war der Kortex im dorsalen anterioren Zingulum und im sekundären somatosensorischen Areal dicker als bei Unerfahrenen. Die Dicke des vorderen zingulären Kortex korrelierte mit der Dauer der Meditationserfahrung. In der fMRT identifizierten Grant et al. schließlich einen starken Prädiktor für die Schmerzunempfindlichkeit der Meditierenden: die Reduktion der funktionellen Konnektivität zwischen exekutiven und schmerzbezogenen Kortexarealen.

Das könnte laut Grant auf eine funktionelle Entkopplung der kognitiv-evaluativen von den sensorisch-diskriminativen Schmerzdimensionen hindeuten. Meditierende würden dann Schmerzreize eher neutral wahrnehmen. „Das Aktivierungsmuster, das wir beobachtet haben, ist in diesem Punkt bemerkenswert konsistent mit der Geisteshaltung, wie sie im Zen beschrieben wird“ betonte Grant. Die buddhistischen Lehrtexte sprechen dabei von sati (sanskr.) oder smrti (pali), ein zentraler Begriff in den meisten Meditationsschulen, der im Englischen mit „mindfulness“ übersetzt wird und mit dem deutschen „Achtsamkeit“ nur sehr unvollkommen wiedergegeben ist. Kurz gesagt heißt sati, im gegenwärtigen Augenblick ruhend wahrzunehmen, ohne auf das Wahrgenommene zu reagieren oder es zu bewerten.

Konzept der kognitiven Kontrolle wackelt

Laut Grant stellen die Ergebnisse seiner Forschung die derzeit populären Konzepte über Schmerz- und Emotionsregulation durch kognitive Kontrolle, das heißt durch Aktivierung frontaler exekutiver Areale, komplett auf den Kopf: „Wir halten eine Regulation in einer eher ’passiven‘ Weise für möglich, das heißt indem kognitive Prozesse höherer Ordnung und evaluative Prozesse reduziert werden.“ Das „Herunterfahren“ der Einflussnahme frontaler Prozesse, wie sie im Zustand der Meditation beobachtet wurde, sei dafür möglicherweise ein gutes Modell.

Quelle: 14th World Congress on Pain, „Neurophysiological and structural correlates of meditative analgesia“, Mailand 29. August 2012 .

springermedizin.de, Ärzte Woche 44/2012

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