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Schmerz 15. Juni 2009

Von der Vision zur Realität

Die Schmerzmedizin stellt sich den drängenden Fragen einer adäquaten, das Leiden lindernden Therapie.

Die Österreichischen Schmerzgesellschaft will bei ihrer diesjährigen wissenschaftlichen Tagung einmal mehr auf ein drängendes Problem aufmerksam machen: dass in der Schmerztherapie zwar oft davon gesprochen wird, den Patienten eine ausreichende Schmerztherapie zukommen zu lassen, aber nicht darüber, wie die Realität aussieht. Diese sei nach wie vor ernüchternd, wurde bei der Pressekonferenz zur Tagung betont, auf der die Highlights zusammengefasst wurden.

„Trotz aller Fortschritte bei den Methoden der modernen Schmerzmedizin gibt es noch viel zu tun“, betonte Prim. Priv. Doz. Dr. Christian Lampl, Leiter der Abteilung für Allgemeine Neurologie und Schmerzmedizin, Konventhospital der Barmherzigen Brüder, Linz, und Sekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG), und belegte dies mit Zahlen:

  • Generell beantworten heute in Österreich 23 Prozent der Befragten die Frage „Leiden Sie selbst über drei oder mehr Monate hinweg an chronischen Schmerzen?“ mit „Ja“. (Quelle: IMAS Umfrage der ÖSG).
  • Schmerz ist das bei alten Menschen am häufigsten berichtete Symptom, laut einer Erhebung in mehreren europäischen Ländern sind mehr als 50 Prozent der zu Hause Lebenden davon betroffen und mehr als 80 Prozent der Menschen in Pflegeheimen. (Quelle: IASP).
  • In der Gruppe der über 50-Jährigen haben bereits 43 Prozent chronische Schmerzen. Bei den über 65-Jährigen sind mehr als 50 Prozent davon betroffen, von den über 74-Jährigen berichten rund 75 Prozent von chronischen Schmerzen. (Quellen:Likar et al)

Ein immer häufiger auftretendes Phänomen sei etwa, dass Menschen zu viele Schmerzmittel einnehmen und durch diesen Übergebrauch Kopfschmerzen bekommen. So leidet bereits rund ein Prozent der Bevölkerung an schmerzmittelinduziertem Kopfschmerz, Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer. Es hat keinen Vorteil für die Patienten, von einem Schmerzmittel auf das nächste zu wechseln, sondern es muss ein Entzug der Schmerzmittel gemacht werden. „Leider werden die Krankenhäuser für diese zwei bis drei Wochen dauernde Entzugs-Therapie nicht adäquat bezahlt“, bedauerte Lampl.

Unerwünschte Wirkungen

Bei dementen und gebrechlichen Personen, die sich nicht mehr gezielt äußern können, versagen oft die traditionell eingesetzten Methoden zur Schmerzerfassung und -beurteilung. Neue Beobachtungs-Skalen sind hier wichtige Schritte in die Richtung höherer Sensibilität in der Schmerzmessung: Zum Beispiel die „Beurteilung von Schmerz bei Demenz“ (BESD), ein nur wenige Minuten dauernder Test. Oder die Doloplus-2-Skala, die auf der Beobachtung der Reaktion eines Patienten auf den Schmerz beruht. Diese Skala erfasst psychomotorische und psychosoziale Auswirkungen von Schmerzen, die Einschätzung der Schmerzauswirkungen erfolgt durch Arzt und Pflegeperson.

Mit dem Alter steigt die Krankheitshäufigkeit und damit der Medikamentenkonsum. Daraus ergibt sich das Problem der Polypharmazie, die Verabreichung von mindestens sechs Medikamenten pro Tag. Besonders davon betroffen sind gemäß einer aktuellen Untersuchung vor allem Frauen, Pflegebedürftige, Personen mit mehreren Erkrankungen und Personen, die mit mehreren Diagnosen aus dem Krankenhaus entlassen werden. So leiden 20 bis 25 Prozent der 70- bis 80-Jährigen an unerwünschten Nebenwirkungen. Nicht selten wird der Teufelskreis fortgesetzt, indem zusätzliche Medikamente zur Unterdrückung dieser Nebenwirkungen eingesetzt werden, die ihrerseits wieder unberechenbare Wechselwirkungen entfalten können.

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