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Schmerz 15. Juni 2009

Im Mittelpunkt steht die Zusammenarbeit

Dem chronischen Schmerz soll mit neuen Ausbildungswegen und Kooperation auf mehreren Ebenen besser beigekommen werden.

Die Österreichische Schmerzgesellschaft (ÖSG) will sich neuen Herausforderungen stellen und entwickelt Ideen für eine flächendeckende Schmerzversorgung. So sollen mehr Experten herangebildet werden, die mit dem chronischen Schmerz in all seinen Facetten umgehen können und ihn als biopsychosoziales Phänomen verstehen. In der Therapie will die ÖSG eine Kooperation über Fachgrenzen hinweg forcieren. Zu den Partnern zählen auch die Psychologen, die innerhalb der ÖSG bereits wichtige Aufgaben übernommen haben.

In der Österreichischen Schmerzgesellschaft will man die Patienten nun direkter ansprechen – und das geht insbesondere durch einen näheren Kontakt. Daher suchen die Schmerztherapeuten nach Lösungen für Wohnort-unabhängige Schmerztherapien.

„In der jüngsten Vergangenheit wurde die Bedeutung des Themas ‚chronischer Schmerz’ als besondere Herausforderung der modernen Medizin erkannt. Schließlich hatten oder haben in Österreich rund 20 Prozent der Menschen chronische Schmerzen, im Durchschnitt über mehrere Jahre“, erklärte ÖSG- und Tagungspräsident Prim. Prof. Dr. Michael Bach von der Abteilung für Psychiatrie am KH Steyr und Department für Psychosomatik in Enns, anlässlich der 17. Wissenschaftlichen Tagung der ÖSG.

Bereits 100 Absolventen

So haben inzwischen das Schmerz-Curriculum „Spezielle Schmerztherapie“, das in enger Zusammenarbeit mit der ÖSG entwickelt und von der Österreichischen Ärztekammer approbiert wurde, rund 100 Ärztinnen und Ärzte absolviert. Bach: „Das ist ein echter Durchbruch in der interdisziplinären schmerzmedizinischen Ausbildung und ein Plus an Konsumentenschutz für unsere Patienten.“ Denn diese 100 Mediziner, so glaubt die Schmerzgesellschaft, haben jetzt eine dokumentierte Kompetenz in interdisziplinärer Schmerzmedizin auf dem aktuellen internationalen Stand des Wissens. „Sie begreifen den chronischen Schmerz als biopsycho-soziales Phänomen, sie anerkennen deshalb die Notwendigkeit einer interdisziplinären Schmerztherapie, und sie können mit Kollegen über die Grenzen ihres Fachgebietes hinaus kommunizieren und kooperieren“, zeigte sich Bach von der neuen Ausbildung überzeugt. Das sei leider keine Selbstverständlichkeit, denn Schmerzbehandlung wurde im traditionellen Medizinstudium stets im Rahmen einzelner Fächer gelehrt. Moderne Schmerztherapie hingegen ist nicht mehr ausschließlich fachspezifisch, sondern erfordert den interdisziplinären Blick über den Tellerrand. Das sei der eigentliche schmerzmedizinische Durchbruch, erklärte Bach.

„Es ist in meiner Funktionsperiode als ÖSG-Präsident auch gelungen, die schmerzmedizinischen Strukturqualitätskriterien voranzutreiben“, sagte Bach. Es handelt sich dabei um „Gütesiegel“, die spezielle Institutionen der Schmerztherapie als besonders qualitätsvoll ausweisen sollen. Es gehe darum, dass Patienten die Gewissheit haben, dass in der Schmerztherapie tätige Personen und Institutionen gemäß dem aktuellen Erkenntnisstand der Schmerzmedizin vorgehen. Vor allem hier ortete Bach Mängel, da „die Qualität der angebotenen Leistungen nicht immer berechenbar ist“.

Qualitätskriterien noch unverbindlich

Die ÖSG hat deshalb im Rahmen einer Expertengruppe des Österreichischen Bundesinstitutes für Gesundheitswesen (ÖBIG) verlässliche Kriterien nach internationalen Maßstäben ausgearbeitet. Grundlage ist das abgestufte ÖBIG-Versorgungskonzept: Interdisziplinäre Schmerzpraxis > interdisziplinäre Schmerzambulanz > interdisziplinäre Schmerztagesklinik > interdisziplinäre Schmerzklinik. Zum Leidwesen Bachs sind die formulierten und publizierten Kriterien allerdings noch nicht verbindlich. Das gilt auch für die von der ÖSG ausgearbeiteten Qualitätskriterien für interdisziplinäre Schmerzkonferenzen („Qualitätszirkel“), die eine Vernetzung von jenen Ärzten sicherstellen sollen, die mit chronischen Schmerzpatienten zu tun haben. Bach: „Hier müssen offenbar noch Bedenken überwunden werden, etwa in der Frage der Finanzierung.“

Unterwegs, aber noch nicht verwirklicht ist die schmerztherapeutische Versorgung im Rahmen der integrierten regionalisierten Leistungsplanung des Österreichischen Strukturplans Gesundheit. Ziel ist eine schmerzmedizinische Versorgung, die österreichweit gleich gut ist, unabhängig vom Wohnort. Davon wären jedoch sehr viele – insbesondere ländliche – Regionen noch weit entfernt, bedauert der ÖSG-Präsident.

Psychologen mit im Boot

Die Notwendigkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit und Ausbildung fachspezifischer Experten hat man auch von psychologischer Seite erkannt. „Der chronifizierte Schmerz hat wesentliche Auswirkungen auf die psychische Befindlichkeit der Patienten“, erklärte auf der ÖSG-Tagung Prof. Dr. Joachim Maly, Klinischer Psychologe und ÖSG-Vorstandsmitglied. Bei Patienten mit chronischen Schmerzen komme es vor allem zu Veränderungen der Stimmungslage wie Depressionen und zu Angstzuständen. Diese negative Befindlichkeit führt zusammen mit bereits geringen Belastungen aus dem sozialen Umfeld zu einer physiologischen Reaktion wie etwa einer starken Muskelverspannung. Bei diesen Patienten entsteht ein Teufelskreis aus physiologischer Stressreaktion, physiologischer Schmerzreaktion und dem Übergang in eine psychologische Schmerzreaktion vor allem mit Verstärkung von Angst und Depression.

Maly: „Aufgrund der psychologischen Dimension des chronischen Schmerzes bedeutet Interdisziplinarität in der Schmerztherapie auch die Integration von Psychologinnen und Psychologen, wodurch die interdisziplinären Therapiekonzepte umfassender werden.“

Entspannungsverfahren und Bewältigungsgruppen

In der Therapie von Schmerzpatienten gilt es zunächst, die Ursache der chronischen Schmerzen abzuklären. Da sich die exakte Ursache oft nicht ausfindig machen lässt, sucht der Klinische Psychologe zunächst nach den psychischen Schmerzsymptomen, wie psychophysische Anspannung, Angst sowie Depression, und versucht diese mit psychologischen Behandlungsmethoden zu beeinflussen. Zu den Behandlungsmethoden zählen vor allem Entspannungsverfahren wie Biofeedback, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder das Autogene Training.

Eine weitere Möglichkeit sind Schmerz- und Stressbewältigungs-Gruppen. Dort erfahren die Patienten, dass Schmerz auch ein psychologisches Phänomen ist und dass man ihn durch eine fundierte Entspannungsmethode bewältigen kann. Maly: „Schließlich wird in der Gruppe geübt, die erlernte Entspannung in bestimmten Schmerzsituationen gezielt einzusetzen und den Schmerz dadurch nach dem Gesetz der reziproken Hemmung zu minimieren.“

Bei den Patienten, die eine solche Therapie vollständig absolvieren, komme es bei bis zu 80 Prozent zur Reduzierung der Schmerzfrequenz und Schmerzintensität zumindest auf die Hälfte des Ausgangswertes, erklärt Maly. Und: „Dies trifft vor allem auf Patienten mit Spannungskopfschmerzen zu. Der Gebrauch von Medikamenten geht nach einer psychologischen Schmerztherapie in der Regel deutlich zurück.“

Wie bei den medizinischen Kollegen will man für chronische Schmerzpatienten in Zukunft eine flächendeckende psychologische Versorgung sicherstellen.

Auch die Psychologen haben ein neues Curriculum

Um Versorgungslücken zu schließen, bietet der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) seit Herbst 2008 das Curriculum „Psychologische Schmerzbehandlung“ an. Der Ausbildungslehrgang besteht aus insgesamt 13 Modulen und umfasst neben psychologischen, medizinischen und interdisziplinären Grundlagen psychologische Schmerzdiagnostik, Kenntnisse schmerzspezifischer Krankheitsbilder und psychologische Behandlungsmethoden. Das theoretische Wissen wird durch eine praktische Ausbildung ergänzt. Im Juli 2009 werden die ersten 16 Absolventen ihre Ausbildung abschießen.

 

Quelle: Aussendung der ÖSG (B&K Bettschart&Kofler Medien- und Kommunikationsberatung)

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