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© Sandra Gligorijevic / shutterstock.com
Einer Schulphobie liegt in der Regel Trennungsangst des Kindes und meistens auch eines Elternteils zugrunde.
 
Komplementärmedizin 21. Juni 2012

Wenn Schulangst hinterm Kopfschmerz steckt

Psychosomatische Ursachen aufspüren.

Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen sind häufig Ausdruck von Angst. Dann gilt es, sich dem Kernproblem in therapeutischen Gesprächen mit Eltern und Kind anzunähern und gemeinsam einen anderen Umgang mit der Angst einzuüben. Komplementär- und alternativmedizinische Methoden können die Schmerztherapie ergänzen.

Die häufigsten Kopfschmerzformen sind – bei Kindern wie bei Erwachsenen – Spannungskopfschmerzen, gefolgt von der Migräne. Dr. Karl-Rüdiger Wiebelitz, Abteilung Naturheilkunde der Klinik Blankenstein, Hattingen, rät bei Kindern, differenzialdiagnostisch unter anderem Folgendes in Erwägung zu ziehen und gegebenenfalls abzuklären: Sinusitis (bei Kindern erst ab vier Jahren), Sehfehler, Erkrankungen der HWS, Zahn- und Kiefergelenkserkrankung, Tumor, Menigitis / Enzephalitis, Neuroborreliose.

„In vielen Fällen spielen aber psychosoziale Faktoren eine Rolle“, betont Dr. Anne Sparenberg-Nolte, niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiaterin und Allgemeinmedizinerin, Marburg. Allerdings äußerten sich Emotionen – meistens Angst – in der Regel erst ab dem Schulalter als Kopfschmerzen. Typisch für psychosomatische Kopfschmerzen bei Kindern sei, dass diese ausschließlich verbal signalisiert würden und nicht mit einer merklichen Verhaltensänderung einhergingen. Oft träten sie abends oder morgens vor der Schule auf; am Wochenende oder im Urlaub blieben sie meist aus. Sparenberg-Nolte rät dazu, genau zu erfragen, zu welchen Zeiten die Kopfschmerzen aufträten; das seien oft wertvolle Indizien für deren Ursache, wie etwa Schulphobie, Überlastung der Augen durch lange Bildschirmaktivitäten oder allgemeine Erschöpfung nach einem langen Schultag. Hilfreich sei dabei ein Kopfschmerztagebuch.

„Hau ab, du blöde Angst“

„Einer Schulphobie liegt in der Regel Trennungsangst des Kindes und meistens auch eines Elternteils zugrunde“, erklärt Sparenberg-Nolte. Sie sei abzugrenzen von einer echten Schulangst, bei der die Schulsituation selbst, etwa mit Mobbing oder Leistungsdruck, eine entscheidende Rolle spiele. Bei der Schulphobie gelte es, die Eltern dafür zu gewinnen, auch die eigenen Ängste im therapeutischen Gespräch zu thematisieren. Verhaltenstherapie gelinge nur, wenn wirklich beide Elternteile dahinter stünden und man auch das Einverständnis des Kindes schrittweise einholen könne. Wenn das Kind verstanden habe, dass die Kopfschmerzen mit seiner Angst zu tun haben und es dann morgens, wenn diese auftreten, eine klare Handlungsstrategie parat habe, könne es ihm gelingen, zu seiner Angst etwa zu sagen: „Hau ab, du blöde Angst, ich lasse mich nicht von dir erschrecken.“ Wenn das Kind diesen Schritt macht und dann – der Angst zum Trotz – in die Schule geht, sind die Kopfschmerzen in aller Regel verflogen, spätestens wenn es das Klassenzimmer betritt. Das wiederum ist eine enorme Selbstwirksamkeitserfahrung, die den Therapieerfolg stabilisiert.

Homöopathie und Phytotherapie

Ergänzend zum psychotherapeutischen Ansatz setzt Sparenberg-Nolte, sofern dies von den Eltern begrüßt wird, auch Homöopathie ein, in der Regel C200-Potenzen. Je nach genauem Symptombild käme bei Angst beispielsweise Pulsatilla, Phosphor, Argentum nitricum oder Gelsemium in Frage. Bei Kummer ziehe sie oft Ignatia, Natrium muriaticum oder Acidum phosphoricum in Erwägung.

Phytotherapeutisch könnten Spannungskopfschmerzen bei Kindern über sechs Jahren mit Pfefferminzöl behandelt werden, ergänzt Wiebelitz. Wenige Tropfen in die Schläfenhaut einmassiert hätten sich in Studien als vergleichbar wirksam erwiesen wie Paracetamol. Für die innerliche Einnahme gäbe es keine Phytopharmaka, deren Wirksamkeit bei Kopfschmerzen nachweislich mit synthetischen Mitteln vergleichbar wäre. Mit der zusätzlichen Gabe von Teufelskrallen- und Weidenrindenextrakten, beide zugelassen ab zwölf Jahren, könne man aber in Einzelfällen die Dosierung und Anwendungshäufigkeit konventioneller Analgetika reduzieren.

springermedizin.de, Ärzte Woche 25 /2012

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