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Babys und Kleinkinder haben nur eine mangelhafte Möglichkeit, den Schmerz zu artikulieren. Genaues Beobachten des Verhaltens ist dabei sehr wichtig.
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Prof. Dr. Wilfried Ilias Ehrenpräsident der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft zur Schmerzbekämpfung & Schmerzforschungszentrum Contra Dolorem

 
Schmerz 26. Mai 2009

Interdisziplinarität als Schmerz-Löser

Contra Dolorem fordert engagierte und empathische multiprofessionelle Netzwerke für die Schmerz-Therapie ein.

Chronischer Schmerz trifft große Teile der Bevölkerung. Die Folgen wie etwa andauernde Rückenschmerzen führen häufig zu Arbeitsunfähigkeit. Behandlungskonzepte chronischer Schmer-zen sind oft komplizierte Prozesse, interdisziplinäre Ansätze liefern die besten Ergebnisse.

 

„Schmerz hat sich mehr und mehr im sozialen Verständnis etabliert. Es kann heute sehr viel getan werden, um Menschen in das Sozial- und Arbeitsleben zu reintegrieren. Bei der Schmerzbehandlung ist nur ein interdisziplinärer Zugang sinnvoll, eine rein fachspezifische Schmerz-Behandlung erfasst das Problem nicht ausreichend“, sagte Prof. Dr. Wilfried Ilias, Ehrenpräsident der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft zur Schmerzbekämpfung & Schmerzforschungszentrum Contra Dolorem die aktuelle Situation anlässlich des 3. Wiener Schmerztags im April 2009 (siehe Kasten).

Schmerzdiagnose oft langwierig

Da Schmerz eine der häufigsten Ursachen ist, die Patienten zum Allgemeinmediziner führt, ist der Be-darf an adäquaten Behandlungskonzepten enorm groß. Die Hälfte bis zwei Drittel der von chronischen Schmerzen betroffenen Menschen ist einem großen Leidensdruck ausgesetzt, der vielfach mit der Entwicklung psychischer Probleme korre-liert. Die Schmerzdiagnose erleben viele Patienten als sehr langwierig, oft vergehen Monate. „Die Behandlung chronischer Schmerzen ist kein punktuelles Ereignis. Schmerzbehandlung besteht nicht nur aus einer Visite, sondern bedeutet eine auch langfristige Betreuung, bis man je-nen Zustand erreicht hat, mit dem Schmerz-Patient und Behandler zufrieden sind“, stellte Prof. Dr. Sybille Kozek-Langenecker, Vorstand der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Evangelischen Krankenhaus, fest.

Multi- und interdisziplinärer Ansatz

Behandlungskonzepte chronischer Schmerzen sind vielfach komplizierte Prozesse: Patienten, die über mehrere Jahre an quälenden Schmerzen leiden, sind verunsichert und/oder auch ängstlich. Contra Dolorem fordert engagierte und empathische Netzwerke für die Schmerz-Therapie ein, in denen Mediziner, Psychologen, Apotheker, Psychotherapeuten und Sozialpädagogen zusammenarbeiten sollen. Patienten erwarten zuvorderst eine rasche Linderung ihrer Schmerzen, erst dann können individuelle somato-psycho-soziale Konzepte zur Verbesserung der gesamten Lebenssituation schrittweise umgesetzt werden.

Spezialfall kindlicher Schmerz

Die Fortschritte in der Schmerztherapie werden auch deutlich, wenn man sich die noch bis vor nicht allzu langer Zeit vertretene Ansicht verdeutlicht, dass Babys kein oder nur ein sehr eingeschränktes Schmerzempfinden hätten. „Bei Babys und kleinsten Kindern sind wir mit ei- ner mangelhaften Möglichkeit, den Schmerz zu artikulieren, konfrontiert“, erklärte Kozek-Langenecker zur pädiatrischen Schmerzbehandlung. „Im Spital kann man beispielsweise das kindliche Verhalten durch das Pflegepersonal beobachten lassen: Verändert sich durch die Therapien, die wir verabreichen, das Verhalten des Kindes so, dass wir es als Schmerzerleichterung interpretieren können? Prinzipiell steht uns ein gutes Repertoire an Medikamenten für die Akutbehandlung bei Kindern zur Verfügung. Die Medikamentenzulassungen für Kinder erreichen zwar nicht ganz den Umfang wie im Erwachsenenbereich, sodass man wissen muss, welche Strategien beim Einsatz bei Kindern unter 18 Jahren zugelassen sind. Wir haben aber genug im Köcher.“

Auf die Risiken, die bei Urlaubsreisen mit Kindern entstehen können, verwies Dr. Renate Barker, MSc und Präsidentin von Contra Dolorem: „Bei Reisen mit Kindern sollte man auf jeden Fall darauf achten, wo sich das nächstgelegene Spital befindet und wo im Falle des Falles das Kind so rasch wie möglich versorgt werden kann. Denn Reisedurchfall kann für Kinder lebensbedrohlich werden.“

Komplexes Geschehen

Schmerz als komplexes Geschehen, das nicht nur die physiologische Komponente, sondern sehr stark auch psychische und soziale Ebenen umfasst, muss in dieser Vielschichtigkeit analysiert werden. Erst dann ist eine entsprechende Behandlung möglich, die eine zufrieden stellende Kontrolle ermöglicht.

Zu bedenken ist jeweils auch die individuelle Reaktion auf die Therapie, wobei auch bei Kindern ebenso wie bei alten und dementen Menschen die eingeschränkte Fähigkeit, Schmerz beziehungsweise Schmerzerleichterung verbal auszudrücken, zu berücksichtigen sind. Die genaue Beobachtung der Patienten ist in diesen Fällen von großer Bedeutung.

Kasten:
Contra Dolorem
• unterstützt und berät (via Schmerztelefon) seit 2002 Schmerz-Patienten • betont den interdisziplinären Ansatz • wurde 2007 mit dem „Preis der Menschlichkeit“ der Stadt Wien für soziales Engagement ausgezeichnet
• veranstaltete im April den bereits 3. Wiener Schmerztag im Rathaus für Interessierte, wobei auch die Fortbildungsveranstaltung (6 DFP) „Schmerz interdisziplinär“ angeboten wurde
• hat einen Schmerzfragebogen mit zwölf Punkten konzipiert und aufgelegt, der dem behandelnden Arzt weitere Diagnostik und Therapieschritte erleichtern soll.
 Informationen: www.schmerzinformation.org, E-Mail:

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche 21 /2009

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