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Doz. Dr. Christian Lampl
Leiter der Schmerzklinik des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern in Linz

 
Neurologie 24. Februar 2012

Unterschätzt und unterbehandelt

Forschungsbericht zur Versorgungssituation von Schmerzpatienten in Österreich.

Lange anhaltend, häufig die Notwendigkeit einer multimodalen Therapie und Schmerzlinderung als Ziel – das sind die Eckpunkte beim chronischen Schmerz. Allerdings ist das Phänomen chronischer Schmerz in Österreich weiterhin unterschätzt und unterbehandelt. Die Lebensqualität der Betroffenen ist dadurch massiv eingeschränkt und der Volkswirtschaft entsteht jährlich ein Schaden in Millionenhöhe. Ein von Joanneum Research erstellter Forschungsbericht zur Versorgungssituation von Schmerzpatienten in Österreich zeigt, dass immerhin etwa 20 Prozent der Bevölkerung von chronischen Schmerzen betroffen sind, wovon etwa 6,25 Prozent eine dauernde ärztliche Versorgung wegen der Schwere ihrer Schmerzen benötigen – quer durch alle Altersgruppen.

Die Bestandsaufnahme zeigt Handlungsbedarf: Schmerz ist die zweithäufigste Ursache für einen Arztbesuch, 39 Prozent der Patienten suchen mindestens einmal wöchentlich den Arzt wegen ihrer Beschwerden auf, und bis der Patient die richtige Diagnose erhält, vergehen 1,7 bis 2,3 Jahre. Auch an den Spitalsaufenthalten haben Schmerzpatienten einen nicht unerheblichen Anteil: 1,5 Prozent der Spitalsentlassungen weisen als Diagnose Schmerz auf, wobei die durchschnittliche Aufenthaltsdauer 7,3 Tage beträgt.

Schmerzambulanzen bieten ein breites multimodales Therapieangebot, berichtete Louise Jane Schmidt von Joanneum Research bei der Präsentation ihres Berichts zur hiesigen Versorgungssituation von Schmerpatienten: „Es gibt interdisziplinäre Besprechungen, Fortbildung und in jeder Ambulanz einen Facharzt mit Schmerzdiplom. Allerdings arbeitet nur etwa die Hälfte der Schmerzambulanzen mit standardisierten Schmerzfragebögen und zwei Drittel halten sich an Leitlinien.“ Verbesserungspotenzial bestehe darüber hinaus in der Zusammenarbeit mit dem niedergelassenen Bereich.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit und abgestufte Versorgung

Die Wichtigkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit und der Förderung und Strukturierung der schmerztherapeutischen Ausbildung unterstrich auch Doz. Dr. Christian Lampl, Präsident elect der Österreichischen Schmerzgesellschaft und Leiter der Schmerzklinik des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern in Linz: „Weit mehr als 90 Prozent der Schmerzkranken könnten ambulant behandelt werden.“ Derzeit sei man jedoch von einer sinnvoll abgestuften Versorgung durch den Hausarzt, den Schmerzarzt aus den Fächern Neurologie, Anästhesie und die interdisziplinäre Schmerzambulanz oder Schmerzabteilung weit entfernt. „Wir brauchen“, so Lampl, „den konsequenten Einsatz multimodaler Therapiekonzepte, in denen Medikamente, Medizintechnik, Physikalische Medizin, Psychotherapie und geeignete Methoden der Komplementärmedizin individuell kombiniert werden, um für Patienten ein Optimum an Schmerzlinderung zu erreichen.“ Eine wichtige Zusammenarbeit sei in Zukunft auch jene mit Patientenorganisationen. Denn das Hauptproblem beim chronischen Schmerz sei die Beeinträchtigung der Lebensqualität. Und Schmerz die größte Sorge des Patienten.

Chronische Schmerzen sind auch für einen wesentlichen Anteil an Krankenständen verantwortlich, stellte der Sozialmediziner Prof. Dr. Bernhard Schwarz von der Universität Wien fest. Schmerz sei das Leitsymptom bei vielen relevanten Diagnosen, aber er gelte derzeit nicht als eigenes Krankheitsbild. Daher sei eine statistische Erfassung schwierig und die Datenlage in Österreich schlecht. Gerade bei chronischen Schmerzen komme auch dem Patienten eine wesentliche Rolle zu: „Schmerzprävention ist in vielen Fällen eine Frage des Lebensstils. Allerdings ist dies in Österreich auch eine kulturelle Frage. Denn der Schwerpunkt der Ausgaben liegt im Bereich Reparaturmedizin, jene für Gesundheitsvorsorge jedoch unter dem EU-Durchschnitt.“ Die Bedeutung der Eigenverantwortung betonte auch Dr. Winfried Koller von der Steirischen Akademie für Allgemeinmedizin: „Der Patient sollte mehr in die Pflicht genommen werden.“ Dies sei auch eine Frage der Politik, die es bisher nicht geschafft habe, den Patienten durch die Vorsorge zu lenken. Der diesbezügliche Vorstoß der Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft möchte genau diese Richtungsänderung bewirken. Mit Zielvereinbarungen, die der Hausarzt mit dem Patienten trifft, soll dieser motiviert werden, für seine Gesundheit aktiv zu werden – und erhält dadurch nicht nur (hoffentlich)eine bessere Gesundheit, sondern auch einen finanziellen Anreiz.

Konkrete Empfehlungen

Die Empfehlungen zur Verbesserung der Schmerzversorgung reichen von der Vermeidung einer drohenden Chronifizierung, einer frühzeitigen Risikoreduktion über die Nutzung standardisierter Dokumentation sowie die Orientierung an Evidenz-basierten Leitlinien bis zur abgestuften Versorgung, der Verbesserung der Zusammenarbeit und der Einbindung von Psycho- und Physiotherapeuten in das Kernteam. Auch die regelmäßige Teilnahme an Schmerzkonferenzen und Fortbildung seien entscheidend.

 

Quelle: Präsentation Schmerzbericht Joanneum Research, 7. Dezember 2011, Wien.

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