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Prim. Prof. Dr. Wilfried Ilias Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien
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Prim. Prof. Dr. Wilfried Ilias Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien

 
Schmerz 8. April 2009

Fachübergreifend gegen den Schmerz

Interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit für eine optimale Therapie.

Am 24. April 2009 findet im Wiener Rathaus bereits zum dritten Mal die Fortbildungsveranstaltung „Schmerz interdisziplinär“ statt. Experten informieren nicht nur über den aktuellen Stand der Wissenschaft, sondern auch über neue praxisrelevante Erkenntnisse.

 

Im Interview mit der Ärzte Woche fasst Prim. Prof. Dr. Wilfried Ilias, einer der drei Tagungsleiter, die Highlights der Veranstaltung zusammen. Ilias ist Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien und Ehrenpräsident der „Österreichischen Arbeitsgemeinschaft zur Schmerzbekämpfung – Schmerzforschungszentrum Contra Dolorem“. Mit Dr. Renate Barker, MSc, und Univ.-Prof. Dr. Alexander Kober als Präsidenten hat er den 3. Wiener Schmerztag initiiert.

 

„Schmerz interdisziplinär“ – welche Gründe sind für den Titel dieser Veranstaltung ausschlaggebend?

ILIAS: Schmerzursachen betreffen viele Fächer. Glücklicherweise dringt die Erkenntnis langsam durch, dass deshalb auch der Zugang nur ein interdisziplinärer sein kann.

Ein Schmerzsyndrom wird von verschiedenen Richtungen her unterschiedlich gesehen, jedes Fachgebiet hat seine eigenen Zugänge. Beispiel Wirbelsäulenleiden: Ein Neurologe wird medikamentös behandeln, ein Orthopäde wahrscheinlich infiltrativ, ein Anästhesist wird das eine oder das andere wählen. Zusätzlich der Unterschied zwischen zentral und peripher wirkenden Medikamenten... Das ist natürlich kein Fehler. Aber es ist eine Tatsache, dass Schmerzen selten so vorkommen wie in wissenschaftlichen Arbeiten. Oft handelt es sich um Übergangssyndrome: Ob der Schmerz inflammatorisch oder neuropathisch ist, kann man nur schwer sagen. Das drückt auch der Begriff „mixed pain“ aus: gemischter Schmerz.

 

Was sind die Ziele dieser Fortbildungsreihe?

ILIAS: Zum einen möchten wir Gelegenheit geben, die Möglichkeiten und diagnostischen Zugänge der anderen Disziplinen kennen zu lernen. Die Medizin wird von Jahr zu Jahr komplexer, deshalb ist es notwendig, sich in Gremien, Fachzirkeln etc. zu verständigen. In weiterer Folge geht es aber darum, eigene interdisziplinäre Zentren zu schaffen. Das ist uns sehr wichtig! Das sollten – auch räumlich und personell – eigene Departments mit einer eigenen Leitung sein, wo die Fächer miteinander diskutieren, was das jeweils sinnvollste Regime ist. Im Anschluss daran übernimmt jene Klinik den Patienten, die dafür am besten geeignet ist. Außer am LKH Klagenfurt wird in Österreich bisher nichts dergleichen angeboten. Übrigens: Das sollen nicht nur SchmerztherapeutInnen sein. Dazu gehört sicherlich auch jemand aus der Gruppe „Psy“!

 

Wer ist damit konkret gemeint?

ILIAS: Psychotherapeuten und Psychiater. Gerade bei chronischen Schmerzen ist es ja wichtig, auch die psychischen Hintergründe der Menschen zu durchleuchten, denn kein Schmerzleiden ist wie das andere. Ohne die Psyche mit einzubeziehen, geht es heute kaum mehr. Die Erkenntnis, dass es so laufen sollte, ist schon ein beträchtlicher Fortschritt seitens der Ärzteschaft. Nun gilt es, neben den nötigen Graduierungen und Diplomen noch die passenden interdisziplinären Strukturen zu schaffen. Klug wäre es wahrscheinlich, damit bereits außerhalb der Kliniken zu beginnen.

 

Worauf würde es bei solchen Strukturen ankommen?

ILIAS: Gut ausgebildete Praktiker könnten bereits einiges abfangen. Wenn ihre Expertise für eine intensivere Betreuung nicht ausreicht, wäre die Weiterleitung an spezialisierte Zentren angesagt. Dort gibt es genauere Untersuchungen, und es wird ein Therapieschema festgelegt, mit dem die Patienten zu den Niedergelassenen zurückgehen. Aber wie gesagt: Auch wenn in Europa schon ein Umdenken stattgefunden hat, liegt bis zur Erreichung dieses Zieles noch ein gutes Stück Weg vor uns – die USA kann hier nicht als Vorbild dienen, weil Europa die Nase vorne hat.

 

Welche Bereiche umfasst die aktuelle Therapie?

ILIAS: Da fällt alles hinein – von sehr teuren Medikamenten, Implantaten oder invasiven Methoden über die Neuraltherapie, Manualtherapie bis hin zur Akupunktur und Komplementärmedizin. Auch hier wird nicht mehr (nur) getrennt voneinander gearbeitet. Inzwischen finden sogar gemeinsame Kongresse statt.

 

Welche innovativen Therapieoptionen werden bei der Veranstaltung besprochen?

ILIAS: Neuerungen sind zum Beispiel die immer komplexer werdenden implantierbaren Pumpen oder Stimulatoren, die im Rückenmark, im Gehirn, an der Hirnhaut oder subkutan arbeiten – damit können etwa auch Blasenleiden behandelt werden.

 

Gibt es auch neue Substanzen?

ILIAS: Auf diesem Gebiet wird viel geforscht. Besonders interessant sind etwa die Cannabinoide. Und aus der Klasse der Seeschneckengifte (zum Beispiel Ziconotide schon im Gebrauch) wird gerade ein zweites Mittel zugelassen. In erster Linie wird jedoch an der Galenik gefeilt. Es gibt bereits Tabletten, die genauso schnell wirken wie Injektionen oder die den Wirkstoff verlässlich über 24 Stunden gleichmäßig abgeben. Weiters verfügen wir über Mittel, die zusammen mit Speisen oder sogar Alkohol eingenommen werden können. Darüber hinaus stehen uns bereits Substanzen zur Verfügung, die gleichzeitig gegen Schmerz und Obstipation wirken, sowie Präparate, die nicht mehr geschluckt werden müssen, wie Opioide in Form von Schmelztabletten oder Nasalsprays. Das darf bitte nicht unterschätzt werden, auch wenn es keine großen Neuerungen sind. Für die Patienten sind auch Verbesserungen von Bedeutung, durch die Mittel nebenwirkungsärmer werden oder leichter einzunehmen sind.

 

„Schmerz Interdisziplinär“ findet am 24. April 2009 von 8.30 bis 13.00 Uhr im Rahmen des 3. Wiener Schmerztages im Rathaus statt. Die Fortbildung ist für das DFP der ÖÄK mit sechs Punkten approbiert.

 

Das Gespräch führte Mag. Verena Ahne

Mag. Verena Ahne, Ärzte Woche 15/2009

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