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Neurologie 31. Oktober 2011

„Unverzichtbare Therapieoption“

Prof. DDr. Hans Georg Kress: Cannabinoide sind über den Tumor- und HIV-Bereich hinaus hilfreich.

Der Nutzen von Cannabinoiden in der Schmerzbehandlung ist mittlerweile belegt, betonten Experten auf dem Europäischen Schmerz-Kongress EFIC 2011 und traten für eine europaweite Verfügbarkeit standardisierter Arzneimittel und deren Kassen-Erstattung ein.

 

„Der therapeutische Einsatz von Cannabinoiden in der Behandlung bestimmter chronischer Schmerzen ist heute durch Daten gut belegt, in vielen Fällen eine zweckmäßige und unverzichtbare Option. Mit einer Legalisierung von Marihuana oder des Cannabis-Anbaus hat der Einsatz solcher standardisierter und rezeptierter Arzneimittel absolut nichts zu tun“, betonte der Präsident des Dachverbandes europäischer Schmerzgesellschaften EFIC, Prof. DDr. Hans Georg Kress, Wien. „Als zusätzliche Therapieoption vor allem bei chronischen Schmerzzuständen leisten Cannabinoide hervorragende und weitgehend nebenwirkungsarme Dienste, auch wenn ihre hochkomplexe Wirkungsweise in bestimmten Situationen große Achtsamkeit und Expertise erfordert.“

Zunächst wurden Cannabinoide vor allem bei Tumor- und HIV-Patienten eingesetzt, um Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust zu behandeln. Inzwischen belegen immer mehr Daten ein wesentlich breiteres Wirkungsspektrum: THC wirkt auch bei bestimmten Neuropathien wie bei HIV-Infektion, Multipler Sklerose, dem Querschnittssyndrom und anderen spastischen Schmerzen, und es gibt vielversprechende Hinweise auf ein Potenzial dieser Arzneimittel in der Behandlung verschiedener chronisch-entzündlicher Erkrankungen, wie Rheumatoider Arthritis oder chronisch-entzündlicher Darmerkrankung. „Besonders synergetisch ist die Kombination von THC mit einer klassischen Opioid-Therapie“, so Kress. „Anders als Opioide führen Cannabinoide bei Überdosierung zu keiner potenziell lebensgefährlichen Atemdepression und auch zu keiner Unterdrückung der wichtigen Abwehrfunktion gegen infektiöse Keime.”

Wirkungsweise äußerst komplex

Dieses für zahllose Patienten erfreuliche Wirkprofil von THC wird dadurch nicht geschmälert, dass eine Reihe von Studien keine Wirksamkeit gegen Akutschmerz belegen konnte, und dass in Einzelfällen sogar Hyperalgesien ausgelöst werden können. „Tatsächlich ist die Wirkung von THC im Rückenmark äußerst komplex”, erläuterte Kress. Die Aktivierung des CB1-Rezeptors kann nicht nur die Weiterleitung schmerzhafter Erregungsreize blockieren, sondern unter bestimmten Umständen auch die entgegengesetzte Wirkung entfalten. Die Erklärung dafür ist die hemmende Wirkung der Cannabinoide auf die natürliche „absteigende Schmerzhemmung“ im Rückenmark, die bei akuten Schmerzen somit eher schmerzverstärkend wirken kann. Bei chronischen Schmerzen fehlt oder versagt diese natürliche Schmerzhemmung oftmals, sodass dann Cannabinoide nur noch überwiegend analgetische, schmerzdämpfende Wirkungen zeigen. Kress: „Dies würde das gute Ansprechen zum Beispiel chronischer neuropathischer Schmerzen auf Cannabinoid-Arzneimittel erklären.“

In den vergangenen Jahren gab es zunehmend qualitativ hochstehende, randomisierte, kontrollierte, klinisch-wissenschaftliche Untersuchungen zum schmerztherapeutischen Nutzen von Cannabinoiden. So zeigt etwa eine neue kanadische Studie, dass sich das synthetische Cannabinoid Nabilone bei MS-Patienten mit neuropathischen Schmerzen als wirksame und gut verträgliche Additivtherapie zu Gabapentin erwiesen hat. Und eine neue spanische Studie zeigt im Tiermodell, dass sich bei Muskelschmerzen lokal angewendete Cannabinoide als interessante künftige Therapieoption erweisen könnten.

Zulassung und Kassen-Erstattung gefordert

Für die Schmerzbehandlung sind Cannabinoid-Präparate wie Dronabinol (THC) derzeit unter anderem in Deutschland, Österreich, Kanada, Großbritannien, Tschechien und Dänemark verschreibbar, als Sublingual-Spray bestehen Zulassungen in Kanada, Großbritannien, Spanien, Deutschland und Dänemark. „Im Interesse zahlreicher Schmerzpatienten ist die EU-weite Zulassung von cannabinoidhaltigen Fertigarzneimitteln für die Schmerz- und Palliativtherapie sowie ihre Refundierung durch die nationalen Krankenkassen ein wichtiges Anliegen der Europäischen Schmerzgesellschaften“, so Kress. „Patienten, für die Cannabinoide eine therapeutisch sinnvolle Option sind, dürfen keinesfalls unterversorgt bzw. bei der Suche nach einer medizinisch sinnvollen Cannabinoid-Therapie in die Illegalität getrieben werden.“

Keine Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit sieht Kress in der oft geforderten Freigabe der „Selbstversorgung“ mit Cannabis, da dieses fast immer aus illegalen Quellen stamme. Zudem würden die Betroffenen durch eine zum Teil extrem mangelhafte Qualität dieser nicht standardisierten Cannabiszubereitungen zusätzlich gefährdet. „Probleme des Konsums der Pflanze zu therapeutischen Zwecken, wie mikrobielle und chemische Verunreinigungen, der Mangel an Qualitätskontrolle und Dosierbarkeit können auch durch eine medizinische Legalisierung nicht gelöst werden“, betonte Kress. „Ferner gibt es keinen Beweis dafür, dass die Wirkung von Cannabis oder Marihuana besser wäre als die der Auswahl bereits verfügbarer therapeutischer Cannabinoid-Reinsubstanzen.“ B&K/FH

 

Quelle: VII. EFIC-Kongress, 21.-24. September 2011, Hamburg

 

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