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Neurologie 31. Oktober 2011

Die Therapie bleibt schwierig

Neue Einsichten sollen Defizite in der Schmerztherapie beheben helfen.

Trotz großer Fortschritte reichen die heutigen Optionen zur Therapie einiger häufiger Schmerzsyndrome nicht aus. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die beim Europäischen Schmerz-Kongress vorgestellt wurden, könnten den Weg für effizientere Schmerztherapien und ein besseres Verständnis der neurobiologischen Mechanismen von Schmerz ebnen.

 

Vorgestellt wurde eine große Vielfalt praktisch relevanter neuer Erkenntnisse, etwa in Bezug auf Mikroglia, eine wichtige Art von Immunzellen des zentralen Nervensystems, die dort zum Beispiel nach Verletzungen vermehrt gebildet werden. Experten gingen bisher davon aus, dass sie eine negative Rolle in der Entwicklung krankhafter Schmerzen spielen. Ihre Aktivierung im Rückenmark galt als Hinweis für ihre Verbindung mit bestimmten Formen von Schmerz.

„Neue Erkenntnisse zeigen jedoch, dass ihre negative Rolle in der Schmerzentstehung nur die Folge eines Verlusts oder des Wandels ihrer ursprünglichen schützenden Rolle sein könnte”, erläuterte Prof. Dr. Martin Koltzenburg, London. „Tatsächlich wird die körpereigene Immunantwort im Nervensystem auf lokaler Ebene unter anderem durch eben diese Mikroglia-Zellen vermittelt. Dabei spielen sie eine entgiftende Rolle, indem sie körperfremde Moleküle zerstören und entzündungshemmende Moleküle erzeugen. Diese Einsicht könnte Mikroglia-Zellen rehabilitieren, sie zeigt die Notwendigkeit weiterer intensiver Forschung über das Zusammenspiel zwischen Neuronen und nicht-neuronalen Zellen sowie eine mögliche Feinsteuerung dieser Interaktionen mit Mitteln der Pharmakologie.“

Neue Therapieoptionen mit offenen Sicherheitsfragen

Ein ungelöstes Problem der modernen Medizin sind Schmerzen, die durch Rheumatoide Arthritis (Osteoarthritis) ausgelöst werden. „Neue Forschungsergebnisse legen nahe, dass mehrere Mechanismen zu den verschiedenen Komponenten arthritischer Schmerzen beitragen”, sagte Koltzenburg. „Bildgebende Verfahren haben jetzt gezeigt, dass die Intensität der Schmerzen mit dem Ausmaß der bereits entstandenen Knochenmissbildungen in Beziehung steht.”

Die Therapie bleibe trotzdem schwierig. Während konventionelle NSAIDs bedeutende unerwünschte Effekte im Verdauungstrakt nach sich ziehen, knüpften sich an die Langzeit-Anwendung von Opioiden immer noch Sorgen über die mögliche Entwicklung von Abhängigkeiten. „Neue Ansätze, auf die wir unsere Hoffnungen setzen, sind Biologika, wie Antikörper gegen den Tumor-Nekrosefaktor oder den Nervenwachstumsfaktor”, berichtete Koltzenburg. „Während aktuelle Studien zeigen, dass sie zu einer beachtlichen Schmerzreduktion führen können, hängt ihr klinischer Einsatz in größerem Maßstab noch von der Klärung von Sicherheitsfragen ab.“

Solide Wirknachweise alternativer Behandlungen bleiben rar. Weil viele der zurzeit verfügbaren Schmerztherapien einer nicht unerheblichen Zahl von Patienten nicht helfen können, suchen viele von ihnen Hilfe bei alternativen Behandlungsmethoden, wie Akupunktur, pflanzlichen Arzneien, Homöopathie oder manuellen Behandlungsverfahren. „Nur sehr wenige komplementär- und alternativmedizinische Schmerzbehandlungs-Methoden werden von soliden wissenschaftlichen Belegen gestützt. Bei jenen, für die in bestimmten Settings eine positive Wirkung gezeigt werden konnte, wie etwa Akupunktur, sind die Effektgrößen gering, und einige, etwa Homöopathie, erwiesen sich als wirkungslos”, so Koltzenburg. „Obwohl sie von der Öffentlichkeit oft als sicher betrachtet werden, tragen einige, vor allem chiropraktische Behandlungen, sogar ein bedeutendes Schädigungsrisiko in sich.”

 

Quelle: VII. EFIC-Kongress, 21.-24. September 2011, Hamburg

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