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Foto: Bettschart & Kofler Medien- und Kommunikationsberatung
Prof. Dr. Günther Bernatzky Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft
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Prof. Dr. Wilfried Ilias Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien

 
Neurologie 31. Oktober 2011

Euphorie ist unangebracht

Der chronische Schmerz bedroht das Gesundheitssystem.

Ein Großteil der Patienten, die einen Arzt wegen Schmerzen aufsuchen, fühlt sich gut betreut. Trotzdem leiden 21 Prozent der Österreicher an chronischen Schmerzen, 23 Prozent davon „ohne angemessene Therapie“. „Es bleibt noch viel zu tun“, betonte Prof. Dr. Günther Bernatzky, Präsident der ÖSG, bei einem Pressegespräch zum Auftakt der 11. Österreichischen Schmerzwochen.

 

Einer aktuellen Umfrage ist zu entnehmen, dass heute 80 Prozent der Befragten der Aussage zustimmen: „Ärzte, welche ich aufgesucht habe, zeigen Verständnis für meine Schmerzen und nehmen diese ernst“. „Das zeigt, dass in Österreich bisher einiges erreicht wurde“, freut sich Bernatzky. Das bedeute aber auch, dass immerhin jeder fünfte Befragte dem nicht zustimmen kann (Quelle: Pain Proposal, a european consensus report, 2010). „Diese Umfrage zeigt, dass es noch viel zu tun gibt. Denn unverändert leiden heute 21 Prozent der Österreicher an chronischen Schmerzen – das entspricht den Ergebnissen der ersten Umfrage der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) zu diesem Thema vor einem Jahrzehnt. Die Zeit von der Diagnose bis zu einer angemessenen Behandlung dauert durchschnittlich 1,9 Jahre, zum Befragungszeitpunkt waren in Österreich 23 Prozent der Menschen mit chronischem Schmerz ohne angemessene Behandlung.“

Schlechte Lebensqualität

Chronische Schmerzen sind solche, die länger als drei Monate regelmäßig auftreten bzw. über den Heilungsprozess verletzten Gewebes hinaus fortbestehen. Sie führen zu einer signifikanten Verschlechterung der physischen und psychischen Lebensqualität, zu Behinderungen und deutlichen Einschränkungen im Sozial- und Arbeitsleben. Ein Beispiel dafür, wie folgenschwer chronischer Rückenschmerz ist: Bei davon Betroffenen schrumpft das Gehirnvolumen um etwas mehr als ein Kubikzentimeter (1,3) pro Jahr. Das entspricht einem natürlichen Alterungsprozess von etwa 15 Jahren. Laut Daten einer Umfrage der Statistik Austria, die vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger gesammelt und heuer als Broschüre herausgegeben wurde, haben in Österreich im Durchschnitt 17,6 Prozent der Männer und 24,19 Prozent der Frauen seit mehr als 3 Monaten Schmerzen. Pro Jahr werden in Österreich rund 19 Millionen Schmerzmedikamente verordnet.

Prävention ist möglich

Akute Schmerzen werden mit der Chronifizierung hartnäckig, schwerer behandelbar und kommen dem Gesundheitssystem sehr teuer. Bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen sind beispielsweise Ko-Morbiditäten besonders häufig, insbesondere Bluthochdruck, Stoffwechselprobleme, Herz-Kreislauf-Krankheiten, psychiatrische, neurologische, urologische und gastrointestinale Probleme. Weil auch diese behandelt werden müssen, steigen die Behandlungskosten bei unspezifischen Rückenschmerzen bis auf das Fünffache.

„Als Schmerzmediziner steht man fassungslos vor dem Phänomen, dass das alles in dieser Dramatik möglich ist. Wir wissen heute, wie in sehr vielen Fällen Rückenschmerzen vorgebeugt werden kann: durch ausreichend Bewegung, Krafttraining und Gesundheitserziehung bereits im Kindesalter. Durch leichtere Schultaschen und körperfreundliche Schulmöbel. Durch ausreichende Information, wie man als Erwachsener Schmerzen vorbeugt, etwa durch gezieltes Training, ergonomische Arbeitsplätze etc. Und durch das Schaffen einer Awareness, dass Schmerzen möglichst bald kompetent behandelt werden müssen, um einer Chronifizierung vorzubeugen“, unterstrich Prof. Dr. Wilfried Ilias, Präsident past der ÖSG und Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien.

Unter- und Fehlbehandlung bedeuten auch Kostenexplosion

„Erschreckend ist, dass ein großer Teil dieses Leides und der damit einhergehenden Belastungen der Gesundheitssysteme unnötig ist und, gemessen an den heutigen schmerzmedizinischen Möglichkeiten, durch massive Unter- oder Fehlbehandlung entsteht“, so Bernatzky. Die Ursache dafür liege unter anderem in einem überkommenen Denken, das Schmerz „nur“ als Symptom einer Grunderkrankung auffasst. Für akuten Schmerz treffe das auch zu. Doch dieser mache heute nur rund fünf Prozent aller behandlungswürdigen Schmerzphänomene aus. Chronischem Schmerz hingegen, den restlichen 95 Prozent also, fehle jede biologische Funktion. Daher fordert die ÖSG im Einklang mit der EFIC die Anerkennung chronischer Schmerzen als eigenständige Diagnose. FH

 

Quelle: Pressegespräch anlässlich der 11. Österreichischen Schmerzwochen der Österreichischen Schmerzgesellschaft, 12. Oktober 2011, Wien

 

 

http://www2.bkkommunikation.at/de/journalistenservice/fotos/2146/

 

 

Prof. Dr. Günther Bernatzky, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft

23 Prozent der Menschen mit chronischem Schmerz „ohne angemessene Behandlung“.

 

Prim. Univ.-Prof. Dr. Wilfried Ilias, Präsident past der ÖSG (KH der Barmherzigen Brüder, Wien). Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien.

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