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Prof. Dr. Hans Georg Kress Leiter der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Intensivmedizin an der Medizinischen Universität Wien

 
Neurologie 2. November 2011

Stille Epidemie Rückenschmerz

Die EFIC (European Federation of IASP Chapters) hat den Startschuss für die Europäische Schmerzwoche EWAP (European Week against Pain) und das Europäische Jahr gegen den Rückenschmerz gegeben.

Rückenschmerz wird häufig mit der Kategorisierung „nicht spezifisch“ abgetan. Dabei gehört dieser zu den folgenschwersten Beschwerden industrialisierter Gesellschaften. Der Dachverband der europäischen Schmerzgesellschaften EFIC verabschiedete daher einen „Aktionsplan zur Bekämpfung von chronischem Rückenschmerz“. Dieser Aktionsplan soll es ermöglichen, im Kampf gegen das am weitesten verbreitete Schmerzsyndrom unserer Zeit in nur wenigen Jahren Fortschritte zu erzielen.

 

„Rückenschmerz ist eine stille Epidemie, von der viele Millionen Europäer betroffen sind. Trotzdem wird das Problem nach wie vor sowohl von der Ärzteschaft als auch den Entscheidungsträgern in Politik und Forschung unterschätzt“, betonte EFIC-Präsident Prof. DDr. Hans Georg Kress.

Die Europäische Schmerzwoche soll auch die Kategorisierung von 95 Prozent aller Rückenschmerz-Fälle als „unspezifisch“ thematisieren, die EWAP-Koordinator Prof. Dr. Maarten van Kleef als „völlig unbefriedigend, unseriös und unwissenschaftlich“ bezeichnet. Eine neue Klassifikation sei notwendig, wenn die Erforschung maßgeschneiderter Therapien für die vielen verschiedenen Typen des chronischen Rückenschmerzes intensiviert werden soll.

Die Kampagne wird von zahlreichen Initiativen in allen 35 Ländern unterstützt, in denen die EFIC aktiv ist, betonte Kress. Intention ist, eine „kritische Masse“ an Information zu verbreiten. „Nur dann werden wir eine echte Veränderung im öffentlichen Bewusstsein und ein adäquates Nachjustieren der Prioritäten in der Gesundheitspolitik sehen“, so Kress.

Die enorme sozioökonomische Belastung, die der Rückenschmerz darstellt, hat EFIC bewogen, die Kampagne über ein ganzes Jahr auszudehnen – das Europäische Jahr gegen den Rückenschmerz.

Fast jeder Europäer erlebt irgendwann Rückenschmerzen

Rund ein Fünftel der europäischen Bevölkerung leidet unter irgendeiner Form von chronischem Schmerz, bei 63 Prozent davon handelt es sich um Rückenschmerzen. 60 bis 90 Prozent aller Europäer erleben wenigstens einmal im Leben Rückenschmerzen. Das entspricht einer jährlichen Inzidenz von fünf Prozent. Die Lebenszeit-Prävalenz liegt zwischen 30 und 50 Prozent für Nackenschmerzen, 16 bis 20 Prozent für Schmerzen im Bereich der Brustwirbelsäule und mehr als 70 Prozent für Kreuzschmerzen.

Besonders problematisch ist, dass jede zusätzliche Episode von Rückenschmerz die Wahrscheinlichkeit der Chronifizierung erhöht, und zwar in einem bislang sowohl von der Wissenschaft als auch von vielen Behandlern unterschätzten oder ignorierten Ausmaß. „Daher schlägt die EFIC jetzt Alarm, damit die Entscheidungsträger das nicht mehr überhören können“, so Kress.

Viele Schmerzen chronifizieren

Rund 80 Prozent aller Patienten, die wegen unspezifischem Rückenschmerz in den Krankenstand gehen, sind innerhalb weniger Wochen wieder zurück am Arbeitsplatz. „Daher wird – durchaus auch von vielen Ärzten – fälschlicherweise angenommen, sie hätten sich nach diesem Zeitraum vollständig erholt. Leider vergeht bei etwa 65 Prozent der Schmerz nicht. Er wird, im Gegenteil, chronisch“, erklärte Prof. van Kleef, Leiter der Abteilung für Anästhesie und Schmerzmedizin, Universität Maastricht. „Das bedeutet, dass die Schmerzen bei fast jedem zweiten Patienten in mehr als fünf Jahre bestehen bleiben. Viele Betroffene leiden unter moderaten bis schweren Schmerzen, obwohl sie nach aktuellem medizinischen Kenntnisstand behandelt werden. Nur ist das eben sowohl in der Ärzteschaft als auch unter Gesundheitspolitikern wenig bekannt. Mit dem Ergebnis, dass der Rückenschmerz generell in seinen Auswirkungen unterschätzt wird.“

Die Bezeichnung „unspezifisch“ für zahlreiche Beschwerdeformen hat dazu beigetragen, dass es für die häufigsten Formen des Rückenschmerzes bislang keine wissenschaftlich abgesicherten Präventions- und Therapieprogramme gibt. Als „nicht-spezifisch“ werden Rückenschmerzen eingestuft, wenn Infektion, Osteoporose, Wirbelbrüche, Krebs oder andere seltene Schmerzursachen ausgeschlossen sind. Rund 95  Prozent der Rückenschmerz-Patienten erhalten derzeit die Diagnose eines „nicht-spezifischen“ Schmerzes.

„Der Mangel an terminologischen Unterteilungen hat zu erstaunlichen Defiziten im Verständnis des Rückenschmerzes und einem eklatanten Mangel an wirksamen Therapieoptionen geführt“, sagte van Kleef und wies auf die Vielfalt potentieller Schmerz-Lokalisationen und zugrundeliegender Pathomechanismen bei Rückenschmerzen hin. So könne der Schmerz durch Veränderungen an den Bandscheiben verursacht werden, durch Degeneration der kleinen Gelenke der Wirbelsäule oder durch Abnützung des Ilio-Sacral-Gelenks. „Wir müssen verlässliche diagnostische Kriterien für die Diagnostik dieser Subgruppen formulieren. Die jeweiligen spezifischen Mechanismen müssen identifiziert werden, wenn wir den Patienten entsprechend differenzierte Strategien anbieten wollen“, so van Kleef.

Der ehrgeizige EFIC-Aktionsplan sei daher nicht bloß „noch ein europäischer Aktionsplan, sondern eine gut durchdachte Abfolge multimodaler Initiativen auf allen sozialen Ebenen, die Prävention und Medizin betreffen.“

Unter anderem soll Bewusstsein für den meist ungünstigen „natürlichen Verlauf“ des Rückenschmerzes geschaffen werden. Betroffene sollen informiert werden, wie wichtig Aktivität trotz Schmerzen ist. Weiters müsse eine neue Klassifikation entwickelt und die Forschung gefördert werden, um zu besseren Optionen in der Therapie zu gelangen. „Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, beim chronischen Rückenschmerz wegzuschauen“, so van Kleef.

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