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Allgemeinmedizin 27. September 2011

Schmerzexperten fordern Ende der „Unisex-Medizin“


Frauen und Männer unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer Schmerzschwellen und ihres Schmerzempfindens, sie reagieren auch unterschiedlich auf Schmerztherapien. Beim 7. EFIC Kongress in Hamburg plädierten Experten fuer ein "Ende der Unisex-Medizin".

Schwangerschaft und Schmerz

Dr. Helga Maria Schuckall (Salzburg) hinterfragte das weit verbreitete Vorurteil, dass Schmerzen während einer Schwangerschaft normal seien. Sie wollte herausfinden, wie viele Schwangere tatsächlich unter behandlungswürdigen Schmerzen leiden.

Wie die prospektive Studie ihres Forschungsteams zeigte, waren nur 18,6 Prozent der Frauen während der Schwangerschaft schmerzfrei. Weitere 38 Prozent hatten mittlere oder moderate Schmerzen. Fast sechs Prozent der Schwangeren litten manchmal unter schweren Schmerzen.

„Wenn Schmerzepisoden länger anhalten, kann das zu Schwangerschaftskomplikationen und längeren Wehen führen“, berichtete Dr. Schuckall in Hamburg. „Schwangere stehen vor dem Dilemma, entweder Schmerzen zu ertragen oder schmerzstillenden Mittel zu nehmen und damit möglicherweise die Sicherheit ihrer Babys aufs Spiel zu setzen.

Eine regelmäßige Schmerz-Evaluierung während der Schwangerschaft ist von größter Bedeutung, um medizinisch indizierte schmerzreduzierende Interv entionen festlegen zu können. Damit ließen sich sowohl Schwangerschaftskomplikationen als auch chronifizierter Schmerz nach der Geburt verhindern“, schließt Dr. Schuckall. 



Geschlechterrolle und Reaktion

„Frauen neigen dazu, über ihre Schmerzen zu jammern. Sie spüren Schmerz zwar kürzer, aber dafür staerker als Männer“, sagte Dr. Oras A. Alabas (Leeds, UK) beim 7. EFIC Kongress „Pain in Europe VII“ in Hamburg. Dr. Oras und ihr Team untersuchten die Beziehung zwischen geschlechtsbezogenen stereotypen Zuschreibungen von Schmerz und dem ischämischen und mechanischen Schmerz, den 51 gesunden Studienteilnehmer/-innen im Zuge eines Experiments erlebten. Bei der Messung der „geschlechtsspezifischen Rolle von Schmerzerwartung“ wurde entdeckt, dass Frauen bei Schmerzempfindlichkeit und bei der Bereitschaft, den Schmerz zu thematisieren, einen höheren Wert als Männer aufwiesen. Sie hatten aber einen niedrigeren Wert bei der Schmerzdauer. Das lässt den Schluss zu, dass Frauen in vielen Teilen der Welt mehr über Schmerzen klagen und schmerzempfindlicher sind als Männer. „Einer der Hauptgründe für diese Unterschiede ist die Auswirkung der Geschlechterrolle auf die Schmerzreaktion, die universellen Charakter hat“, unterstreicht Dr. Alabas.


Auch von einer spanischen Forschungsgruppe gab es neue Erkenntnisse zum Thema Schmerz und Gender, konkret zur Frage, ob sich Frauen und Männer unterschiedlich mit chronischem Schmerz abfinden. Die Forscher/-innen untersuchten 190 männliche und 210 weibliche Personen, die an chronischen Wirbelsäulenschmerzen litten. Dr. Carmen Ramírez Maestre (Malaga, E) erklärte beim EFIC Kongress: „Wir fanden signifikante Unterschiede zwischen Männern und Frauen hinsichtlich Schmerzintensität, Angstvermeidung, passiven und aktiven Bewältigungsstrategien, momentaner Leistungsfähigkeit  und Funktionsbeeinträchtigung.“ Auch bei den Faktoren, die vorhersagen lassen, wie mit Schmerz umgangen wird, spürte das Team Geschlechtsunterschiede auf. „Angst vor Schmerz spielte eine bedeutende Rolle, um die Stimmung bei Frauen vorherzusagen. Bei Männern war die Laune besser und die Schmerzintensität geringer, wenn sie aktive Bewältigungsstrategien anwandten. Bei Männern hing eine momentan e bessere Leistungsfähigkeit mit der Schmerzakzeptanz zusammen, bei Frauen dagegen mit ihrer Belastbarkeit“, berichtete Dr. Ramírez Maestre. „Warum das Augenscheinliche ignorieren und in einer Unisex-Medizin verharren? Wir brauchen Therapien, die an die unterschiedlichen Bedürfnisse von Frauen und Männer angepasst sind“, so Dr. Ramírez Maestre.
 

Therapierwartung

 

Bald wieder gesund werden – das ist natürlich die übliche Hoffnung zu Behandlungsbeginn. Die Therapieerwartungen sind ein wichtiger Aspekt bei der Behandlung von Patient/-innen mit chronischen Schmerzen am Bewegungs- und Stützapparat, weil sie dazu beitragen können, auch die Therapieerfolge bei chronischem Schmerz vorherzusagen. Dr. Anne Boonstra (Beetsterzwaag, NL) wollte herausfinden, ob sich Männer und Frauen Unterschiedliches erhoffen. Ihre Forschungsgruppe befragte dazu mehr als 600 Patient/-innen, die an chronischen muskoloskeletalen Schmerzen leiden, mithilfe eines Fragenkatalogs, in dem 25 möglichen Erwartungen gelistet waren. Das Ergebnis zeigte: Männer und Frauen teilen viele (21 von 25) Erwartungen. Kleine Unterschiede wurden bei drei Erwartungen gefunden – manche von ihnen sind stark mit stereotypen Rollenbildern verknüpft, etwa: „Männer erwarten eher, dass sie durch die Behandlung ihre Rolle als Ehegatte besser ausfüllen können und dass die Ursache ihrer Besch werden gefunden werden. Frauen erhofften sich von der Behandlung tendenziell, sich künftig leichter mit der Tatsache abzufinden, krankheitsbedingt nicht mehr alles machen zu können“, berichtete Dr. Boonstra beim EFIC Kongress. Die Therapieerwartung, bei der es eine signifikante Abweichung zwischen den Geschlechtern gab, spricht für sich: Frauen erhoffen von der Therapie eher als Männer, dass sie in Zukunft weniger Probleme haben, die Hausarbeit zu meisten.
 

 

B&K/PH

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