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Dr. Christian Popp Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin sowie Arzt für Allgemeinmedizin in Wien

 
Schmerz 13. April 2011

Hypnose bei Schmerzpatienten

Bereits das Aufsuchen der „Autoritätsperson“ Arzt führt viele Patienten automatisch in eine Trance. Dabei lässt sich das Leiden schon durch gewählte Worte lindern.

Trance ist ein natürlicher Zustand. Jeder von uns erlebt diesen Zustand mehrmals am Tag ganz von selbst. Beim Fernsehen oder Lesen eines spannenden Buches, beim Einschlafen und Aufwachen sowie bei Stress, wenn man sich kurz geistig zurückzieht und abschaltet, um sich innerlich wieder verankern zu können. Hypnose hat weder mit Mystik, noch mit Magie zu tun – sie beschäftigt sich vielmehr mit der inneren Bereitschaft jedes Menschen, für sich Veränderungen herbeiführen zu wollen. Dies geschieht vor allem mit Bildern und der Nutzung der Sinne.

 

Über Hypnose gibt es viele verschiedene Anschauungen. Jedenfalls handelt es sich dabei um eine Kommunikation mit bewussten und unbewussten Anteilen, ein Instrument, um die vorhandenen Ressourcen des Patienten zu aktivieren. Weiters ist es auch eine Hilfe zur Selbsthilfe, entweder unter geführter Anleitung durch einen Hypnotiseur oder mittels Selbsthypnose.

Ich bin auch Anästhesist und stelle meinen Patienten vor dem Einleiten der Vollnarkose oft die Frage: „Wo wären Sie denn jetzt lieber als hier?“ So eine Frage bewirkt automatisch einen Wechsel der Bewusstseinsebene in einen Trancezustand – es beginnt eine innere Suche nach diesem Lieblingsort. Wenn man dann noch alle Sinne abfragt, um durch Hören, Sehen, Fühlen, Riechen und Schmecken diesen speziellen Lieblingsort zu evozieren, wird die Trance noch vertieft, und oft ist der Patient dann vom Geschehen so sehr abgelenkt, dass er eine angenehme Distanz zum Routinebetrieb im OP erfährt.

Spiegeln des Gegenübers

Wichtig für eine reibungslose Kommunikation sowohl auf der bewussten wie auch auf der unbewussten Ebene ist ein tiefes Vertrauen. Dies wird durch einen guten Rapport hergestellt, was bedeutet, dass die Gesprächspartner auf derselben „Wellenlänge“ schwingen – ein Tanz, der durch Schritthalten und Führen geprägt ist. Man nennt das in der Fachnomenklatur „Pacen“ und „Leaden“.

Es gibt einige Möglichkeiten, den Rapport durch Spiegeln des Gegenübers, z.B. über die Atmung, Mimik oder Körperhaltung, herzustellen. Auch das Erzählen von Witzen und das Vorführen von Zaubertricks ist eine gute Methode, den Rapport herzustellen. Dies führt das Gegenüber automatisch aus seiner aktuellen Problemsituation hinaus und ermöglicht ihm, in einen ressourcenvollen Lösungszustand zu wechseln. Bei einem gut hergestellten Rapport kann man davon ausgehen, dass der Patient und Gesprächspartner nun viel besser und konstruktiver bei seiner Heilung mitarbeitet.

Positives Formulieren

Es ist für den Therapeuten empfehlenswert, vor einer Sitzung auch selbst einen guten Rapport zu seinem eigenen Unterbewussten herzustellen. Im Patientengespräch empfiehlt es sich, nachdem man den Rapport aufgebaut hat und der Patient das gute Gefühl hat, dass er als Gesprächspartner ernst genommen wird, immer ressourcenorientiert zu fragen, so zum Beispiel: „Was hat Ihnen bisher am besten geholfen, um mit Ihren Schmerzen fertig zu werden?“ Wichtig ist, immer positive Formulierungen zu benutzen, denn Negationen werden vom Unbewussten schwer verstanden und führen in unserem Sprachgebrauch am häufigsten zu Missverständnissen.

Showhypnose

Auf keinen Fall hat Hypnose etwas mit Machtausübung zu tun. Niemand kann in Trance dazu gezwungen werden, etwas zu tun, das er nicht auch in vollem Wachzustand tun würde. Auch die Showhypnose ist unter Verwendung von Tricks nicht fähig, Menschen Dinge tun zu lassen, die sie sonst nicht auch machen würden.

Hier wirkt das spezielle Setting aus Rampenlicht, Publikum und einer etwas finster dreinschauenden Autoritätsperson. Keiner der Probanden, die natürlich vom Showhypnotiseur im Vorfeld selektiert wurden, würde auf der Bühne versagen wollen. Deshalb funktioniert der Rapport auf der Bühne hervorragend.

Trance beim Arztbesuch

Erstaunlich ist die Tatsache, dass das Aufsuchen der „Autoritätsperson“ Arzt für die meisten von uns eine Situation darstellt, die uns automatisch in eine Trance führt. Der Patient ist mit seiner Erwartungshaltung, seinem Schmerz und seiner Motivation zur Veränderung beim Arzt in einer hochsuggestiblen Verfassung.

Positiv-Suggestionen

Dies sollte der Arzt wissen und in seiner Sprache ganz genau darauf achten, was er dem Patienten sagt. Leider ist es oft so, dass wir Negativsuggestionen verwenden, die im Patienten unbewusst weiter wirken. Umgekehrt können wir dem Patienten in diesem Gespräch aber sehr gut helfen, seine Ressourcen zu aktivieren und seine Leiden schon durch gut ausgewählte Worte zu lindern. Jedenfalls kann man durch hypnotische Sprachmuster die Mitarbeit und schlussendlich den Heilungserfolg deutlich fördern. Auch in der Schmerztherapie lässt sich Hypnose so einsetzen, dass es zu Schmerzreduktion, Schmerzkontrolle und im besten Fall Ausheilung des chronischen Schmerzes kommen kann. Der Bedarf an Analgetika und Anxiolytika kann reduziert werden. Weitere Effekte sind das Anheben des allgemeinen Wohlbefindens, die gesteigerte Immunabwehr und die daraus resultierenden besseren Heilungstendenzen.

Ziel einer Sitzung

Ich beginne eine Sitzung immer damit, ein Ziel mit dem Patienten zu definieren. Dies muss der Patient selbst finden, es muss positiv formuliert sein und in einem realistischen Zeitrahmen erreicht werden können. Es kann aber auch sein, dass es von Sitzung zu Sitzung neu evaluiert wird und den aktuellen Bedürfnissen angepasst werden muss, ohne das Wohlbefinden des Patienten aus den Augen zu verlieren.

So individuell die Patienten sind, so unterschiedlich ihre Vorgeschichte und ihre Schmerzwahrnehmung sind, so individuell setze ich auch die Instrumente der hypnotischen Intervention ein. Wichtig sind der oben beschriebene Rapport und die Bereitschaft, sich helfen zu lassen. Auch die Zustimmung, sich hypnotisieren zu lassen, ist Voraussetzung und sollte im Zweifelsfall noch einmal nachgefragt werden. Ein ganz wesentlicher Punkt ist auch die Motivation des Patienten, regelmäßig zu Hause Selbsthypnose zu praktizieren.

Kontrolle von Schmerzen

Es gibt unzählige Möglichkeiten, um Schmerzen unter Kontrolle zu bringen. Wichtige Strategien sind die körperliche und zeitliche Dissoziation. Wenn sich der Patient durch die eigene Vorstellungskraft dazu bringen kann, sich selbst von außen zu betrachten, kann es schon zu einer Linderung kommen – eine Veränderung des Schmerzgeschehens ist immer zu erwarten.

Weitere Strategien sind absichtliches An- und Abschwellenlassen des Schmerzes, Umformen des Schmerzes in ein anderes Signal wie Jucken, Wärme, Schwere, Leichtigkeit, Kühle oder Taubheit. Visuelle Modifikationen wie innere Schalter, mit welchen man den Schmerz reduziert, kühlende Farben oder ein magischer Schwamm, der Schmerzen aufsaugt. Fokussierung auf den Schmerz, „Hineinwandern“ und verändern. Schmerzverschiebung in andere Körperbereiche, Amnesie, Imagination schöner Szenarien und Phantasien, Installation eines inneren Heilers, Halluzinationen etc.

Die Plazebo-Wirkung als stoffliche Maßnahme, die den Patienten positiv und nebenwirkungsfrei in seiner Heilung beeinflusst, ist wohl bekannt. Uns sollte bewusst sein, dass auch unsere Worte eine große Macht haben können und den Patienten in der Therapie in beide Richtungen – nützlich wie auch schädlich – beeinflussen können. Deshalb erweist sich achtsame hypnotische Kommunikation als mächtiges Instrument für positive Veränderungen in unseren Patienten.

Entwicklung der Hypnose als Therapieform
Die Arbeit mit dem Unterbewussten ist ein Phänomen, welches schon seit 4.000 Jahren Anwendung findet. Die Bezeichnung „Hypnose“ etablierte der Chirurg James Braid. Er nutzte die physiologischen und psychischen Voraussetzungen des Zustandes, den er lange Zeit für künstlich hervorgerufenen Schlaf hielt.
Jean Martin Charcot (1825–1893) wurde bekannt als französischer Psychiater und Hypnotiseur. Sein berühmtester Schüler war Sigmund Freud. Milton H. Erickson (1901–1980), amerikanischer Arzt und Psychiater, gilt für viele als der Vater der modernen Hypnotherapie. Er war maßgeblich an der offiziellen Anerkennung der Hypnose als Therapieform beteiligt. Erickson nutzte meist permissive und indirekte Suggestionen für die kooperative Hypnotherapie. Mit der Anwendung von Metaphern gelang es ihm, individuell über die Themen sowie über die Lösungswege zu reden.
Die Sprachwissenschaftler Richard Bandler und John Grinder modellierten Strukturen in Ericksons Arbeit und entwickelten daraus NLP (neurolinguistische Programmierung). Diese Instrumente gelten als äußerst wirksame Hilfsmittel, um die Patienten im Sinne einer Kurzzeittherapie auf bewusster und unbewusster Ebene in einen lösungsorientierten Zustand zu bringen.

Von Dr. Christian Popp, Ärzte Woche 15 /2011

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