zur Navigation zum Inhalt

Dr. Georg Staubli ist leitender Arzt auf der interdisziplinären Notfallstation, Universitäts- des Kinderspitals Zürich, Schweiz.

 
Schmerz 13. April 2011

Lachgas für Kinder

Neue Aspekte in der Analgosedierung bei kurzen Interventionen.

Wenn Kinder auf der Notfallstation Schmerzen erleiden, bestehen typischerweise gleich mehrere Probleme gleichzeitig: Manche Eltern wollen nicht, dass den Kindern Schmerzmittel verabreicht werden. Ärzte und Pflegepersonal sind mit der Dosierung manchmal zu zurückhaltend aus Angst vor unerwünschten Wirkungen, und nicht zuletzt sind gerade kleine Kinder noch nicht in der Lage, ihren Schmerz verbal zu kommunizieren.

 

Ein Großteil der Kinder, die auf eine Notfallstation kommen müssen, hat entweder Angst oder Schmerzen. Die schnelle und effiziente Schmerztherapie ist ein Qualitätszeichen für eine gute Notfallstation – nicht nur bei Kindern! Die Situation bei Kindern ist jedoch schwieriger, da vor allem die kleineren Kinder nicht immer verbal kommunizieren können, dass sie Schmerzen haben, oder die Eltern dem Kind kein Schmerzmittel geben wollen. Dazu kommt, dass die Schmerzmittel selbst von den Ärzten und dem Pflegepersonal oft nicht in einer genügend hohen Dosierung gegeben werden, da sie Angst vor allfälligen Nebenwirkungen haben.

In diesem Zusammenhang wird immer wieder nach einer Analgesie gesucht, die ohne Nebenwirkungen ist, schnell wirkt, einfach anzuwenden ist, eine kurze Wirkungsdauer hat und, wann immer möglich, noch eine anxiolytische und/oder sedierende Komponente aufweist.

Lachgas ist ein Mittel zur Analgesie und Sedation, das wir Pädiater auf unserer interdisziplinären Notfallstation verwenden. Die Anwendung des fixen Lachgas/Sauerstoff-Gemisches Livopan® (50 %/50 %) für kurzdauernde, schmerzhafte Eingriffe ist für den Anwender sehr einfach und sicher für die zu therapierenden Kinder, wenn man einige Regeln beachtet.

Die Kinder werden zuerst aufgeklärt, was mit ihnen passieren wird. Kinder ab vier Jahren haben normalerweise keine Angst mehr vor der Maske, die gebraucht wird, um das Lachgas-Sauerstoffgemisch via ein Demandventil einzuatmen.

Um sie etwas abzulenken, dürfen die Kinder einen Duftstift auswählen: Schokolade, Himbeer oder Orange. Dieser Duftstift wird in die Maske appliziert, so dass das inhalierte Gasgemisch für das Kind einen angenehmen Duft bekommt. Ganz wichtig ist auch, den Kindern und Eltern zu erklären, dass es zu Schwindel kommen kann, der aber sofort wieder vergeht, wenn das Gasgemisch nicht mehr eingeatmet wird.

Nach etwa drei Minuten ist eine gute analgetische Lachgaskonzentration im Blut vorhanden, so dass mit dem schmerzhaften Eingriff begonnen werden kann. Sobald der Eingriff zu Ende ist, wird die Zufuhr des Gasgemisches gestoppt und das Kind ist binnen weniger Sekunden wieder reaktionsfähig und kann aufstehen.

Ganz selten kommt es zu Nebenwirkungen, darunter sind vor allem Erbrechen und Panikattacken zu erwähnen. Häufig besteht die Meinung, dass die Kinder wegen des Erbrechens nüchtern sein sollten, dem ist aber nicht so. In Studien konnte gezeigt werden, dass Kinder, die nüchtern sind, sogar häufiger erbrechen als die nichtnüchternen Kinder. Da unter dem genannten fixen Lachgas-Sauerstoffgemisch die Schutzreflexe erhalten bleiben, ist das Erbrechen auch kein medizinisches Problem, aber dennoch unangenehm.

Noch viel seltener kommt es zu Panikattacken. Dabei tolerieren die Kinder das Lachgas in dem Sinne nicht, dass sie Angstzustände bekommen und das weitere Einatmen von Lachgas verweigern.

Wenn man von Nebenwirkungen spricht, müssen auch die viel häufiger auftretenden Glücksgefühle der Kinder angesprochen werden. Diese Euphorie ist für mich aber keine Nebenwirkung, sondern ein gewünschter Nebeneffekt des Lachgases. Die meisten Kinder sind sehr entspannt, einige fangen zu lachen an oder kichern vor sich hin. Nach erfolgtem Eingriff möchten sie noch länger Lachgas einatmen, und über 80 Prozent der Kinder verspüren keinen oder fast keinen Schmerz während des Eingriffs.

Indikationen zur Anwendung

Die Indikation zur Anwendung von Lachgas muss richtig gestellt werden, und es sollte unbedingt an eine gute Basisanalgesie gedacht werden, damit die Kinder bei allfälligen Schmerzen nach dem Eingriff, nachdem das Lachgas nicht mehr wirkt, gut mit einer Analgesie abgedeckt sind. Für langdauernde oder sehr schmerzhafte Eingriffe muss man jedoch andere Möglichkeiten (z. B. Narkose) wählen. Auf unserer interdisziplinären Notfallstation verwenden wir Lachgas nun schon seit mehreren Jahren. Die Ärzte, die Pflegenden und vor allem die Kinder möchten es nicht mehr missen.

Wir verwenden es bei Prozeduren wie Lumbalpunktionen, Verbandswechsel, Repositionen nach Luxationen oder Frakturen, Fremdkörperentfernungen, Legen von Infusionen bei ängstlichen Kindern und so weiter, kurzum bei allen Eingriffen, die dem Kind Angst machen oder Schmerzen bereiten.

Das fixe Lachgas-Sauerstoffgemisch wird in der Schweiz unterdessen fast auf jeder pädiatrischen Notfallstation verwendet, und auch einzelne Praktiker sind so begeistert von der analgosedierenden Wirkung, dass sie sich eine Lachgas-Sauerstoffflasche angeschafft haben.

Von Dr. Georg Staubli, Ärzte Woche 15 /2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben