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Foto: Privat

OA Dr. Renate Barker Leiterin der Schmerzambulanz am Krankenhaus St. Elisabeth, Wien

 
Schmerz 30. März 2011

Die große Unbekannte

Chronische Schmerzen sind eine eigenständige Erkrankung. Interdisziplinarität ist gefordert.

Bereits zum fünften Mal findet heuer am 15. April die Fortbildungsveranstaltung „SCHMERZ INTERDISZIPLINÄR“ im Wiener Rathaus statt. Neben der Fachtagung gibt es wie immer auch eine Publikumsveranstaltung, den 5. Wiener Schmerztag, der Patienten und Angehörigen offen steht.

 

OA Dr. Renate Barker, Leiterin der Schmerzambulanz am Krankenhaus St. Elisabeth, Wien, und Präsidentin des Vereins Contra Dolorem hat die Veranstaltung initiiert und sprach mit der Ärzte Woche über die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit in der Schmerztherapie.

Welches Ziel hat Contra Dolorem?

Barker: Schmerzen waren lange Zeit kein großes Thema. Zu Unrecht, wie einige Kollegen aus der Anästhesie und ich vor etlichen Jahren fanden. Denn es darf nicht sein, dass Patienten in Österreich oft jahrelang von einem Arzt zum anderen laufen, ohne dass ihnen geholfen wird. Zusammen haben wir 2002 den Verein Contra Dolorem gegründet, um die Lücke zwischen den Therapiestandards einzelner Behandlungszentren und der übrigen Grundversorgung der Schmerzpatienten zu verkleinern. Wir möchten – und deshalb haben wir auch „SCHMERZ INTERDISZIPLINÄR“ initiiert – die neuesten Erkenntnisse zum Thema Schmerz allen interessierten Kollegen praxisrelevant vermitteln.

 

Was haben Sie bisher erreicht?

Barker: Es ist uns, glaube ich, gelungen, das Thema „Schmerz“ zu enttabuisieren und immer wieder zu thematisieren. Wir sehen uns hier als Bindeglied zwischen der Österreichischen Schmerzgesellschaft, die sich an Ärzte wendet, und der breiten Öffentlichkeit. Wir möchten den Patienten vermitteln, dass sie sagen können, wenn sie Schmerzen haben, dass die chronische Schmerzkrankheit unter ICD-R52.9 auch als eigenständige Erkrankung gelistet wird. Schmerz ist also nicht einfach Teil einer Krebs- oder rheumatischen Erkrankung, sondern eine eigenständige Krankheit.

 

An wen richtet sich „SCHMERZ INTERDISZIPLINÄR“?

Barker: An Fachkollegen wie Orthopäden, Neurologen oder Internisten und an Allgemeinmediziner, die alle täglich mit Schmerzen konfrontiert sind. Ansprechen und sensibilisieren wollen wir auch junge Kollegen – es gehört eben dazu, Patienten auch nach Schmerzen zu fragen und nicht nur etwa nach dem Stuhlgang. Jeder Kollege sollte wissen, wo es zu Schmerzen kommen kann und welche Therapien und Möglichkeiten es zur Zusammenarbeit gibt. Die Ärztefortbildung findet getrennt von der Publikumsveranstaltung, dem 5. Wiener Schmerztag, bei dem jährlich über 8.000 Besucher gezählt werden, statt.

 

Wie lässt sich die Zusammenarbeit noch verbessern?

Barker: Bei einer Patientin mit chronischem Beckenbodenschmerz etwa kann es sein, dass sie vom Urologen zum Gynäkologen, von dort zum Chirurgen und Neurologen bis hin zum Orthopäden geschickt wird. Trotzdem kann ihr keiner helfen, wenn die Kommunikation zwischen den einzelnen Disziplinen nicht funktioniert. Eine Schmerzambulanz kann hier die Koordination übernehmen, sämtliche Befunde einsehen und so zu einem Therapievorschlag gelangen oder ganz gezielt weiter verweisen – zum Wohl des Patienten darf man nicht egoistisch sein.

 

Was ist die große Herausforderung bei der Schmerztherapie?

Barker: Uns stehen immer mehr stark wirksame Medikamente zur Verfügung, die auch verstärkt zum Einsatz kommen. Allerdings wäre es schön, wenn wir Präparaten wie etwa Cannabis, das vor allem in der Behandlung von Tumorschmerzen oder bei HIV-Patienten gute Ergebnisse zeigt, zu einem besseren Ruf verhelfen könnten. Außerdem würde ich mir wünschen, dass Schmerz denselben Stellenwert erhält wie andere chronische Erkrankungen. Denn niemand käme auf die Idee, bei Komplikationen eines Diabetikers Insulin abzusetzen – die Schmerztherapie wird in ähnlichen Fällen aber leider rasch eingestellt. Dabei haben die Patienten ein Recht auf Schmerzfreiheit.

 

Das Gespräch führte Tanja Fabsits.

 

 www. schmerzinformation.org

 

Anmeldung: Tel.: 01/54 53 810

www.medevent.cc

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