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Schmerz 27. Oktober 2010

Sichtbar gemacht

Die Quantitative Sensorische Testung zeigt verborgene Nervenschäden.

Die Hälfte aller Kinder, die länger als zwei Jahre an Typ-1-Diabetes leiden, haben verborgene Nervenschäden. Dieses Ergebnis erbrachte eine Studie der Vestischen Kinderklinik Datteln (D), die beim Deutschen Schmerzkongress in Mannheim (6. bis 9. Oktober) vorgestellt wurde. Erkennen lassen sich die Schäden mit Hilfe einer neuen Messmethode, der Quantitativen Sensorischen Testung (QST). Das Verfahren, das erstmals bei Kindern angewandt wurde, lieferte weitere interessante Resultate: Danach entstehen Schmerzen bei Patienten mit einer Spastik aufgrund frühkindlicher Hirnschädigungen nicht, wie bisher angenommen, durch Muskelverspannungen, sondern durch die Nerven selbst. Das hat Konsequenzen für die Therapie.

 

Rund 200.000 Kinder leiden in Deutschland unter chronischen Schmerzen, die ohne richtige Behandlung meist bis ins Erwachsenenalter andauern. Im Gegensatz zu den Schmerzen bei Erwachsenen ist die Entstehung von Schmerzen bei Kindern noch wenig erforscht. Fest steht, dass sie sich deutlich voneinander unterscheiden, so dass sich Erkenntnisse aus Studien mit Erwachsenen nicht so einfach auf Kinder übertragen lassen.

Neue Untersuchungen mit der Quantitativen Sensorischen Testung (QST) haben aber inzwischen Erkenntnisse zu den Besonderheiten des Schmerzes bei Kindern erbracht. „Diese Ergebnisse werden voraussichtlich auch die Behandlung in Zukunft erheblich verbessern“, meint der Neuropädiater und Studienleiter Dr. Markus Blankenburg, Vestische Kinderklinik Datteln.

Kein Eingriff nötig

Die Quantitative Sensorische Testung wurde in den letzten Jahren vom Deutschen Forschungsnetz Neuropathischer Schmerz (DNFS) entwickelt und erprobt. Mit ihr soll die Funktionsfähigkeit dünner Nervenfasern klinisch getestet werden. Die QST besteht aus einer Reihe von einfachen und harmlosen Tests wie der Messung der Schmerz- und Wahrnehmungsschwelle für Hitze, dumpfen Druck und Reizung mit einem spitzen Gegenstand.

Menschen mit Nervenschäden zeigen charakteristische QST-Profile, die sich durch stärkere oder schwächere Empfindlichkeit für einen bestimmten oder auch mehrere Reize auszeichnen. Bewerten lässt sich das QST-Profil eines Patienten mit Nervenschäden aber nur im Vergleich mit dem Profil gesunder Kontrollpersonen. Die Dattelner Forscher haben deshalb erstmals Referenzwerte für Kinder ab sechs Jahren ermittelt und die QST somit für diese Patientengruppe einsetzbar gemacht. Blankenburg: „Das Testverfahren eignet sich gut für Kinder, weil sie mit keinem Eingriff verbunden, leicht erlernbar und kosteneffizient ist.“ Kinder und Jugendliche, die vor oder während der Geburt einen Gehirnschaden erlitten haben, leiden unter starken Muskelverkrampfungen, die auch die Gelenke verformen können. Viele von ihnen haben Schmerzen, von denen man bisher angenommen hatte, dass sie durch die Verspannungen entstehen. Bei der Studie fanden sich jetzt deutliche Hinweise, dass die Schmerzen durch eine Schädigung der Nervenbahnen selbst bedingt sind. „Solche Nervenschmerzen müssen mit ganz anderen Medikamenten behandelt werden als Schmerzen durch Verspannungen“, erklärt Blankenburg.

Schäden früh erkennen

Eine weitere Studie hat gezeigt, dass sich die QST gut eignet, um Nervenschäden durch Diabetes bei Kindern zu entdecken, noch bevor das Kind sie bemerkt. „Die Hälfte der Kinder mit Typ-1-Diabetes, die wir untersucht haben, hatte schon Nervenschäden“, berichtet Blankenburg.

Der Mediziner vermutet, dass sich diese Schäden bei Kindern durch eine bessere Einstellung des Blutzuckers und vielleicht auch durch Medikamente wieder zurückbilden könnten. Die QST-Messung eignet sich also nicht nur als Screening-Verfahren, sondern kann auch helfen, die Wirksamkeit von Medikamenten zu überprüfen.

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