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Die für die Therapie mittels Akupunktur benötigten Punkte werden nach Palpation und Schmerzhaftigkeit ausgewählt.
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Dr. Daniela Stockenhuber Ärztin für Allgemeinmedizin, Ausbildungsreferentin der Österreichischen Gesellschaft für Akupunktur (ÖGA), Akupunkturambulanz des Kaiserin-Elisabeth-Spitals, Wien

 
Schmerz 27. Oktober 2010

Punktgenau gegen den Schmerz

Schmerzen zählen zu den häufigsten Krankheitsbildern in der täglichen Praxis. Die Akupunktur bewährt sich dabei als alternative oder additive Methode zur Schulmedizin. Von Dr. Daniela Stockenhuber

An der Akupunkturambulanz des Wiener Kaiserin-Elisabeth-Spitals werden täglich etwa 40 Patienten therapiert, drei Viertel davon aufgrund von Schmerzen. Anhand des Visuellen Analog Scores (VAS) lässt sich bei ihnen eine deutliche Verringerung der Schmerzintensität feststellen. In Bezug auf Cephalea und Migräne konnte in einer Follow-up-Studie gezeigt werden, dass bei 83 Prozent der 194 untersuchten Patienten ein Effekt der Behandlung auch nach sechs Monaten noch nachweisbar war.

 

Die Akupunktur als Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)ist als eine mehrere tausend Jahre alte Behandlungsmethode in ein philosophisches Konzept eingebettet, welches bei näherer Betrachtung ein komplexes, in sich schlüssiges Bild des Menschen und seiner Erkrankungen bietet. Sie ist als konstitutionelle Therapieform zu betrachten, die spezifisch auf jeden Patienten und dessen Beschwerdebild abgestimmt werden muss.

Ursprünglich war die Akupunktur eine reine Erfahrungsheilkunde, die nur durch Beobachtung wiederkehrender Effekte und Palpation entstanden ist. Erst nachdem die westliche Welt Anfang der siebziger Jahre mit der Akupunktur-Analgesie bei operativen Eingriffen konfrontiert worden war, ergab sich die Frage nach ihrer Wirkung und damit begann eine intensive Forschungstätigkeit. Bereits seit längerer Zeit sind nerval-reflektorische und humoral-endokrine Wirkungen nachgewiesen. Ebenso konnten Effekte auf die Durchblutung und den Muskeltonus gezeigt werden.

Kürzlich haben Forscher des amerikanischen Rochester Medical Centers als weiteren Wirkmechanismus die Bedeutung des Botenstoffes Adenosin bei der Akupunktur untersucht. Im Tierversuch zeigte sich, dass unter Akupunkturstimulation der Adenosinspiegel auf das 24-fache anstieg und sich die Schmerzintensität um etwa zwei Drittel verringerte.

Dieselben Ergebnisse konnten auch erzielt werden, wenn Tieren anstelle der Akupunkturnadeln Adenosin-A1-Agonisten verabreicht wurden. Weiters konnte durch die medikamentöse Hemmung des Abbaus des Adenosins die Akupunkturwirkung deutlich verlängert werden. Derzeit laufen auch unzählige klinische Studien, welche die Wirkung der Akupunktur bei diversen Indikationen zeigen sollen.

Varianten der Akupunktur

Die Bezeichnung Akupunktur geht auf den holländischen Arzt Willem Ten Rhyne (17. Jahrhundert) zurück, der die Wörter Acus (Nadel) und pungere (stechen) verwendete und damit auch die Methode beschrieb, wohingegen die chinesische Bezeichnung übersetzt etwa „Nadel stechen und Moxakraut brennen“ lautet – woraus hervorgeht, dass es auch mehrere Reizsetzungsmöglichkeiten an Akupunkturpunkten gibt.

Dem Therapeuten stehen nun sowohl generell als auch im Speziellen bei der Schmerztherapie verschiedene Varianten der Akupunktur wie die Körperakupunktur und Mikroakupunktursysteme (MAPS) zur Verfügung. Bei Bedarf kann auf zusätzliche Methoden wie zum Beispiel Moxibustion (Abbrennen von Beifußkraut), Schröpfen oder Elektrostimulation zurückgegriffen werden.

Die klassische Körperakupunktur kennt über 300 Punkte, die auf Leitbahnen (Meridianen) liegen, welche paarweise longitudinal am Körper angeordnet sind. Die Nomenklatur der Punkte erfolgte ursprünglich mit Eigennamen, die oft auf die Wirkweise und Indikation Bezug nahmen wie zum Beispiel „Zusanli“, was übersetzt etwa „Dreimeilenpunkt des Beines“ heißt. Dieser Punkt gibt Kraft, stärkt die untere Extremität und ermöglicht, „drei Meilen weiter zu gehen“. In der modernen Nomenklatur wurden die auf bestimmten Meridianen liegenden Punkte einfach durchnummeriert – somit heißt dieser auf dem Magenmeridian gelegene Punkt nun Magen 36. Abgesehen von seinem äußerst breiten Wirkungsspektrum ist dieser Punkt einer der wichtigsten Punkte bei Schmerzen im Bereich der unteren Extremität. Zusätzlich zu den auf den Hauptmeridianen gelegenen Punkten gibt es noch zahlreiche Extrapunkte, die wegen ihrer lokalen Wirkung oder indikationsspezifisch eingesetzt werden können.

Die Körperakupunktur kann von der einfachsten Variante, dem „Locus dolendi Stechen“, bis hin zu einer weit umfassenderen Therapie reichen, bei der sämtliche Aspekte, die zur Krankheitsentstehung beigetragen haben, anamnestisch erfragt und therapeutisch berücksichtigt werden. Abgesehen von der Anamnese tragen auch verschiedene Palpationstechniken sowie die Zungen- und Pulsdiagnostik zur Programmerstellung und der Wahl der erforderlichen Reiztechnik bei.

Projektion des Organismus

Bei den Mikroakupunktursystemen oder Somatotopien handelt es sich um die nochmalige Repräsentanz des Gesamtorganismus auf einem begrenzten Teilbereich des Körpers, wobei die Projektion sowohl anatomisch als auch funktionell, entsprechend der TCM, erfolgt. Diese Punkte oder Zonen sind nur im Falle einer Störung aktiv beziehungsweise nachweisbar und haben somit sowohl eine diagnostische als auch eine therapeutische Bedeutung. Von den unzähligen MAPS werden am häufigsten die Ohrakupunktur, die YNSA (Yamamotos New Scalp Acupuncture) und die Koreanische Handakupunktur in der Schmerztherapie eingesetzt.

Auch hier werden die für die Therapie benötigten Punkte nach Palpation und Schmerzhaftigkeit ausgewählt. Für das Ohr eignen sich zu diesem Zweck auch Punktsuchgeräte, die durch Messung des elektrischen Hautwiderstandes den benötigten Punkt genauestens verifizieren. Die Therapie kann dann über Einmalnadeln oder – vor allem bei der Ohrakupunktur – über Dauernadeln erfolgen. Diese Dauernadeln können über einen längeren Zeitraum belassen werden, sie wirken daher besonders gut und sind in der Schmerztherapie sehr beliebt.

Alternativen zur Nadel

Als wirkungsvolle und völlig schmerzfreie Alternative zur Nadel steht für Kinder oder sehr schmerzempfindliche Patienten der Laser zur Verfügung. Die sogenannte Softlasertherapie kann wegen ihrer analgetischen und antientzündlichen Effekte sowohl zur Bestrahlung von Akupunkturpunkten als auch zur Flächenbehandlung bei verschiedensten Schmerzindikationen herangezogen werden.

Bei der Koreanischen Handakupunktur werden in diesem Sinne auch gerne kleine Metallplättchen auf empfindliche Stellen geklebt, die dann von den Patienten selbst zur weiteren Schmerzreduktion immer wieder massiert werden können. Somit stehen den Ärzten mehrere Therapievarianten zur Verfügung, die alleine, aber auch in verschiedenen Kombinationen anwendbar sind. Die Wahl der jeweiligen Methode wird von der zu behandelnden Indikation genauso wie von Erfahrungswerten oder der Intuition des Therapeuten abhängen.

Schmerzindikationen

An unserer Akupunkturambulanz werden täglich etwa 40 Patienten gegen verschiedenste Beschwerden therapiert. Die Schmerzindikationen reichen von Lumbago beziehungsweise Lumboischialgie, dem Cervikalsyndrom und der Migräne beziehungsweise Cephalea bis hin zu Neuralgien, Phantomschmerzen oder dem Chronic Pelvic Pain und machen insgesamt etwa 75 Prozent unserer Patienten aus. Die Therapie erfolgt bei etwa 30 Prozent dieser Schmerzpatienten ausschließlich über Körperakupunktur, 55 Prozent werden gleichzeitig über Körperakupunktur und Somatotopien behandelt und etwa 15 Prozent werden nur über Somatotopien therapiert.

Mittels der Bestimmung des Visuellen Analog Scores (VAS) durch die Patienten lässt sich eine deutliche Verringerung der Schmerzintensität feststellen. So liegt der durchschnittliche VAS vor der Therapie bei etwa 7,5. Dieser reduziert sich nach zehn Akupunktursitzungen im wöchentlichen Abstand um mehr als die Hälfte. Im Bezug auf Cephalea und Migräne konnten wir mit einer Follow-up-Studie zeigen, dass bei 83 Prozent von 194 Patienten ein statistischer Effekt auch noch nach sechs Monaten nachweisbar war.

 

Literatur bei der Verfasserin.

 

 Webtipp

www.akupunktur.at

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