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Süßes wie etwa Saccharose oder Dextrose hilft Kindern gegen den Schmerz. Daneben kann auch zusätzlicher Hautkontakt schmerzlindernd wirken.

Frei sein im Schmerz: Selbsthilfe durch Achtsamkeitsbasierte Schmerztherapie ABST Tamme, Peter; Tamme, Iris 252 Seiten, € 30,80 Books on Demand, 2010 ISBN 9783839119037 Die achtsamkeitsbasierte Schmerztherapie ist ein neues psychotherapeutisches Verfahren zur Selbsthilfe bei Schmerzen und zur Behandlung von Schmerzkranken, das auf Techniken der buddhistischen Achtsamkeitsmeditation beruht.n

 
Schmerz 22. September 2010

Die komplexe Welt des Schmerzes

Eine Auswahl der Top-Themen des 13. Welt-Schmerzkongresses in Montreal.

Mehr als 6.000 Experten aus der Schmerzforschung und -therapie fanden sich zwischen 29. 8. und 2. 9. 2010 in Montreal (CDN) ein, um im Rahmen des 13. Weltkongresses der International Association for the Study of Pain (IASP)über aktuelle Trends und Entwicklungen der Schmerzmedizin zu diskutieren. Die Themen reichten dabei von der Grundlagenforschung über pharmakologische und nicht pharmakologische Therapieansätze bis hin zu komplementärmedizinischen Methoden der Schmerztherapie.

„Schmerzmanagement ist nicht allein eine Frage der Entwicklung neuer Analgetika, vielmehr geht es um die Entwicklung neuer, umfassender Strategien“, meinte Prof. Gerald F. Gebhart, Direktor des Zentrums für Schmerzforschung an der University of Pittsburgh School of Medicine, USA, und Präsident der IASP, auf dem heurigen Weltkongress. „Schmerz ist weit komplexer, als die Forschung früher vermutete. Wir benötigen daher ein besseres Verständnis der Mechanismen der Schmerzentstehung, um wirksame Therapiestrategien zu entwickeln.“ Demgemäß waren zahlreiche der 73 Workshops, 12 Plenarvorträge und rund 500 Poster der Entstehung und Fortleitung sowie Pathophysiologie des Schmerzes gewidmet.

Zentrale Sensitivierung

In seinem Plenarvortrag befasste sich Dr. Clifford J. Woolf, Massachusetts General Hospital und Harvard Medical School, Charlestown, USA, mit der Rolle der zentralen Sensitivierung (CS – Central Sensitisation) für Veränderungen der Schmerzwahrnehmung und die Entstehung einer Hypersensibilität. Nozizeption ist ein Schutzmechanismus, der hilft, Schäden zu minimieren. Neben dem reflexartigen Zurückziehen und weiteren Meiden des schmerzauslösenden Stimulus zählt auch die Sensitivierung des nozizeptiven Systems, das zu einem Herabsetzen der Schmerzschwelle führt, zu diesem Schutzmechanismus. Nach längerer Abwesenheit des schmerzausösenden Stimulus geht die erhöhte Sensitivierung wieder auf das Normalniveau zurück.

Woolf: „Diese Sensitivierung ist Ausdruck einer gebrauchsabhängigen synaptischen Plastizität im zentralen Nervensystem.“ Bei Symptomen wie Hyperalgesie oder Allodynie hat Schmerz jedoch keine protektive Alarmfunktion mehr.

CS ist neben der peripheren Sensitivierung ein Mechanismus, der bei der Entstehung dieser Schmerzsyndrome eine wesentliche Rolle spielt. Die CS ist dabei laut Woolf ein komplexes und ständig variierendes Mosaik aus Veränderungen der Membran-Exzitabilität, der Reduktion der Transmissions-Hemmung und der Erhöhung der synaptischen Aktivität, die durch zahlreiche molekulare Player wie NMDA-Rezeptoren, AMPA-Rezeptoren, BDNF oder metabotropen Glutamatrezeptoren gesteuert wird.

Süße Schmerztherapie

Dem Schmerzmanagement bei Neugeborenen war der Vortrag von Dr. Celeste Johnson, McGill University Montreal, Kanada, gewidmet. Während früher die Meinung vorherrschte, Neugeborene hätten kein oder nur ein sehr eingeschränktes Schmerzempfinden, weiß man heute, dass Neugeborene aufgrund noch nicht ausgereifter Mechanismen zur Schmerzabwehr besonders empfindlich auf Schmerzreize reagieren, wobei die Reaktionen der Neugeborenen auf akute Schmerzen von jenen auf chronische Schmerzen differieren. Dabei sind sowohl Entwicklungsalter als auch vorangegangene Schmerzexposition für die Art der Reaktion und die langfristigen Konsequenzen verantwortlich.

Aufgrund der Problematik der Verabreichung von bei Erwachsenen gebräuchlichen Analgetika an Neugeborene wurden zahlreiche Studien zu topischen Analgetika und nicht pharmakologischen Interventionen durchgeführt.

Dabei hat sich gezeigt, dass nicht pharmakologische Maßnahmen, insbesondere die Verabreichung von Süßem wie etwa Saccharose oder Dextrose, auch über einen längeren Zeitraum eine effektive Schmerztherapie darstellen. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass zusätzlicher Hautkontakt bei Neugeborenen ebenfalls zu einer Reduktion der Schmerzreaktion führt. Inwieweit diese Erkenntnisse für die Schmerztherapie von Erwachsenen von Bedeutung sind, müssen weitere Forschungen klären.

Schmerz und Kognition

Sowohl das gesunde alternde Gehirn als auch das Gehirn von Alzheimer-Patienten weisen eine Atrophie des Parenchyms mit einem Verlust an Grauer Substanz in Regionen, die in die Verarbeitung von Schmerzreizen involviert sind, auf. Inwieweit Alter und Demenzerkrankungen einen Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung haben, war Thema eines von Dr. Stephen Gibson, Royal Melbourne Hospital, Australien, geleiteten Symposiums. In fMRI-Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass bei jüngeren im Vergleich zu älteren Probanden auf geringfügige Schmerzreize zwar die gleichen Gehirnregionen aktiviert werden, bei jüngeren jedoch die Reizantwort in motorischen Regionen, insbesondere dem kontralateralen Putamen und Nucleus caudatus, stärker ausfällt. „Dies legt die Vermutung nahe, dass die schmerzmodulierenden Mechanismen im fortgeschrittenen Alter eine Einschränkung erfahren“, so Gibson. Bei Alzheimer-Patienten konnte eine verstärkte Konnektivität zwischen dem dorsal-lateralen präfrontalen Cortex und dem anterioren Cingulum, dem periaquäductalen Grau, dem Thalamus sowie einigen motorischen Regionen gefunden werden.

Dies spricht laut Gibson für eine starke Assoziation von Schmerz und kognitiven Prozessen, die sich mit zunehmendem Alter und insbesondere bei Demenzpatienten verändern.

Akupunktur

Im Tiermodell und in Studien an menschlichen Probanden konnte gezeigt werden, dass Akupunktur in der Lage ist, die Schmerzsensitivität zu senken. „Die Hypothese, dass endogene Opioid-Peptide am schmerzlindernden Effekt der Akupunktur beteiligt sind, scheint plausibel zu sein“, sagt Dr. Ji-Sheng Han, Neuroscience Research Institute, Peking, China. Unterstützt wird diese Annahme durch neuere Forschungen mittels bildgebender Verfahren.

In der aktuellen Akupunktur-Forschung ist es heute üblich, Elektrostimulation anstatt konventioneller Nadeln einzusetzen, da sich damit Akupunktureffekte besser identifizieren lassen. So konnte etwa gezeigt werden, dass niederfrequente Stimulation (2 Hz) die Ausschüttung von Enkephalin und b-Endorphin beschleunigt, während hochfrequente Stimulation (100 Hz) eine Dynorphin-Ausschüttung auslöst, was für eine Frequenzabhängigkeit der Ausschüttung von Neuropeptiden im ZNS spricht.

In klinischen Studien war Akupunktur immer wirksamer als gar keine Behandlung. Überlegenheit der Akupunktur gegenüber Placebo konnte jedoch nicht in allen Untersuchungen nachgewiesen werden. Die Herausforderung für die klinische Forschung ist laut Han, die psychischen Effekte der Akupunktur von den physiologischen zu trennen. Han ist jedoch überzeigt, dass die weitere Erforschung der Akupunktur einen wesentlichen Beitrag für eine effektive, sichere und kostengünstige Schmerzbehandlung leistet.

Tumorschmerzen

Die Fortschritte in der Krebstherapie der letzten Jahrzehnte haben zu einer deutlichen Verbesserung der Überlebensraten bei onkologischen Erkrankungen geführt. Neue Chemotherapeutika und zielgerichtete Therapieansätze sind heute in der Lage, das Tumorwachstum effektiver zu kontrollieren als noch vor wenigen Jahren. „Die gesteigerte Wirksamkeit muss allerdings häufig mit erhöhter Toxizität inklusive schmerzhafter peripherer Neuropathien und anderer Symptome erkauft werden“, sagt Dr. Judith Paice, Abteilung für Hämatologie und Onkologie, Northwestern University Medical School, Chicago, USA.

Die Schmerzen, die diese Patienten oft für ihr restliches Leben begleiten, sind für die drastische Einschränkung der Lebensqualität verantwortlich, weshalb insbesondere in der Palliation ein effektives Schmerzmanagement erforderlich ist. Dieses umfasst einerseits eine optimierte pharmakologische Schmerztherapie mit Einsatz von Opioiden und Co-Analgetika; andererseits sind auch die psychischen und sozialen Bedürfnisse von Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen zu berücksichtigen, um ihnen ein Lebensende in Würde zu ermöglichen.

 

Quelle: 13. Weltkongress der International Association for the Study of Pain (IASP), 29. 8. - 2. 9. 2010 in Montreal, Kanada

Salzburger Schmerzkurs 2010
„Aus der Praxis – für die Praxis!“

Es werden vier Einzelblöcke, gesamt 120 Stunden, approbiert durch die Österreichische Schmerzgesellschaft und die Österreichische Akademie der Ärzte, angeboten. Die in diesem Kurs erworbenen Stunden sind eine wesentliche Voraussetzung für den Erwerb des Schmerzdiploms der Österreichischen Ärztekammer.

NEU 2010: Spezielle Blöcke: „Aus der Praxis für die Praxis“ Teilnehmer stellen eigene Fälle vor und diskutieren diese mit den Vortragenden.

Die Kursblöcke können auch einzeln gebucht werden. Bei Bedarf sind Kursblöcke im Folgejahr nachholbar!

Leitung und Organisation: Prof. Dr. Günther Bernatzky, Salzburger Schmerzinstitut, Universität Salzburg, in Zusammenarbeit mit OA Dr. Gernot Luthringshausen, Univ.-Klinik für Neurologie, Christian Doppler Klinik, Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg, und anderen Mitgliedern des Salzburger Schmerzinstituts

Kontakt:
Prof. Dr. Günther Bernatzky, Universität Salzburg, Tel: +43/662/8044-5627, Fax: +43/662/8044-616
E-Mail:

Weitere Informationen über Termine/Orte/Teilnahmegebühren:
www.schmerzinstitut.org
Fortschritte der Schmerztherapie
vor 100 Jahren
Aus der Dtsch. med. Wochenschrift, 1904, No. 23.

Ruhemann, J., Aspirin und Carcinom: Aufgrund von fünf eigenen Beobachtungen, welche sich auf verschiedene, dem Messer des Chirurgen nicht mehr zugängliche Krebse beziehen, erweist Verf. die eigenartige und günstige Wirkung des Aspirins auf die örtlichen und ausstrahlenden Schmerzen der Carcinome. Dadurch wird dem Praktiker ein Mittel an die Hand gegeben, zum Teil auch ohne Anwendung der Narkotika die schmerzhaften Beschwerden der Krebskranken prompt zu bekämpfen. Selbst bei weitgehender Erkrankung des Magens, bei völliger Anorexie wird das Aspirin gut vertragen und leistet vortreffliche Dienste bezüglich der Herbeiführung des Schlafes. Eine Gewöhnung an das Mittel stellt sich so leicht nicht ein. In dem einen der berichteten Fälle, der eine von einem Mammacarcinom ausgehende Metastase in dem Wirbelkanal und Komprissionsmyelitis bedingte, konnten ein dreiviertel Jahr lang die Schmerzen durch Aspiringaben gemildert und Nachtruhe herbeigeführt werden, ohne dass Morphiumeinspritzungen vorgenommen zu werden brauchten. Bei einem inoperablen Uteruscarcinom konnte Breuss ein Jahr lang die analgesierende Wirkung des Aspirins verfolgen.
Die Beobachtungen des Verf. finden in ca. 60 Fällen, deren in der Literatur Erwähnung getan wird (vor allem von L. Goth), ausreichende Bestätigung. (Selbstbericht)

Quelle: Journal of Cancer Research and Clinical Oncology
Volume 2, Numbers 1-3, 186, DOI: 10.1007/BF02097527

Von Mag. Harald Leitner, Ärzte Woche 38 /2010

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