zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
 
Chirurgie 21. September 2010

„Zahnarztbesuch ist schlimmer“

Gehirnoperation bei Bewusstsein verursacht bei Patienten nicht mehr Stress als unter Vollnarkose.

Eine Operation am Gehirn bei Bewusstsein bedeutet offenbar weniger Stress für den Patienten als unter Vollnarkose. Dies zeigen aktuelle Studien zur Wachkraniotomie. Chirurgen wenden das Verfahren beispielsweise bei Hirntumoren an, die aufgrund ihrer Lage als nicht operierbar gelten. Welche Aufgaben der Anästhesist dabei übernimmt, wurde vergangene Woche auf dem Hauptstadtkongress der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) diskutiert.

Eine Operation am Gehirn bei zeitweise vollem Bewusstsein ist für bestimmte Patienten die einzige Hoffnung auf Heilung, denn nur so kann der Neurochirurg sicherstellen, wichtige Hirnareale nicht zu verletzen. Um deren Lage zu identifizieren, führt der Psychologe in den Wachphasen mit dem Patienten Sprach- und Bewegungstests durch. Da das Gehirn selbst nicht über Schmerzrezeptoren verfügt, bereitet die Methode dem Patienten keine Schmerzen.

Eine entscheidende Rolle kommt dabei dem Narkosearzt zu: „Ein maßgeblicher Aspekt einer solchen Operation ist es, den Patienten während des mehrstündigen Eingriffs unter Kontrolle zu haben“, erklärt Dr. Markus Klimek, stellvertretender Direktor der Kliniken für Anästhesiologie und Notfallmedizin, Universitätsklinikum Rotterdam, Niederlande. Der Anästhesist gewährleistet den schmalen Grad zwischen einfachem Schlaf während der Schädelöffnung und Wachphasen, in denen der Patient schmerz-und angstfrei und kooperativ die Tests durchläuft. Er verhindert aber auch Zwischenfälle wie etwa Husten oder Niesen.

Dass die Wachkraniotomie keinen zusätzlichen Stress für die Betroffenen bedeutet, konnte Klimeks Team nachweisen. Dafür untersuchten sie bei 40 Patienten vor, während und nach der Operation die Level verschiedener Interleukine. Die Interleukin-Level im Blut waren bei beiden Gruppen vergleichbar. Patienten, die teilweise wach operiert wurden, gaben zudem an, zwölf Stunden nach dem Eingriff deutlich weniger Schmerzen zu haben als die Vollnarkose-Gruppe. „Und auch die Liegezeiten in der Klinik nach der Operation bei Bewusstsein sprechen für die Methode“, so Klimek. Im Mittel kehren diese Patienten drei bis vier Tage nach dem Eingriff nach Hause zurück. Damit liegen sie etwa einen Tag weniger im Krankenhaus als diejenigen mit einer Vollnarkose.

Inzwischen hat Klimek bereits über 200 Patienten mit Gehirntumoren durch eine Wachkraniotomie begleitet. Einige berichten hinterher, dass der Eingriff angenehmer verlaufen sei als ihr letzter Zahnarztbesuch. Klimek stellte seine Daten vergangene Woche auf dem Hauptstadtkongress der DGAI für Anästhesiologie und Intensivtherapie in Berlin vor.

 

Quelle: Klimek et al.: Mediators of Inflammation 2009, Article ID 670480, doi:10.1155/2009/670480.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben