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Schmerz 1. Juni 2010

Automatisch angepasst

Neuer Schmerz-Schrittmacher mit Bewegungssensoren erstmals in Österreich am Wiener AKH implantiert.

Ein implantierbarer Schmerz-Schrittmacher der neuesten Generation nützt eine auch bei Mobiltelefonen verwendete Bewegungssensoren-Technologie, um die Behandlung schwerster Schmerzen mittels Rückenmark-Stimulation (Spinal Cord Stimulation, SCS) noch effektiver zu gestalten. Anders als bei früheren Schrittmacher-Generationen muss das System bei veränderter Körperhaltung oder Aktivität seines Trägers nicht manuell neu eingestellt werden.

 

Das auf der Jahrestagung der Österreichischen Schmerz-Gesellschaft (ÖSG) vom 13. bis 15. Mai in Wien der Fachwelt vorgestellte Gerät des Medizintechnik-Unternehmens Medtronic misst als weltweit erstes Implantat zur Schmerzbehandlung laufend Stärke und Richtung der Erdanziehungskraft, registriert so die Veränderung der Körperposition oder Aktivität der Patienten und optimiert automatisch die für eine Schmerzlinderung erforderliche Stimulation. Das ist selbst bei unkontrollierten Bewegungen möglich.

Bessere Schmerzkontrolle

Vor wenigen Tagen wurde das innovative System am AKH Wien erstmals in Österreich am Zentrum von Prof. DDr. Hans-Georg Kress, Leiter der Klinischen Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie, implantiert. Kress: „Die SCS soll bei Patienten mit chronischen Schmerzen die Leiden lindern. Da Menschen sich ständig bewegen, indem sie zum Beispiel aufstehen oder sich hinsetzen, Sport betreiben, spazieren gehen oder sich im Schlaf drehen, sollte ein Neurostimulator, der automatisch auf alle Positions- und Aktivitätsänderungen der Patienten reagiert, ihnen zu einer besseren Schmerzkontrolle und einem möglichst normalen Leben verhelfen.“

Die SCS ist eine Standardbehandlung bei schweren Rücken- und Beinschmerzen. Sie erfolgt durch einen implantierbaren Neurostimulator, der über kleine Drähte (Elektroden) milde elektrische Signale rückenmarksnah sendet. Diese Stimulation maskiert die Schmerzsignale des Körpers durch einen sanften Reiz, wodurch Patienten anstelle der Schmerzempfindung ein Kribbeln verspüren. SCS-Produkte früherer Generationen haben einfach voreingestellte Stimulationslevel abgegeben, wodurch Patienten bei veränderter Position oder Aktivität häufig die Einstellungen für die Schmerzlinderung manuell ändern mussten. Das neue System verwendet die Adaptive-Stim-Technologie mit einem eigens entwickelten Rechenprogramm und einem Geschwindigkeitsmesser: Das innovative System verwendet Stärke und Richtung der Erdanziehungskraft, um die Position des Patienten zu erkennen und automatisch die optimale Stufe der schmerzlindernden Stimulation einzustellen.

Sensor erkennt Positionswechsel

Bei der SCS hängt die optimale Stimulationsstufe vom Abstand zwischen dem Rückenmark und den implantierten Elektroden ab. Dieser Abstand ändert sich jedoch, je nachdem ob ein Patient aufrecht steht, sich in Rücken- oder Bauchlage befindet etc. Eine Änderung der Position ohne Änderung der Stimulationsstufe kann also dazu führen, dass ein Patient nicht optimal stimuliert wird. Der neue Sensor erkennt Positionswechsel eines Patienten und wendet automatisch die bevorzugte Stimulationsstufe an, die für diese spezielle Position identifiziert und programmiert wurde. Der Neurostimulator registriert und speichert außerdem die Häufigkeit dieser Haltungs- und Aktivitätsveränderungen. Diese Daten sind erstmalig in einem speziellen Gerät verfügbar und liefern eine Rückmeldung an den Klinikarzt, der dadurch erkennt, ob sich die Aktivitätsstufe und die individuellen Stimulations-Anforderungen eines Patienten im Laufe der Zeit ändern.

Kress: „Schmerz-Schrittmacher sind nicht ‚das Allheilmittel‘ für jeden chronischen Schmerz. Die neuen Gerätetechnologien verbessern aber nochmals die Lebensqualität und haben die Schmerz-Schrittmacher zu einer wichtigen nichtmedikamentösen Behandlungsoption für ganz bestimmte chronische Schmerzen werden lassen.“ Die SCS ist eine effektive und kostenwirksame analgetische Therapie, die zur Unterstützung bei der Behandlung chronischer, zum Beispiel medikamentös nicht beherrschbarer Schmerzen an Rumpf und/oder Extremitäten, indiziert ist. Die zweijährige PROCESS-Studie hat vor kurzem gezeigt, dass bei Ergänzung der konventionellen medizinischen Behandlung mit SCS bei Patienten mit Schmerzen der unteren Extremitäten mit oder ohne Rückenschmerzen signifikante Verbesserungen hinsichtlich der Schmerzlinderung und der Lebensqualität beobachtet werden.

Im letzten Jahr hat das britische National Institute for Health and Clinical Excellence die Anwendung bei Erwachsenen mit bestimmten Formen chronischer neuropathischer Schmerzen zugelassen.

 

Quelle: Pressemitteilung B&K

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