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Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
 
Schmerz 16. März 2010

1,5 Millionen Mal Schmerz

Auf dem 14. Internationalen Schmerzsymposium in Wien wurde eine ganze Reihe von therapeutischen Innovationen präsentiert, die Österreichs 1,5 Millionen chronischen Schmerzpatienten in Zukunft noch besser helfen sollen.

Eine völlig neue Substanz mit doppeltem Schmerzlinderungs-Mechanismus, neue Darreichungsformen bewährter Substanzen, die den Durchbruchschmerz besser bekämpfen oder besser verträglich sind, neue Strategien gegen die gefürchtete Verstopfung unter Opioid-Therapie und ein lokal wirkendes Pflaster gegen Neuropathien: Eine ganze Reihe von therapeutischen Entwicklungen wurden Ende Februar in Wien präsentiert.

 

Rund 1,5 Millionen Österreicher über 16 Jahren leiden an chronischen Schmerzen, zeigte kürzlich eine repräsentative Befragung im Auftrag der Österreichischen Schmerzgesellschaft. Die Palette von Behandlungsmöglichkeiten für ihre Leiden wird sich in Zukunft um einige Optionen erweitern, berichtete Prof. Dr. Hans Georg Kress, Vorstand der Abteilung für spezielle Anästhesie und Schmerztherapie der Medizinischen Universität Wien, aus Anlass des von ihm veranstalteten 14. Internationalen Wiener Schmerzsymposiums.

Neues Medikament greift Schmerzen doppelt an

Eine völlig neue Substanzklasse wird mit der Innovation Tapentadol eingeführt, das in schnell wirksamer (immedieate release – IR) Form in den USA bereits im Vorjahr auf den Markt kam. In Europa wird mit seiner Zulassung als IR- und als Retard-Präparat (long release – LR) im Laufe des Jahres 2010 gerechnet. „Tapentadol vereinigt in seinem Molekül erstmals zwei unabhängige analgetische Wirkprinzipien, nämlich den μ-Opioidrezeptor-Agonismus MOR der Opioide und gleichzeitig die Noradrenalin-Wiederaufnahme-Inhibition NRI der Antidepressiva“, erläuterte Kress. „Aufgrund dieses spezifischen pharmakologischen Wirkprofils stellt Tapentadol den ersten klinisch verfügbaren Vertreter einer neuen Analgetikagruppe dar, die als MOR-NRI bezeichnet wird.“

In mehreren Studien mit insgesamt mehr als 7.000 Patienten zeigte sich, dass zur Akutschmerzbehandlung IR-Tapentadol sowohl bei postoperativen als auch bei anderen Akutschmerzen gleich wirksam ist wie rasch wirksames Oxycodon oder rasch wirksames Morphin. Kress: „Es zeichnet sich jedoch durch signifikant bessere Verträglichkeit auch gegenüber IR-Oxycodon aus, insbesondere bezüglich gastrointestinaler unerwünschter Wirkungen wie Übelkeit oder Verstopfung.“

Retardiertes Tapentadol wurde ebenso ausführlich in klinischen Studien untersucht, unter anderem bei Arthrose des Hüft- und Kniegelenks, chronischen Rückenschmerzen und schmerzhafter diabetischer Polyneuropathie. „Bei der Behandlung dieser chronischen entzündlichen, nozizeptiven und zum Teil neuropathischen Schmerzen erwies sich PR-Tapentadol als zumindest ebenso wirksam wie entsprechende Dosierungen von Oxycodon. Auch hierbei traten signifikant weniger Nebenwirkungen auf“, so Kress. „Aufgrund des pharmakologischen Profils und des zweifachen MOR-NRI-Wirkmechanismus wird Tapentadol nach seiner Markteinführung eine neue, besonders verträgliche Alternative für die Behandlung zahlreicher Schmerzsyndrome darstellen.“

Gut verträgliche Opioide in neuer Form

Eine andere beim Wiener Kongress präsentierte Innovation betrifft eine neue Darreichungsform bewährter Substanzen. In Zukunft werden die Opioide Hydromorphon und Oxycodon erstmals in Österreich auch als parenterale Formulierungen verfügbar sein, also intravenös und intramuskulär verabreicht werden können.

Als Tabletten sind beide Substanzen bereits seit Jahren auf dem Markt und in der Schmerztherapie bewährt.„Es ist ein wichtiger Fortschritt, dass wir vor allem für die Anwendung in der postoperativen Schmerztherapie und bei Palliativpatienten nun eine Alternative zu Morphin haben, das bisher das einzige parenteral verfügbare Opioid war“, erklärt Kress. „Es ist ein sehr wirksames Medikament, kann aber vor allem bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion zu unangenehmen Nebenwirkungen wie Sedierung oder Verwirrung führen. Hydromorphon und Oxycodon bilden, anders als Morphin, keine Glucuronid-Metaboliten, die für diese Nebenwirkungen verantwortlich sind.“

Verbesserte Therapie der Durchbruchschmerzen

Eine bewährte Substanz im neuen Kleid bietet auch neue Perspektiven für ein bisher schwer behandelbares Problem bei Menschen mit Tumorschmerzen, die sogenannten Durchbruchschmerzen: Das sind zusätzlich zum Basisschmerz auftretende, extrem intensive Schmerzspitzen, die in der Regel nur eine halbe Stunde bis maximal eine Stunde dauern und schon nach wenigen Minuten ihre höchste Intensität erreichen.

„Mit den herkömmlichen oralen Immediate-Release-Opioiden Hydromorphon, Oxycodon oder Morphin dauert es zwischen 35 und 40 Minuten, bis Betroffene tatsächlich eine relevante Schmerzerleichterung bemerken“, äußerte Kress. „Die Wirkung dieser Medikamente hält darüber hinaus vier Stunden und länger an, also viel länger als die Schmerzepisode dauert. Sie wirken also meist zu spät und zu lange und sind daher nicht wirklich geeignet für die Behandlung von Durchbruchschmerz.“

Neue Darreichungsformen

Jetzt stehen aber gleich mehrere neue Möglichkeiten zur Bekämpfung von Durchbruchschmerzen zur Verfügung oder werden demnächst auf den Markt kommen. Alle machen sich die besonderen Eigenschaften des Wirkstoffs Fentanyl zunutze, der sich durch eine schnelle Anschlagzeit und eine kurze Wirkdauer auszeichnet.

„Fentanyl hat sich als intravenöses Analgetikum bereits seit vielen Jahrzehnten bewährt, und in der Behandlung von Krebsschmerz liegen seit der Einführung der Fentanyl-Pflaster und eines Lutschers mit Fentanyl positive Erfahrungen vor“, berichtete Kress. „Mit Fentanyl-Buccaltabletten, Sublingualtabletten und gleich zwei intranasalen Fentanylsprays wurden neue Darreichungsformen entwickelt, die sich noch besser für die Durchbruchschmerz-Behandlung eignen.“

Nasenspray, Buccal- und Sublingualtabletten

Das erste, bereits verfügbare Fentanyl-Nasenspray nutzt die gut durchblutete Nasenschleimhaut als Applikationsweg für eine schnelle Wirksamkeit. „In den bisherigen Studien, die wir zum Teil auch bei uns in Wien durchgeführt haben, erwies sich das Spray als leicht anzuwenden, gut einstellbar sowie schnell und stark wirksam“, so Kress. „25 Prozent der Episoden ließen sich bereits nach fünf Minuten relevant bessern.“

Ein anderes, derzeit noch nicht zugelassenes, intranasales Applikationssystem, das Fentanyl-Pektin-Nasenspray, hat in den bisherigen Studien ebenso einen raschen Wirkeintritt, eine signifikante Schmerzreduktion, hohe Akzeptanz bei den Patienten und ein gutes Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil gezeigt.

Verfügbar ist Fentanyl jetzt auch in Form einer Buccaltablette, die im Falle einer Durchbruchschmerzattacke in die obere Wangentasche über einen der hinteren Backenzähne gelegt wird. Das beim Auflösen freigesetzte Kohlendioxyd fördert die Absorption des Wirkstoffs zusätzlich. Kress: „Die vorliegenden Studien haben gezeigt, dass mit der Schmelztablette innerhalb von zehn bis 15 Minuten eine signifikant stärkere Schmerzreduktion zu erreichen ist als mit Plazebo.“

Ähnliches gilt für eine neue Sublingualtablette, bei der mikronisiertes Fentanyl in feinsten Partikelgrößen bei Kontakt mit Speichel freigesetzt wird. Auch hier zeigen Studien eine signifikante Schmerzreduktion innerhalb von zehn Minuten nach Einnahme.

Strategien gegen die Verstopfung

Ein Problem der Therapie mit potenten Opioiden, das Betroffene als besonders belastend erleben: Bis zu 80 Prozent der Opioid-Patienten sind chronisch verstopft. Prof. Kress: „Das führt zu einer nachweisbaren Einschränkung der Lebensqualität, vermindert die Compliance der Opioideinnahme und kann in seltenen Fällen auch schwere Komplikationen zur Folge haben.“ Zwei neue Medikamente sollen hier Abhilfe schaffen.

Das eine liefert den Verstopfungs-Schutz gleich in einer Tablette mit dem Opioid mit – durch die fixe Kombination von Oxycodon mit Naloxon im Verhältnis 2:1.

„Naloxon bewirkt als reiner Opioidantagonist unter anderem eine Hemmung der Opiatwirkung im Darm, ohne aber die schmerzlindernde Wirkung negativ zu beeinflussen“, so Kress. „Das ist ein wichtiger Fortschritt bei der Verträglichkeit.“

Einen anderen Ansatz dafür bietet die Substanz Methylnaltrexon, ein ausschließlich peripher wirksamer Opioid-Rezeptor-Antagonist, der bei schwerer Verstopfung subkutan jeden zweiten Tag begleitend zum Opioid gegeben wird. „Methylnaltrexon kann die Blut-Hirnschranke nicht passieren und beeinflusst damit nicht die zentrale, analgetische Wirkung von Opioiden, hemmt aber ihre Wirkung im Gastrointestinaltrakt“, erklärte Kress. „In Studien zeigte sich eine erhebliche Verbesserung vor allem bei sehr schwerer, therapieresistenter Verstopfung.“

Lidocain gegen Neuropathien

Ein neues Therapiekonzept zur Behandlung neuropathischer Schmerzen ist ein Hydrogel-Lidocainpflaster, das spezifisch zur Behandlung der postherpetischen Neuropathie entwickelt wurde, aber auch bei anderen lokalisierten Neuropathien eingesetzt werden kann. „Der schmerzlindernde Effekt resultiert zum Teil aus der lokalen Blockade von Natriumkanälen im Bereich der Pflasterapplikation, zum Teil aus der mechanischen Barrierefunktion des Pflasters selbst“, erklärte Kress.

Studien, die hauptsächlich in postherpetischer Neuralgie und diabetischer Polyneuropathie durchgeführt worden sind, haben die Effektivität des Pflasters in Bezug auf Schmerzintensität gezeigt. Kress: „Da das Pflaster gleichzeitig keine systemischen Nebenwirkungen hat, bietet es sich besonders auch bei älteren Patienten an, die viele Medikamente einnehmen müssen.“

 

Quelle: Pressemitteilung B&K - Bettschart&Kofler Medien- und Kommunikationsberatung

Bis zum 31. Mai 2010 können sich junge Schmerzforscher um den Förderpreis für Schmerzforschung bewerben. Der mit insgesamt 21.000 Euro dotierte Preis wird jährlich von der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS) und der Grünenthal GmbH (Aachen) vergeben. Er ist der höchstdotierte deutsche Wissenschaftspreis auf diesem Gebiet. Prämiert werden Arbeiten aus der klinischen und aus der Grundlagenforschung rund um das Thema Schmerz.

Unterstützung für wissenschaftlichen Nachwuchs

Zur Bewerbung eingeladen sind Ärzte, Psychologen und Naturwissenschaftler, deren Arbeiten im Bereich der anwendungsbezogenen Forschung und umgesetzten Grundlagenforschung einen wesentlichen Beitrag zur interdisziplinären praxisbezogenen Therapie akuter und chronischer Schmerzen geleistet haben. Jeweils ein erster und ein zweiter Preis werden in den folgenden Kategorien verliehen:
• Klinische Forschung: für Arbeiten, die klinische medizinische und/oder psychologische Untersuchungen zur Diagnostik und Therapie von Schmerzpatienten zum Gegenstand haben.
• Grundlagenforschung: für experimentelle Arbeiten, die auf Probleme der Pathogenese und/oder der pharmakologischen Forschung bei der Ätiologie, Diagnostik und Therapie von Schmerzen zentriert sind.

Verleihung im Oktober in Mannheim

Auf Basis der Entscheidung der Jury werden in den beiden Kategorien je ein erster Preis (dotiert mit 7.000 Euro) und ein zweiter Preis (dotiert mit 3.500 Euro) vergeben. Die Verleihung der Preise findet beim Deutschen Schmerzkongress 2010 in Mannheim statt.

Ausschreibungstext im Internet
Ansprechpartner
DGSS: Meike Drießen, M.A., DGSS-Pressestelle, c/o Ruhr-Universität Bochum, Pressestelle, 44780 Bochum, Tel.: 0049(0)234/32-26952, Fax: 0049(0)234/32-14136, E-Mail:
Grünenthal GmbH: Sabrina Gieß Managerin Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation, Geschäftsbereich Deutschland, 52099 Aachen, Tel.: 0049(0)241/569-3387, E-Mail:
Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V.

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