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Schmerz 22. Oktober 2009

„Viele haben die Hoffnung bereits aufgegeben“

95 Prozent der Schmerzpatienten leiden trotz Behandlung nach einem Jahr noch immer.

Gäbe es eine gute Fee, würden sich die Allgemeinmediziner einen Schmerzspezialisten vor jeder Haustür wünschen. Für eine entsprechende Zusatzausbildung entscheiden sich noch viel zu wenige. Dabei zeigt eine aktuelle Patienten-Umfrage, dass viele Schmerzpatienten langfristig unter Beschwerden leiden, obwohl sie eine Therapie erhalten.

Dass fast alle Schmerzpatienten nach einjähriger Behandlung noch immer an ihren Schmerzen leiden, ist nur eines der erschreckenden Ergebnisse der europäischen Untersuchung „Pain STORY“ (Pain Study Tracking Ongoing Responses for a Year). In 13 EU-Staaten wurde der Einfluss des chronischen Schmerzes auf das Leben der Patienten genauer hinterfragt. Die negativen Details: Fast die Hälfte klagt über Nebenwirkungen während der Therapie. 44 Prozent fühlen sich alleine gelassen, zwei Drittel gaben an, aufgrund der Schmerzen unter Angstzuständen und Depressionen zu leiden, und 28 Prozent dachten sogar phasenweise schon an Selbstmord.

Für den Allgemeinmediziner, der meistens der erste Ansprechpartner ist, sind diese Zahlen eine besondere Herausforderung. „Es ist wünschenswert, dass es in jedem Bezirk zumindest zwei bis drei niedergelassene Ärzte gibt, die sich auf die Behandlung von Schmerzpatienten spezialisiert haben und das entsprechende Diplom ‚Spezielle Schmerztherapie‘ besitzen,“ so der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM), Dr. Erwin Rebhandl. Er setzt sich für eine flächendeckende Versorgung mit Schmerzspezialisten ein. Nur so könne, gemeinsam mit den Schmerzambulanzen in den Spitälern, eine ausreichende, wohnortnahe Versorgung gesichert werden.

Niemand soll stumm leiden

Auch der Schmerzspezialist Prof. DDr. Hans Georg Kress hat sich als Leiter der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie am Wiener AKH mit der europäischen Umfrage beschäftigt: „Besonders erschreckend ist die Tatsache, dass viele die Hoffnung auf Schmerzlinderung aufgeben. Wir müssen Betroffene ermutigen, mit ihren Ärzten über ihre chronischen Schmerzen zu sprechen, aber auch über mögliche Nebenwirkungen einer Schmerztherapie. Niemand soll stumm leiden, ohne Unterstützung zu erhalten.“

Knausrig mit Opioiden

Obwohl 95 Prozent aller Schmerzpatienten angaben, unter mittelstarken bis starken Schmerzen zu leiden, wurden nur zwölf Prozent auf starke Opiode eingestellt. 25 Prozent gaben an, ein schwaches Opioid einzunehmen, und 43 Prozent waren auf Nicht-Opioide eingestellt. „Allgemeinmediziner sind der erste Ansprechpartner für Schmerzpatienten“, so Dr. Rebhandl, „ein frühes Aufsuchen eines Arztes ist wichtig, um eine Chronifizierung zu verhindern.“ Das Diplom für „spezielle Schmerztherapie“ wurde vor einem Jahr neu eingerichtet. Das Angebot wird bis heute nur sehr eingeschränkt von Allgemeinmedizinern genützt. Von den 204 Ärzten, die das Diplom bereits haben, sind 34 Allgemeinmediziner und die restlichen 170 Fachärzte.

 

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