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Illustration: DI Niel Mazhar
Foto: Privat

Von Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at

 
Allgemeinmedizin 14. Juli 2009

NebenWirkungen Spezial

Nachlassen sollte er tunlichst. Hat man ihn gehabt, so hat man ihn mitunter sogar gerne. Und Indianer kennen ihn gar nicht: Der Schmerz ist fixer Bestandteil des Lebens und Basis des ärztlichen Broterwerbs.

Den Schmerz zu besiegen. Dies haben wir irgendwann einmal in unserer Arztwerdung geschworen oder gelobt oder zumindest in Form eines Vordruckes unterschrieben.

Dennoch spielt uns dieser Schmerz die Kundschaft in die Hände. Ohne ihn würden die Menschen lange Zeit glücklich vor sich hinleben und plötzlich tot umfallen. Das ist gleichermaßen schlecht für die individuelle Lebensplanung der Patienten auf der einen wie für die ärztliche Finanzplanung auf der anderen Seite.

Schmerz: Positive Thinking!

Es ist gar nicht allzu zynisch betrachtet, wenn wir sagen, dass wir Mediziner letztendlich vom Leid unserer Mitmenschen profitieren. Das tun andere Berufsgruppen auch. Und da braucht man gar nicht erst Bestattungsunternehmen oder Scheidungsanwälte heranziehen. Jeder Autohändler lebt vom schmerzlichen Leid der Kunden, sich den schönen neuen Sportwagen erst nach vielen quälenden mageren Jahren leisten zu können. Oder die Werbung! Die löst in uns einen Sehnsuchtsschmerz nach Dingen aus, von denen wir nicht einmal wussten, dass es sie gibt.

Sehen wir doch einmal das Positive des Schmerzes. Erst wenn er nachlässt, wissen wir die Schmerzfreiheit so richtig zu schätzen. Und vergessen wir auch nicht die Lebensweisheit der „durchlittenen Schmerzen“, die man so gerne hat. Nach der Devise mit dem „Umbringen“ und dem „härter werden“ tragen wir voller Stolz die Blessuren der Vergangenheit mit uns herum. Die alte Wunde, die uns an den Haifischangriff erinnert. Die Schwangerschaftsstreifen, als Erinnerung an neun spaßige Monate. Oder die Narben am Trommelfell als Souvenir des allerletzten Jackson-Konzertes.

Man darf ja auch nicht vergessen: Viele Menschen leiden gerne! Denken wir nur an unsere Partner, Schwiegereltern, Omas und Opas jeglicher Generation, bei denen das persönliche Leid zum Kult erhoben, gehegt und gepflegt wird. Selbstverständlich ohne in der Betonung müde zu werden, sich diesbezüglich bitte keinesfalls zu sorgen oder ein schlechtes Gewissen machen zu lassen.

Und letztendlich hat der Schmerz natürlich einen Sinn. Er hindert uns daran, auch wenn es lustig zischt, nochmals auf die Herdplatte zu greifen, ein Loch in das Knie zu bohren oder uns die Schlagernacht des Jahres ein weiteres Mal auf DVD anzusehen.

Er gehört zum Leben, wie die Liebe. Und er reimt sich so schön auf Herz, was ihm besondere Achtung bei den Dichtern der letzten Jahrhunderte einbrachte, wohingegen der Scherz in der Liebeslyrik nur ein Schattendasein fristet.

Schmerzen unerwünscht

Trotz all diesen schönen Vorteilen ist er unerwünscht, und der Großteil von uns möchte schmerzfrei über die Runden kommen. Dies beginnt mit der Einnahme einer Kopfschmerztablette, wenn der Meteorologe ein kleines Tief über den Azoren bekannt gibt, und endet bei der alkoholischen Anästhesie im Zuge von Familientreffen.

Wenn sich der Schmerz selbstständig macht, kann es allerdings problematisch werden. Der Algesiologe – nicht so sehr der Algologe, der sich mit Schmerzen von Meeresgrünzeug befasst – ist der Spezialist für diese Fälle. Er ist der Pain-Killer unter den Medizinern. Diese Ärzte haben es jedoch nicht allzu leicht. Gilt der Schmerz doch als tägliches Brot aller Ärzte. Und ein gewisser Futterneid ist unserer Berufsgruppe bekanntlich nicht fremd. So hat jede Fachspezies einen eigenen Zugang zum Schmerzgeschehen: Ein Anästhesist ist pragmatisch und versetzt seine Patienten vorsichtshalber erst einmal in künstlichen Tiefschlaf, danach sehen wir weiter. Der Orthopäde ersetzt die Gelenksflüssigkeit des Körpers durch Kortison, für Pädiater und Psychiater ist alles frühkindlich und bei den Gynäkologen alles hormonell bedingt.

Das Ziel ist das Ziel

Wie auch immer wir vorgehen. Letzten Endes zählt das Ergebnis. Und viele Wege führen nach Rom. Manche aber nur nach Amstetten. Dies darf man als klitzekleine Kritik an manchen Kollegen verstehen. Die – so sie sich mit ihren Patienten verlaufen haben – in typisch maskuliner Art und Weise nicht nach dem Weg fragen, sondern über viele Jahre weiterwurschteln, freilich ohne Erfolg.

Also, lassen wir die Eitelkeiten beiseite. Akzeptieren wir aufrechten Hauptes, dass ein Kollege etwas besser kann als wir selbst. Vergessen wir aber nicht hinzuzufügen, dass die erzielte Befreiung vom Schmerz vielleicht doch eine Spontanheilung, Glück oder ein blöder Zufall war. Denn allzu weit wollen wir uns ja doch nicht aus dem Fenster lehnen.

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