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Foto: skuld, „Stones“, CC-Lizenz (BY 2.0) http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de/Quelle: www.piqs.de
Sich nach Anspannung so schwer fühlen wie ein Stein: Das entspannt.
 
Schmerz 14. Juli 2009

Entspannt gegen den Schmerz

Mit Progressiver Muskelrelaxation (PMR) lernen Patienten, Schmerzen besser zu bewältigen.

Geringe Kosten, Steigerung der Selbstaufmerksamkeit sowie Stärkung der Eigenverantwortung und Kontrolle – Entspannungstechniken wie die Progressive Muskelrelaxation werden von Experten als nichtmedikamentöse Schmerzprophylaxe empfohlen. „Die Patienten erfahren mehr Selbstbestimmung und die Möglichkeit, sich durch Innenschau leichter vor Außenreizen zu schützen“, erklärte Dr. Miriam Gharabaghi, Universitätsklinik für Neurologie in Wien, im Rahmen der 17. Wissenschaftlichen Tagung der Österreichischen Schmerzgesellschaft in Linz.

 

Eine psychologische Behandlung eines Schmerzpatienten wird vor allem dann begonnen, wenn die medikamentöse Behandlung schlecht vertragen wird, es Kontraindikationen gibt, Medikamenten-Overuse vorliegt, oder wenn der Patient generell auf die Medikamente nicht ausreichend anspricht.

Es kommt auch vor, dass ein Patient aus eigenem Antrieb eine nichtmedikamentöse Therapie anstrebt, manchmal geht die Initiative jedoch auch vom behandelnden Arzt aus, der sich dadurch einen zusätzlichen Nutzen für den Patienten verspricht (somato-psycho-soziales Schmerzkonzept).

Die vier Hauptbereiche der nichtmedikamentösen, psychologischen Schmerztherapie sind die Beratung (Führung eines Tagebuches, Erfragung des Krankheitsmodells), die Kognitive Therapie (Umstrukturierung, Imagination), Biofeedback und die Entspannung (Progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training).

Gelassenheit lernen

Entspannungstechniken beeinflussen wesentliche psychische Faktoren. Der Patient entwickelt mehr Gelassenheit, das heißt, seine Affekte und Emotionen lassen sich weniger leicht provozieren, und er reduziert seine Erregungs- und Angstzustände. Die Menschen berichten nach dem Üben von einer mentalen Frische und einer Zunahme ihrer Merk- und Konzentrationsfähigkeit. Es werden vergleichbare Effekte erzielt wie beim sogenannten „Powernapping“, also dem leistungsfördernden Kurzschlaf. Die Häufigkeit und Intensität des Schmerzes nehmen ab, was mit Tagebüchern von Patienten gut dokumentiert ist. Die Patienten erfahren nicht nur eine Schmerzlinderung, sondern empfinden darüber hinaus subjektiv eine Kontrolle, da sie erleben, dass sie ihre körperliche und psychische Befindlichkeit beeinflussen können.

Bei der Progressiven Muskelrelaxation (kurz PMR oder Tiefenmuskelentspannung) nach Edmund Jacobson handelt es sich um ein Verfahren, bei dem durch die willentliche und bewusste An- und Entspannung bestimmter Muskelgruppen ein Zustand tiefer Entspannung des ganzen Körpers erreicht wird.

Kultivierung der Muskelsinne

Jacobson, ein amerikanischer Arzt und Physiologe, entwickelte die Methode zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Dabei werden die einzelnen Muskelpartien nacheinander in einer bestimmten Reihenfolge zunächst angespannt, dann wird die Muskelspannung kurz gehalten. Anschließend wird die Spannung gelöst.Zentrales Prinzip der PMR ist die willentliche, voranschreitende Reduktion der Spannung einzelner Muskelgruppen des Bewegungsapparates. Jacobson sprach in diesem Zusammenhang von einer „Kultivierung der Muskelsinne“, denn der Patient lernt dadurch, Muskelverspannungen durch erhöhte Selbstaufmerksamkeit bewusst wahrzunehmen.

Jacobson konnte einen Zusammenhang zwischen übermäßiger muskulärer Anspannung und unterschiedlichen körperlichen und seelischen Erkrankungen nachweisen. Er stellte fest, dass Spannung und Anstrengung immer mit einer Verkürzung der Muskelfasern einhergehen, und erkannte die Entspannung als das genaue Gegenteil von Erregungszuständen. Jacobson fand heraus, dass die Reduktion des Muskeltonus die Aktivität des Zentralen Nervensystems herabsetzt und Entspannung sich als Heilmittel für psychosomatische Störungen und zur Prophylaxe eignet. Jacobson arbeitete ursprünglich mit über 50 Muskelgruppen.

Die Konzentration der Person wird auf den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung gerichtet und auf die Empfindungen, die mit diesen unterschiedlichen Zuständen einhergehen. Ziel des Verfahrens ist eine Senkung der Muskelspannung unter das normale Niveau aufgrund einer verbesserten Körperwahrnehmung. Mit der Zeit lernt die Person, muskuläre Entspannung herbeizuführen, wann immer sie dies möchte. Zudem können durch die Entspannung der Muskulatur auch andere Zeichen körperlicher Unruhe oder Erregung reduziert werden, wie beispielsweise Herzklopfen, Schwitzen oder Zittern. Darüber hinaus können Muskelverspannungen aufgespürt und gelockert und damit Schmerzzustände verringert werden.

Der „Droschkenkutscher“

Es kam im Laufe der Zeit zu zahlreichen Modifikationen, die wichtigste davon ist die von Bernstein und Borkovec1, welche die Arbeit auf 16 Muskelgruppen reduzierten. Damit konnte eine Übung in 15 Minuten absolviert werden. Erlernbar ist die Methode in sechs bis acht Wochen, zweimal täglich sollte geübt werden.

Mittlerweile gibt es viele Studien über Krankheiten, bei denen Anspannung, Angst und Schmerz eine Rolle spielen und bei denen die PMR daher hilfreich ist (Migräne, Rückenschmerzen etc.). Übrigens verbessert sich durch die Übungen auch die Schlafqualität.

In der praktischen Übung wird jede Muskelgruppe ungefähr fünf Sekunden lang angespannt. Auf jede Anspannungsphase folgt eine lange Entspannungsphase (35 bis 40 Sekunden). Wichtig ist eine ruhige, störungsfreie Umgebung. Geübt wird normalerweise in der „Droschkenkutscherhaltung“, das heißt, die Patienten sitzen aufrecht auf einem Stuhl mit den Handflächen nach oben. Der Schmerzpatient soll darauf achten, die Muskeln nicht zu stark anzuspannen, da der Fokus nicht auf der Kraft, sondern auf der Entspannung liegen soll.

PMR kann sowohl als Einzeltherapie als auch in Gruppen durchgeführt werden. Der Vorteil einer Gruppe ist die gegenseitige Unterstützung und der Erfahrungsaustausch, welche die Motivation zum Üben erhöhen.

 

1) Bernstein, D. A.; Borkovec, T. D. (1975): Entspannungstraining. Handbuch der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson. München, Pfeiffer.

Von Reinhard Hofer, Ärzte Woche 28 /2009

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