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Prof. Dr. Wilfried Ilias Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Wien
 
osteoporose 14. Juli 2009

Grenzenlos behandeln

„Im Rahmen der Schmerztherapie brauchen wir keine Einsiedler“.

Die Ärzte Woche sprach mit dem amtierenden Präsidenten der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG), Prof. Dr. Wilfried Ilias, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Wien, über das Wesen der interdisziplinären Schmerztherapie und die Notwendigkeit, sich Wissen über die Arbeit anderer Fachrichtungen anzueignen.

 

Der neue ÖSG-Präsident gibt sich als Visionär in punkto fach- und gesellschaftsübergreifender Kooperation. Für ihn liegen die Vorteile auf der Hand, alle Protagonisten im Kampf gegen den Schmerz in ein großes Boot zu holen. Die ÖSG macht es auch vor und zeigt keinerlei Berührungsängste. So steht das Schmerzdiplom allen Fachrichtungen offen, aber auch Nichtmediziner, etwa Psychologen und Physiotherapeuten, werden zur Zusammenarbeit eingeladen.

 

Wo liegen die Schwerpunkte in Ihrer Präsidentschaft in der Österreichischen Schmerzgesellschaft?

ILIAS: Einerseits geht es uns darum, möglichst viele Ärzte zu motivieren, sich mit der wichtigen Thematik auseinanderzusetzen und das Diplom für spezielle Schmerztherapie zu erwerben. Die Kollegen sollten zahlreich die Gelegenheit nutzen, in diesem Zusammenhang den Master of Science in Krems und Wien zu erwerben. Andererseits wollen wir weiterhin als Plattform für Informationsaustausch zwischen den einzelnen Fachrichtungen auftreten, die sich mit dem Thema Schmerz befassen.

 

Dabei sollen die Schmerz-Nachrichten der ÖSG helfen?

ILIAS: Die Schmerz-Nachrichten sollen zunehmend zu einem Journal werden, das den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Es geht darum, kurze wissenschaftliche Berichte publizierbar zu machen. Im Sinne eines Open-Peer-Reviewed Journals sollen unsere jungen Schmerzmediziner die Möglichkeit haben, in einem zitierbaren Umfeld zu publizieren. Uns ist aber auch klar, dass wir nicht das Niveau eines anerkannten internationalen Journals haben können.

In den internationalen Journalen ist es nicht immer so einfach, zu publizieren...

ILIAS: Die strengen Kontrollen und die restriktive Vorauswahl sind in den höher gestochenen Medien üblich. Dies führt jedoch dazu, dass viele wertvolle und brauchbare Arbeiten dort nicht publiziert werden. Es werden von unseren Kollegen aber eine Reihe interessante Forschungen betrieben, die es verdienen, an die Öffentlichkeit gebracht zu werden. Auch kleinere Publikationen können eine große Bereicherung darstellen. Daher bemühen wir uns, den Kollegen ein Medium zur Verfügung zu stellen, wo sie auch – aus der Sicht der etablierten großen Journale – durchschnittliche Literatur veröffentlichen und damit einer breiteren Leserschaft präsentieren können.

 

In der modernen Schmerztherapie wird in letzter Zeit überdeutlich der multidisziplinäre Ansatz betont. Wie weit soll der gehen?

ILIAS: Es geht vor allem um das Ziel, unsere Patienten effektiv von ihren Schmerzen zu befreien. Und dazu müssen wir ohne Eitelkeiten alle Möglichkeiten ausschöpfen. Wir beziehen als Schmerzgesellschaft daher nicht nur Ärzte, sondern auch andere Berufsgruppen mit ein. Bereits mein Vorgänger Prof. Bach hat dieses Konzept initiiert, das ich gerne fortführen möchte.

 

Welche Berufsgruppen sind schon an Bord?

ILIAS: Zur Zeit handelt es sich noch um Einzelpersonen anderer Professionen, die Mitglieder der ÖSG sind. Neben Psychologen und Physiotherapeuten sind dies Pharmazeuten und Naturwissenschaftler, die sich im Rahmen unserer Gesellschaft austauschen. Dem multidisziplinären Ansatz können wir nur gerecht werden, indem wir auch die entsprechenden Berufsgruppen einbinden.

 

Welche Vorhaben möchten Sie für die ÖSG noch umsetzen?

ILIAS: Ich könnte mir für die Zukunft auch vorstellen, innerhalb der ÖSG ein Gutachtergremium zu etablieren, das zur Verfügung steht, wenn ein Gutachter ein schwieriges Problem im Rahmen der Schmerzthematik lösen muss. Hier können wir eine kompetente Hilfestellung geben. Unsere Expertise sollte dabei interdisziplinär gebündelt werden, um in diesen Belangen beistehen zu können.

 

Wie sieht es mit dem Stellenwert der Komplementärmedizin aus?

ILIAS: Wir arbeiten mit vielen Kollegen dieser Richtung zusammen, etwa der Gesellschaft für Akupunktur und der Gesellschaft für Neuraltherapie. Wir müssen hier über die Grenzen unseres Fachgebietes hinaus denken. Heute dürfen wir an einer Zusammenarbeit mit den Komplementärmedizinern nicht vorbeigehen. Wer nicht weiß, was andere anzubieten haben, wo deren Möglichkeiten, aber auch deren Grenzen liegen, ist nicht gut beraten.

Aber auch die Kooperation mit anderen Schmerzgesellschaften wird angestrebt. Annäherungen gibt es an alle Initiativen und Verfahren, die dasselbe Ziel vor Augen haben, von der Neuraltherapie bis zur Neuromodulation.

 

Schmerztherapie ist also nur im interdisziplinären Rahmen möglich...

ILIAS: Beim Schmerz haben wir es mit einem äußerst weitreichenden System zu tun. Ohne Interdisziplinarität können wir uns dieser Thematik nicht ausreichend nähern. So besteht die Notwendigkeit, sich auch außerhalb der eigenen fachlichen Schwerpunkte mit anderen Kollegen auszutauschen, um ein weiteres Prozedere zu planen. Es ist unser Ziel als Gesellschaft, uns entsprechend dicht mit verschiedenen Fachrichtungen zu vernetzen. Auf fachlicher und auch medizinpolitischer Ebene. Letztlich geht es auch darum, zu wissen, was die anderen so machen.

Wie eng soll diese Kooperation sein?

ILIAS: Man kann zumindest andenken, dass man einander sehr stark näherkommen kann. Es wäre letztlich auch eine schöne Vision, nicht nur Einzelpersonen, sondern ganze Gesellschaften zusammenzuschließen. So könnte von einer Plattform ein gemeinsames Journal publiziert werden. Mir ist jedoch bewusst, dass dies ein heikles Thema ist, da in der Regel viele befürchten, zu kurz zu kommen.

Dennoch sollte man sich öffnen, auch anderen Fachbereichen gegenüber. Einsiedlerdasein ist hier nicht gefragt. Eine Kooperation mit den Kollegen bringt durch die Vernetzung und die Möglichkeit, gemeinsam Veranstaltungen durchzuführen, einen Nutzen für alle Beteiligten.

 

So steht das Schmerzdiplom ja allen Fachrichtungen offen...

ILIAS: Dies war uns ein wesentliches Anliegen. Unser Diplom lässt sich von allen Kollegen, die sich mit schmerztherapeutischen Verfahren auseinandersetzen, erwerben. Daher gibt es auch keine interdisziplinären Konflikte. Es gibt auch andere diesbezügliche Zertifikate, etwa bei den Neurologen. Dies ist von unserer Seite natürlich voll zu unterstützen. Letztlich geht es vor allem darum, die Versorgung der Schmerzpatienten in Österreich zu optimieren. Und alles, was in diese Richtung geht, ist als positiv zu bewerten. Neid von der einen oder anderen Seite ist fehl am Platz! Der Zweck heiligt die Mittel! Es muss einzig und alleine im Vordergrund stehen, das zu fördern, was sinnvoll ist und unseren Patienten letztlich hilft.

 

Wo sehen Sie in der Praxis Verbesserungspotenzial im täglichen Umgang mit Schmerzpatienten?

ILIAS: Der Allgemeinmediziner muss eine ausgeprägte Vielfalt an Kenntnissen aufweisen. Naturgemäß kann er da nicht alle Schwerpunkte abdecken. So geht es einerseits darum, etwa über den Erwerb des Schmerzdiploms über die Möglichkeiten neuer Therapien Bescheid zu wissen, andererseits auch Kenntnis darüber zu gewinnen, welcher Kollege ihm bei den jeweiligen Fragestellungen am besten beistehen kann.

 

Die Schmerztherapie gehört zum täglichen Brot aller Fachrichtungen. Wieso braucht es da Spezialisten?

ILIAS: Im eigenen Fachbereich ist man selbstverständlich weitgehend trittsicher. Uns als Gesellschaft geht es insbesondere darum, zu informieren: An wen kann ich mich wenden, wenn ich nicht mehr weiter weiß? Es geht letztlich um die Aufbereitung und Bereitstellung der erforderlichen Informationen. Etwa, welche Neuerungen es im Bereich der Neurochirurgie gibt. Oder dass ein Gynäkologe auch hormonelle Möglichkeiten einer Migränetherapie im Köcher hat. Oder dass Osteoporoseschmerz von einem Osteologen vielleicht besser zu managen ist als von einem anderen Facharzt. Auch als Anästhesist ist es meine Aufgabe, zu wissen, was genau die einzelnen Fächer können.

Für die ÖSG ist dabei letztlich auch eine entsprechende Kooperation mit der Wirtschaft hilfreich. So können wir hinsichtlich neuer Innovationen am Ball bleiben, aber auch eigene Ideen einbringen und verwirklichen.

 

Das Gespräch führte Dr. Ronny Teutscher

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 28 /2009

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