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© Samos/blickwinkel/picture alliance
 
Innere Medizin 12. April 2016

Im Bann der Bohne

Kaffee olé: 10 Fakten über das Heißgetränk, die selbst manche Liebhaber überraschen könnten.

Das heimliche Nationalgetränk der Österreicher ist Kaffee. Umso erstaunlicher, wie viele Halbwahrheiten darüber kursieren. Wir haben die wichtigsten Erkenntnisse über den Muntermacher gesammelt.

Ob klassischer Filterkaffee am Morgen, ein schneller Espresso vor dem Weg zur Arbeit, schwarz oder mit Milchschaum und Kakaoherz verfeinert: Kein anderes Getränk konsumieren die Österreicher so häufig und so gerne. 2014 konsumierte jeder Bürger im Schnitt 8,3 Kilogramm pro Kopf. Bei einem täglichen Konsum von mehr als zwei Tassen müssen sich sogar klassische Kaffeenationen wie Italien geschlagen geben – wohl auch weil sich hier der kleine, starke Espresso größerer Beliebtheit erfreut.

Europameister im Kaffeetrinken sind die Finnen: Sie trinken im Schnitt vier Tassen am Tag. Kaffee enthält eine Mixtur aus über 1.000 Substanzen. Die bekannteste ist das Koffein, das die Kaffeepflanze vermutlich bildet, um Insekten abzuwehren. Neben Kohlenhydraten, Proteinen, Lipiden und Mineralstoffen wie Kalzium und Magnesium enthalten die Samen des Gewächses auch 80 verschiedene Säuren, etwa Zitronen- und Apfelsäure. Espresso ist säureärmer und damit bekömmlicher als Filterkaffee, weil die Kaffeebohnen dafür länger geröstet werden. Den unverwechselbaren Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee ergeben mehr als 800 verschiedene Aromen. Das Geheimnis seines Geschmacks ist allerdings bis heute nicht gelüftet: Alle Versuche, aus den bekannten Inhaltsstoffen ein künstliches Kaffeearoma herzustellen, schlugen bislang fehl.

Um das beliebte Heißgetränk ranken sich Mythen, doch an welchen Gerüchten ist etwas dran, und welche gehören ins Reich der Märchen.

Macht Koffein abhängig?

Das im Kaffee enthaltene Koffein ist die am meisten konsumierte pharmakologisch aktive Substanz überhaupt. Das Stimulans kann sowohl zu körperlicher als auch zu psychischer Abhängigkeit führen, auch wenn sein Abhängigkeitspotenzial als gering gilt. Denn im Gegensatz zu Nikotin oder Kokain stimuliert Koffein nicht den Nucleus accumbens, der als Teil des Belohnungszentrums im Gehirn eine bedeutende Rolle bei Süchten spielt. Bleiben Kaffeeliebhaber einen Tag lang abstinent, können dennoch Entzugserscheinungen auftreten – etwa jeder zweite bekommt zum Beispiel Kopfschmerzen. „Wenn die Teilnehmer unserer Studien für ein paar Tage auf Koffein verzichten, sind sie oft überrascht, wie müde sie sich plötzlich fühlen“, erklärt der Psychologe Peter Rogers von der University of Bristol. Ein unregelmäßiger Kaffeekonsum kann daher zu Entzugssymptomen führen.

Entzieht Kaffee Wasser?

„Kaffee dehydriert den Körper nicht. Ich wäre sonst schon Staub“, soll Franz Kafka gesagt haben – und lag damit völlig richtig. Denn entgegen einer verbreiteten Meinung ist Kaffee kein Flüssigkeitsräuber, sondern geht laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung positiv in die tägliche Flüssigkeitsbilanz mit ein. Kurzfristig erhöht Koffein zwar die Filterfunktion der Niere und damit die Urinmenge. Bei regelmäßigem Konsum fällt dieser Effekt allerdings kaum ins Gewicht. In üblichen Maßen getrunken, ergänzt Kaffee daher den Flüssigkeitshaushalt.

Macht Kaffee wach?

Ohne die Tasse Kaffee am Morgen kommen viele Kaffeeliebhaber nicht in die Gänge. Sie schwören auf seine wach machende Wirkung und fühlen sich ohne den morgendlichen Koffeinkick unkonzentriert und müde. Verantwortlich für den belebenden Effekt ist das Koffein. Eine Tasse Kaffee enthält bis zu 100 Milligramm dieser Substanz, eine Dose des Energydrinks „Red Bull“ dagegen nur 80 Milligramm.

Koffein steckt auch in Lebensmitteln, in denen man es vielleicht nicht erwarten würde: So beinhaltet eine Tafel Halbbitterschokolade mehr Koffein als ein Espresso. Etwa 20 Minuten nach dem Konsum beginnt das Koffein zu wirken. Über Magen und Darm wird es innerhalb von 45 Minuten fast vollständig aufgenommen. Im Lauf des Tages sammelt sich die Substanz Adenosin im Gehirn an und drosselt die Freisetzung aktivierender Neurotransmitter wie Glutamat und Dopamin. Dadurch werden wir müde. Die belebende Wirkung des Koffeins beruht hauptsächlich darauf, dass es an die Rezeptoren für das chemisch ähnliche Adenosin in der Membran der Nervenzellen bindet. Daher bleiben weniger Andockstellen für Adenosin frei, und die Ausschüttung von Glutamat und Dopamin wird nicht mehr so stark unterdrückt. Koffein wirkt daher dem „Müdigkeitssignal“ entgegen. Allerdings gewöhnt sich der der Körper an regelmäßige Koffeindosen – und bildet zusätzliche Rezeptoren aus, an die sich das Adenosin doch heften kann.

Deshalb wirkt ein Latte macchiato bei Gelegenheitstrinkern stärker als bei regelmäßigen Konsumenten. Ob eine ständige Koffeindosis dauerhaft wacher macht, ist fraglich. Nach einer 2013 veröffentlichten Studie von Peter Rogers und seinen Kollegen bringt ein dauerhafter Koffeinkonsum keine Vorteile. Die Psychologen der University of Bristol gaben 369 Personen am Morgen entweder ein Placebo oder Koffein. Zuvor mussten alle Teilnehmer 16 Stunden lang auf Koffein verzichten.

Nach verschiedenen Reaktions- und Gedächtnistests zeigte sich: Diejenigen, die sonst stets Koffein konsumierten schnitten im Gedächtnistest oder bei einfachen Messungen der Schnelligkeit ohne ihr morgendliches Aufputschmittel deutlich schlechter ab. Eine Koffeintablette steigerte zwar ihre Leistung, und sie fühlten sich fitter und wacher – allerdings nicht mehr als jene, die nie oder selten zu koffeinhaltigen Getränken griffen. Offenbar beruht die aufputschende Wirkung bei Dauerkonsumenten vor allem darauf, dass Koffein die sonst auftretenden Entzugssymptome abmildert.

Beeinträchtigt Kaffee den Schlaf?

Koffein kann die Qualität und Dauer des Schlafs verringern und das Einschlafen verzögern. Dies zeigte etwa eine 2013 veröffentlichte Studie von Forschern der Wayne State University in Detroit. Das Team um Christopher Drake untersuchte, wie Koffein den Schlaf beeinflusst, wenn es direkt vor dem Zubettgehen oder schon Stunden zuvor konsumiert wurde. Zwölf gesunde Probanden erhielten an vier Tagen unmittelbar vor dem Schlafengehen sowie drei und sechs Stunden davor eine Tablette. Jeweils eine der drei Kapseln enthielt Koffein, die anderen waren Placebos. An einem Tag erhielt keine der Pillen den Wirkstoff. Während die Probanden schlummerten, wurden ihre Hirnströme über Elektroden am Kopf gemessen. Über die empfundene Qualität ihres Schlafs führten die Testpersonen Tagebuch. Drei Stunden oder unmittelbar vor dem Einschlafen verabreicht, reduzierte Koffein die Schlafdauer erheblich. Selbst sechs Stunden zuvor eingenommenes Koffein reduzierte die Zeit, die die Probanden effektiv schliefen, noch um eine Stunde. Ob auf Grund der Ergebnisse auf den Nachmittagskaffee verzichten werden muss, ist jedoch fraglich. Zum einen war die Anzahl der Probanden gering, zum anderen war die Koffeinmenge in der Kapsel mit 400 Milligramm extrem hoch – das entspricht etwa vier bis acht Tassen Kaffee!

Andere Studien, die den Koffeinkonsum von Personen ohne und mit Schlafproblemen untersuchten, kamen dem Ergebnis, dass ein moderater Kaffeegenuss den Schlaf von gesunden Personen nicht beeinflusst, selbst wenn das Getränk abends konsumiert wird. Bei Schlafproblemen empfiehlt es sich, den eigenen Konsum zu beobachten und auf Kaffee am Nachmittag und Abend zu verzichten.

Fahren wir dank Kaffee besser Auto?

Koffein gilt als das meistverbreitete Aufputschmittel: Es unterdrückt die Müdigkeit und verkürzt die Reaktionszeit. Zahlreiche Studien kamen zu dem Schluss, dass Koffein die Fähigkeit verbessert, in einfachen psychologischen Tests über eine längere Zeit hinweg aufmerksam zu sein – und das vor allem bei übermüdeten und unkonzentrierten Personen. Auch die Fahrleistung beeinflusst Kaffee positiv. Niederländische Forscher der Universität Utrecht gaben ihren Probanden eine monotone Aufgabe: Sie sollten vier Stunden lang in einem Simulator auf einer einsamen Autobahn fahren. In einer kurzen Pause tranken die Teilnehmer eine Tasse Kaffee; ob diese Koffein enthielt oder nicht, wussten sie nicht. Mit Koffeinschub fuhren sie anschließend besser und fühlten sich weniger müde als solche ohne Koffeindosis. In einer anderen Studie sollten Versuchspersonen bei Nacht eine 200 Kilometer lange Strecke auf der Autobahn fahren. Das Team um Nicholas Moore von der Université Victor Segalen in Bordeaux zeichnete die Fahrt per Video auf. Koffeinhaltiger Kaffee verbesserte die Fähigkeit, die Spur zu halten, ebenso wie ein kurzes Nickerchen. Eine koffeinfreie Variante nützte dagegen nichts. Ob die Substanz aber auch dabei hilft, andere Alltagsaufgaben besser zu meistern – etwa bei der Arbeit weniger Fehler zu machen oder sich Dinge besser zu merken –, ist umstritten.

Fördert Kaffee das Gedächtnis?

Während eine Übersichtsarbeit von Astrid Nehlig aus dem Jahr 2010 zu dem Schluss kommt, dass Koffein Lernen und Gedächtnis in der Regel nicht verbessert, findet eine aktuelle Untersuchung von 2014 genau diesen Effekt. Michael Yassa und seine Kollegen von der Johns Hopkins University in Baltimore zeigten Probanden zunächst eine Reihe von Bildern. Anschließend schluckte die Hälfte der Teilnehmer 200 Milligramm Koffein in Pillenform, der Rest erhielt ein Placebo. Nach 24 Stunden traten die Testpersonen zu einem Gedächtnistest an und sollten entscheiden, welche Bilder sie bereits gesehen hatten und welche nicht. Außerdem sollten sie angeben, welche zwar neu waren, den alten Bildern jedoch sehr ähnelten – so genannte Köder. Diejenigen, die am Tag vorher eine Koffeinkapsel bekommen hatten, entdeckten die Köder häufiger. Da das Koffein erst nach der Bilderpräsentation verabreicht wurde, konnten die Forscher ausschließen, dass etwa die munter machende Wirkung für das bessere Erinnern verantwortlich war. Möglicherweise begünstigt Koffein den Prozess der Konsolidierung, bei dem neues Wissen im Gedächtnis gefestigt wird. Die Regel „Viel hilft viel“ gilt dabei nicht: Eine Dosissteigerung um 100 Milligramm verbesserte die Gedächtnisleistung der Teilnehmer nicht.

Können Sportler mit Koffein dopen?

Ja, die „Doping“-Eigenschaften von Koffein sind sogar lange bekannt. Bis 2004 stand es auf der Liste verbotener Substanzen der Welt-Anti-Doping- Agentur (WADA). So durfte etwa die deutsche Langstreckenläuferin Petra Wassiluk bei den Leichtathletik-Meisterschaften 1997 nicht antreten: Ihr Koffeinwert im Blut war zu hoch. Heute ist Koffein kein offizielles Dopingmittel mehr, wenngleich es die Leistung von Sportlern im Ausdauersport wie Radfahren oder Schwimmen verbessern kann. Warum Koffein zu Höchstleistungen anregt, ist noch nicht ausreichend geklärt. Der leicht schmerzstillende Effekt und die Mobilisierung von Kalzium in den Muskelzellen könnten dafür verantwortlich sein.

Schadet Kaffee dem Herz-Kreislauf-System?

Koffein steigert kurzfristig den Blutdruck und regt die Herztätigkeit an. Daher stand es lange im Verdacht, kardiovaskuläre Erkrankungen zu begünstigen. Frühere Studien unterstützten die Annahme, allerdings beachteten sie oft nicht, dass exzessive Kaffeetrinker häufig auch anderen Lastern wie dem Rauchen frönen. Anna Flögel und ihre Kollegen am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam untersuchten über neun Jahre hinweg die Ernährungs- und Lebensgewohnheiten von 42.600 gesunden Männern und Frauen. Teilnehmer, die vier oder mehr Tassen pro Tag tranken, hatten im Vergleich zu solchen, die weniger Kaffee konsumierten, kein erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden oder an Krebs zu erkranken. Eine aktuelle Übersichtsarbeit von Forschern der Harvard Medical School in Boston fand sogar einen leicht schützenden Effekt des Getränks auf das Herz. Personen mit einem täglichen Konsum von vier Tassen hatten demnach ein um elf Prozent niedrigeres Risiko, eine Herzinsuffizienz zu entwickeln, als diejenigen, die völlig auf Kaffee verzichteten. Allerdings kann ungefilterter Kaffee, beispielsweise nach türkischer Art aufgebrüht, den Cholesterinspiegel erhöhen. Ein hoher Cholesteringehalt im Blut gilt als Risikofaktor für einen Herzinfarkt.

Macht Kaffee nervös?

Kaffee ist wegen seiner anregenden Wirkung beliebt, doch bei manchen Menschen kann der Genuss Angstsymptome wie Herzrasen, Schweißausbrüche oder Einschlafprobleme auslösen. Wer selten oder nie Kaffee trinkt, bei dem führt Koffein im Vergleich zu einem Placebo zu erhöhter Unruhe und Angst, entdeckten der britische Psychologe Peter Rogers und seine Kollegen von der University of Bristol. „Vor Prüfungen sollte man auf Koffein verzichten“, rät er. Regelmäßige Kaffeetrinker seien gegen diesen Effekt jedoch immun. In einer gemeinsamen Studie mit dem Würzburger Forscher Jürgen Deckert fand Rogers heraus, dass Probanden, die bereits auf 150 Milligramm Koffein mit Angstsymptomen reagieren, in ihrem Erbgut eine veränderte Variante im Gen des Adenosin-A2A-Rezeptors besitzen. Ab einer Dosis von 400 Milligramm erhöhte sich bei allen Probanden die Ängstlichkeit, ob mit oder ohne Genvariante. „Im Einzelfall kann der Kaffeekonsum einen Risikofaktor für Angsterkrankungen darstellen“, erklärt Deckert, Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Würzburg. So kann eine Panikattacke ausgelöst werden, wenn sich Menschen unter Stress kannenweise mit Kaffee leistungsfähig halten wollen. Er rät Patienten mit akuten Angstsymptomen von koffeinhaltigen Getränken ab.

Schützt Kaffee vor Krankheiten?

Laut mehreren Studien hat das Getränk durchaus eine schützende Wirkung gegenüber bestimmten Erkrankungen. Wer täglich mehr als vier Tassen koffeinhaltigen Kaffee trinkt, leidet später seltener an Altersdiabetes als jemand, der weniger als eine Tasse am Tag trinkt, entdeckten 2012 Anna Flögel und ihr Team. Warum Kaffee in gewissen Maßen vor Diabetes Typ 2 schützt, wird derzeit intensiv erforscht. Vermutlich ist nicht das Koffein, sondern ein anderer Inhaltsstoff dafür verantwortlich – möglicherweise die ebenfalls enthaltenen Antioxidanzien. Diese wirken als Radikalfänger im Körper und machen gefährliche Stoffwechselprodukte unschädlich. Auch bietet Kaffee offenbar einen gewissen Schutz gegenüber anderen Krankheiten: In mehreren Langzeitstudien, bei denen Forscher die Gewohnheiten gesunder Personen über Jahre hinweg erfassten, erkrankten Kaffeetrinker, die zu drei bis fünf Tassen täglich griffen, seltener an Morbus Parkinson und Alzheimerdemenz. Ein schlechtes Gewissen beim Genuss von Cappuccino, Espresso und Co braucht niemand zu haben: Das Vorurteil, Kaffee sei ungesund, ließ sich trotz einer Fülle von Studien bisher nicht belegen. Wer gerne Kaffee trinkt und ihn gut verträgt, so die Ernährungswissenschaftlerin Flögel, solle dies auch weiterhin tun.

Info

Die Kaffeepflanze zählt zur Familie der Rötegewächse und gedeiht in Ländern mit tropischem oder subtropischem Klima am Äquator, im “Kaffeegürtel„. Die reife, rote Frucht des Kaffeebaums ähnelt einer Kirsche und wird daher Kaffeekirsche genannt. Unter der Kirschhaut und dem Fruchtfleisch befinden sich üblicherweise zwei grüngraue Samen – die Kaffeebohnen. Die rotbraune bis schwarze Farbe und der unverkennbare Geruch der Bohne entstehen erst während der Röstung. Für ein Kilogramm Röstkaffee benötigt man sieben Kilogramm Kaffeefrüchte.

Liesa Klotzbücher, Ärzte Woche 15/2016

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