zur Navigation zum Inhalt
© BE Perfect Eagle (BPE)
Doz. Dr. Gerda M. Saletu-Zyhlarz Leiterin der Schlafambulanz und des Schlaflabors an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie,Medizinische Universität Wien
© BE Perfect Eagle (BPE)

Prof. Dr. Thomas Wetter Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Regensburg

 
Allgemeinmedizin 23. März 2016

Komm endlich, süßer Schlaf

Die Auswirkungen von Schlafstörungen sind vielfältig und folgenschwer. Sie beeinflussen die Tagesbefindlichkeit, Leistungsfähigkeit und das Sozialleben der Betroffenen.

Etwa ein Viertel der Österreicher hat Schlafstörungen. Trotz dieser beachtlichen Zahl fristet die Fachdisziplin Somnologie in Österreich ein Schattendasein – eine Tatsache, der man mit dem Fachtag Schlafmedizin, der im Februar 2016 in Wien zum ersten Mal stattgefunden hat, in Zukunft entgegenwirken möchte.

Da es sich bei „Schlafstörungen“ um eine große Gruppe von Krankheitsbildern handelt, werden sie in unterschiedliche Klassifikationssysteme eingeteilt. Zwei international gebräuchliche sind in Bezug auf Schlaf-Wach-Störungen wesentlich: ICD-10 und ICSD-3. Bei ersterer handelt es sich um die internationale statistische Klassifikation der Krankheiten sowie verwandter Gesundheitsprobleme, die 18 verschiedene Schlaf-Wach-Störungen umfasst und von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben wurde. ICSD-3 wiederum gilt als internationale Klassifikation von Schlafstörungen der American Academy of Sleep Medicine, die 97 verschiedene Wach-Schlafstörungen unterscheidet und acht Hauptgruppen umfasst wie Insomnie, schlafbezogene Atmungsstörungen, Hypersomnien zentralnervösen Ursprungs, zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen, Parasomnien, schlafbezogene Bewegungsstörungen, isolierte Probleme und andere Schlafstörungen.

Phänomen mit vielen Gesichtern

Die Leiterin der Schlafambulanz und des Schlaflabors an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien, Dr. Gerda M. Saletu-Zyhlarz, widmete sich im Rahmen ihres Vortrages einer der acht genannten Hauptgruppen, der Insomnie. „Wir verstehen unter Insomnie eine anhaltende Schlafstörung, die von Einschlaf-, Durchschlaf- und Ausschlafstörungen charakterisiert ist. Bei ihr spielen keine exogenen Faktoren wie Lärm oder Licht eine Rolle, sie besteht also trotz adäquater Möglichkeit zu schlafen.“ Das habe Folgen für die Tagesbefindlichkeit, die Leistungsfähigkeit und das Sozialleben der Betroffenen. Des Weiteren bestehe die Gefahr, Fehler zu machen und das Unfallrisiko sei deutlich erhöht. „Die Patienten zeigen Stimmungsschwankungen, Stimmungsbeeinträchtigungen, erhöhte Reizbarkeit, reduzierten Antrieb und Gedächtnisbeeinträchtigungen“, so die Expertin.

Die Insomnie wird in zwei Kategorien unterteilt: chronisch, wenn sie mindestens dreimal pro Woche auftritt und über drei Monate besteht, und kurzzeitig, wenn sie weniger als drei Monate besteht. Von einer chronischen sind etwa zehn Prozent der Bevölkerung betroffen, von einer kurzzeitigen (transienten) etwa 35 Prozent, wobei in erster Linie Frauen dieses Phänomen aufweisen. Saletu-Zyhlarz erläuterte: „Sie kann einerseits in Zusammenhang mit Veränderungen und andererseits komorbid zu körperlichen oder psychischen Erkrankungen oder anderen Schlafstörungen auftreten.“ Des Weiteren könne sie aus dem Gebrauch oder Missbrauch psychotroper oder anderer Substanzen resultieren. „Tritt sie komorbid zu anderen Erkrankungen auf, ist aber vorherrschend und persistierend, sollte eine eigene Insomnie-Diagnose erfolgen.“ Die Expertin gab zu bedenken, dass die Insomnie selbst dann noch als eigenständige Störung bestehen bleiben kann, wenn die zugrunde liegende Erkrankung längst abgeklungen ist oder adäquat behandelt wird. Deshalb gilt, sie in die Therapie mit einzubeziehen bzw. die Insomnie ebenfalls zu behandeln, da sie mitunter auf den Verlauf der Krankheit Einfluss nimmt.

Familiär bedingtes Problem

Saletu-Zyhlarz wies darauf hin, dass Untersuchungen auf relevante genetische Faktoren bei der Genese von Insomnien hindeuten. Etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Insomnie-Patienten weist eine positive Familienanamnese auf, die sich vor allem auf die Mutter bezieht: „Kinder von Müttern, die schlafgestört sind, haben eine erhöhte Neigung zu Schlafstörungen bzw. sind prädestiniert dafür.“ Die Insomnie gilt einerseits als Symptom einer internistischen, neurologischen oder psychischen Erkrankung, kann aber andererseits als Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen angesehen werden bzw. für die Aufrechterhaltung derselben verantwortlich zeichnen.

Insomnie kann sowohl auf organischer als auch auf psychischer Ebene Folgen haben. Neben den bereits genannten Problemen führt sie mitunter zu Hypertonie, kardiovaskulären Erkrankungen, metabolischen Problemen, wirkt schmerzverstärkend und beeinträchtigt das Immunsystem. Depressionen, Angststörungen und Missbrauch psychotroper Substanzen sind keine Seltenheit. Saletu-Zyhlarz verwies diesbezüglich auf das Schloss-Schlüssel-Prinzip, das eine gezielte Behandlung ermögliche. „Wir konnten abhängig von den Komorbiditäten bei Insomnien störungsspezifische Veränderungen der Schlafarchitektur feststellen. Diese lassen sich mittels Schloss-Schlüssel-Prinzip normalisieren.“ Eine Klasse der Antidepressiva habe die Normalisierung der Schlafarchitektur zur Folge. Sie nannte in diesem Zusammenhang Trazodon, das zu einer Zunahme der Tiefschlafstadien führt. Die Medizinerin kam zu dem Schluss, dass Insomnien ernstgenommen und rechtzeitig behandelt werden sollten. Dazu könne das Schloss-Schlüssel-Prinzip bzw. die Behandlung mithilfe desselben erheblich beitragen, da unterschiedliche psychische Störungen unterschiedliche charakteristische Schlafmuster aufwiesen.

Einnahme und Einfluss von Substanzen

Prof. Dr. Thomas Wetter, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Regensburg, Deutschland, beleuchtete das Thema „Schlafstörungen aufgrund von Substanzgebrauch“. Er erklärte: „Es ist hinlänglich bekannt und vielfach untersucht, dass Schlafstörungen zu Substanzgebrauch führen – und umgekehrt. Patienten mit Insomnie weisen oftmals ein nicht unerhebliches Risiko für eine Alkoholerkrankung oder einen Drogenmissbrauch auf. Insomnie kann außerdem ein Prädiktor für eine Depression sein.“ Es bestehe eine bidirektionale Beziehung von Substanzgebrauch und Schlafstörungen, denn eine Vielzahl von Substanzen habe eine direkte Wirkung auf die Zentren der Schlaf-Wach-Regulation, was zu einer Störung des Schlafs führen könne, so der Experte.

Er veranschaulichte das Phänomen Parasomnie anhand eines Fallbeispiels: Bei einer 67-jährigen Patientin war im Herbst die Erstmanifestation einer schweren depressiven Störung festgesellt worden, die mit 40 mg Citalopram behandelt wurde. Sie entwickelte daraufhin Schlafstörungen, denen man mit 10 mg Zolpidem zur Nacht entgegenwirken wollte. „Die Patientin zeigte plötzlich ausgeprägtes parasomnisches Verhalten. Sie räumte Dinge im Schlafzimmer um, verstreute Gegenstände, konnte sich am nächsten Morgen aber nicht daran erinnern. Sie verletzte sich im weiteren Verlauf mehrfach, ohne Erinnerung an die nächtlichen Ereignisse. Wir nahmen sie daraufhin stationär auf, um alles genauestens abzuklären.“ Wetter konnte feststellen, dass ein klarer Zusammenhang zwischen dem parasomnischen Verhalten und der Einnahme von Zolpidem bestand. Nach dessen Absetzung gab es keine nächtlichen Ereignisse mehr. „Mittlerweile wird empfohlen, älteren Menschen maximal 5 mg der Substanz zu verschreiben, um das Risiko von Schlafwandeln, Parasomnien, nächtlichem Essen deutlich zu reduzieren.“

Zolpidem sei kein klassisches Benzodiazepin, greife aber direkt an den GABA-Rezeptor an, also an die bekannteste hemmende Substanz im Gehirn und führe zu einer Verstärkung der Hemmung. „Dadurch wird die Einschlaflatenz verkürzt, die Schlafkontinuität und die Gesamtschlafdauer steigen und der Tiefschlaf wird deutlich reduziert. Benzodiazepine reduzieren den Tiefschlaf, was die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung von Parasomnien erhöht“, gab Wetter zu bedenken. Er wies darauf hin, dass Lithium, Neuroleptika und verschiedene andere Psychopharmaka ebenfalls zu unerwünschten Nebenwirkungen– den Schlaf betreffend – führen können. „Orexin, Dopamin, Histamin, Serotonin und Nordadrenalin sind jene Amine, die sozusagen unser Arousalsystem hochhalten. Wenn die stimuliert werden, führt das zu Schlafstörungen.“

Der Experte wies auf die Wichtigkeit direkter und indirekter Wirkungen von Substanzen hin. Antidepressiva wie Mirtazapin wirken zwar sedierend, können anderseits aber ein Restless-Legs-Syndrom (RLS) induzieren. Ähnlich verhalte es sich mit Koffein: „Dieses verursacht eine Insomnie über einen inhibierenden Effekt von Adenosin. Die Einschlafzeit wird verlängert, die Gesamtschlafzeit erhöht und die Schlafeffizienz vermindert. Es kann außerdem eine Refluxerkrankung hervorrufen, was indirekte schlafstörende Wirkungen zur Folge hat. Koffeinentzug bei chronischem Gebrauch führt unter Umständen zu Tagesmüdigkeit und Kopfschmerzen.“ Substanzinduzierte Schlafstörungen können durch Psychopharmaka, Genussmittel, illegale psychotrope Substanzen, bestimmte Substanzen, die in der Neurologie verwendet werden, sowie internistische Medikamente hervorgerufen werden.

Wetter ging am Ende seines Vortrages auf die Wirkung von Alkohol ein, der am GABAA-Rezeptor angreift und für eine Verstärkung der Hemmung sorgt. „In der zweiten Nachthälfte wird der Tiefschlaf reduziert. Bei chronischem Konsum kommt es zu einer Toleranzentwicklung, weil die GABAA-Rezeptoren herabreguliert werden und es kommt unter Umständen zu einem RLS.“

Das Thema Schlafstörungen ist äußerst komplex, das einer interdisziplinären Abklärung bedarf. Weltweit werden durch dieses Phänomen jährlich über 100 Milliarden Euro an Kosten verursacht. Die österreichische Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung (ÖGSM) hat auf ihrer Homepage als Hilfestellung eine Übersicht der Schlafstörungsformen veröffentlicht (bit.ly/1pao1oI) und rät, rechtzeitig einen Arzt zu konsultieren, falls man schlafbezogene Probleme aufweist.

Quelle: 1. Fachtag Schlafmedizin „Schlafmedizin in der Praxis – Diagnose und Therapie“, Casino Baumgarten, 27. Februar 2016

www.fachtag-schlafmedizin.at

www.schlafmedizin.at

Sonja Streit, Ärzte Woche 12/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben