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Rheumatologie 26. Juni 2008

Der zerbrechliche Mann

Bis 2012 will die EULAR, die European League Against Rheumatism, Stardards für die optimale Therapie für Menschen mit muskoskelettalen Erkrankungen geschaffen haben. Mitte Juni fand die Jahrestagung der europäischen Rheumatologen statt, 14.000 Teilnehmen kamen nach Paris.

„Die Welt mobilisieren“, diesen Aufruf will Heinz Marchesi, Executive Director der EULAR, in zweifacher Weise verstanden wissen: Menschen, die an Krankheiten des Bewegungsapparates leiden, die richtige Therapie zu ermöglichen, um sie (wieder) mobil zu machen. Und gleichzeitig die verantwortlichen Gesundheitspolitiker für diese Krankheiten zu sensibilisieren und zu entsprechenden Handlungen zu bewegen. 14.000 Ärzte, Wissenschaftler, Therapeuten, Vertreter von Patientenorganisationen und Pharmaindustrie kamen Mitte Juni nach Paris, um auf der neunten Jahrestagung der European Legue Against Rheumatism über die neusten Studienergebnisse und Erfahrungen mit Diagnose und Therapie von rheumatischen Erkrankungen zu diskutieren.

Extreme Beeinträchtigung

So gut wie alle Krankheiten, die zum rheumatischen Formenkreis gehören, haben einen dramatischen Einfluss auf die Lebensqualität des Betroffenen, „es ist eine schwere Last zu tragen, und sie wird gemeinhin unterschätzt“, sagte Dr. Alarcos Cieza von der Ludwigs-Maximilian-Universität in München. Cieza arbeitet an der Internationalen Klassifikation derFunktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) mit, die von der WHO erstellt wird, um den funktionalen Gesundheitszustand, die Behinderung und soziale Beeinträchtigung von Patienten mit bestimmten Krankheiten zu klassifizieren. In 23 der 55 Kriterien, die in dieser Beurteilung zur Anwendung kommen – etwa tägliche Verrichtungen wie Waschen oder Anziehen, Schlafqualität oder Sex –, sehen sich 75 bis 93 Prozent der Patienten mit rheumatoider Arthritis extrem beeinträchtigt, und zwar stärker als Patienten mit Brustkrebs, Depressionen, COPD oder nach Schlaganfall.
Zwar kamen die letzten zehn Jahre einer Revolution in der Behandlung der rheumatischen Erkrankungen gleich, doch immer noch wird die Diagnose häufig zu spät gestellt, Gelenkveränderungen sind dann irreversibel. So sind sich die Rheumatologen heute darüber einig, dass die Behandlung am besten schon einsetzen muss, bevor sich die ersten klinischen Zeichen manifestieren. Wie schwierig es für Ärzte oft ist, die richtige Therapie auszuwählen, zeigte Dr. William Dixon von der University of Manchester am Beispiel von Komorbiditäten, die bei Rheumatikern häufig sind. „Hinsichtlich kardiovaskulärer Begleiterkrankungen gibt es bisher zu wenige Daten über die Wirksamkeit und Sicherheit von Biologika, aber auch von Steroiden“, betonte er.

Neue Therapieansätze

Trotz des enormen Fortschritts, den der Einsatz von TNF-alpha-Blockern in der Therapie entzündlicher rheumatischer Erkrankungen gebracht hat, „sprechen rund 30 Prozent der Patienten nicht auf diese Behandlung an“, führte Prof. Dr. Bernard Combe von der Universitätsklinik Lapeyronie/Montpellier aus. „Es war deshalb notwendig, neue Biologika zu entwickeln, die auf andere biologische Mechanismen abzielen.“ Das sind vor allem Rituximab, ein gegen B-Zellen gerichteter monoklonaler Antikörper, und Abatacept, ein Fusionsprotein, das die volle Aktivierung von T-Zellen hintanhält. Im Stadium der Phase-3-Studien befindet sich unter anderem Tocilizumab, ein Interleukin-6-Inhibitor.
Wurde Osteoporose bis vor kurzem noch als Frauenkrankheit gesehen, so bestätigten die Daten von Prof. Dr. Maurice Audran von der Uniklinik Angers, dass bis zu 20 Prozent der Männer über 50 einen Knochenbruch erleiden, der auf osteoporotische Veränderungen zurückzuführen ist. Ein Drittel dieser Frakturen betrifft den Oberschenkelhals, und die Mortalitätsrate nach diesen Brüchen ist zwei- bis dreimal höher als bei Frauen. In 60 Prozent der Osteoporosefälle bei Männern ist die geringe Knochendichte mit anderen Störungen assoziiert, etwa mit Nikotin- bzw. Alkoholabusus oder Vitamin-D-Mangel und, wie Audran ausführte, auch immer häufiger mit der Einnahme verschiedener Medikamente, beispielsweise GnRH-Agonisten. Audran empfiehlt deshalb besonders in diesen Fällen ein genaues Monitoring.

Fleißige Österreicher

Mehr als 40 Studienergebnisse präsentierten die österreichischen Wissenschaftler auf der EULAR-Tagung, angefangen von Grundlagenforschung im Bereich der Immunologie bis hin zu neuen Scores zur Erfassung der Krankheitsaktivität. rheuma plus, die Beilage der Ärzte Woche, wird darüber demnächst ausführlich berichten.

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 26/2008

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