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Orthopädie 5. Juli 2007

EULAR: Gute Nachrichten für Rheumatiker

Während für Rheumapatienten gute neue Medikamente entwickelt werden, besteht in der Forschung und der Gesetzgebung Rheuma betreffend noch durchaus Handlungsbedarf, wie Experten befinden.

Erfreuliches für Rheuma-Patienten ist vom heurigen Kongress der European League Against Rheumatism (EULAR) in Barcelona zu berichten. Etliche Medikamente haben die klinischen Tests bestanden und werden also bald zur Verfügung stehen. Prim. Prof. Dr. Josef Smolen, Leiter der Klinischen Abteilung für Rheumatologie an der MedUni Wien und der 2. Medizinischen Abteilung am Krankenhaus Hietzing: „Vor allem gegen die Rheumatoide Arthritis gibt es für einige Substanzen positive Phase-3-Studienergebnisse, so dass wir im nächsten Jahr mit der Zulassung einiger neuer hochwirksamer Medikamente rechnen können.“ Aber auch gegen seltenere Erkrankungen wie Lupus-Nephritis werde man ein breiteres Arsenal zur Verfügung haben.

Nagelneue Medikamente aus dem Kochtopf der Genetiker

Mit folgenden Präparaten ist für 2008 zu rechnen:
• Certolizumab pegol, ein biowirksames „Kunstmolekül“. Es hemmt den Tumornekrosefaktor alpha (TNF-alpha), der bei vielen entzündlichen rheumatischen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielt. Certolizumab entspricht einem menschlichen Antikörper gegen TNF-alpha, besteht allerdings nur aus der Antigen bindenden Domäne und ist daher sehr klein. Möglicherweise kann die Substanz gut in befallene Strukturen eindringen. Mit der Zulassung rechnet Smolen für 2008
• Tocilizumab: Dieser monoklonale Antikörper blockiert den Interleukin-6-Rezeptor und hemmt damit die Entzündungsreaktion. Smolen: „Die aktuelle Phase-3-Studie zeigt, dass der Antikörper die Symptome wesentlich lindert. Dass Tocilizmab auch radiologisch nachweisbare Effekte bringt, vor allem die faktische Eindämmung des Gelenksabbaus, weisen zwar erst die Phase-2-Stu­dien nach. Dass die Ergebnisse der Phase-3-Studien davon abweichen, ist nicht zu erwarten.“
• Ein Janus-Kinase-3-Inhibitor könnte schon bald gegen chronische Polyarthritis eingesetzt werden. Die Substanz hat sich in ersten Phase-2-Studien bewährt. Sie wirkt über eine Hemmung der Signaltransduktion und damit Zellaktivierung mehrerer Cytokine.
• Cortison plus Dipyramidol: Das Steroid wird mit einem Thrombozytenaggregationshemmer kombiniert. Dipyramidol räumt dem Cortison sozusagen Barrieren aus dem Weg, so Smolen, so dass dieses intrazellulär stärker wirken kann: „Ein klassisches Beispiel für Smart Drug Design: Durch die Synergie zwischen beiden Substanzen brauchen wir für die gleiche Wirkung weniger Cortison und müssen vermutlich auch weniger Nebenwirkungen in Kauf nehmen.“
• RANK-Ligand-Blocker: Ein weiterer monoklonaler Antikörper, der den sogenannten RANK-Liganden abbindet. Wenn der Ligand an das RANK-Molekül bindet, kommt es zu vermehrter Produktion von Osteoklasten. Der Ligand wird unter anderem von Osteoblasten produziert, damit der Produktion von Knochenzellen und Knochenmatrix auch ein entsprechender Abbau gegenübersteht. Bei rheumatoider Arthritis soll der Ligandenblocker den Abbau des Gelenkknochens hemmen.
Die schlechte Nachricht: in Österreich wird auf dem Gebiet der Rheumatologie immer noch zu wenig geforscht, obwohl etwa zwei Millionen Menschen von Krankheiten des rheumatischen Formenkreises betroffen sind. Prof. Dr. Winfried Graninger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie und Leiter der Klinischen Abteilung für Rheumatologie am LKH-Universitätsklinikum Graz, meint dazu in einer Presseaussendung: „Rheuma wird in Österreich traditionell verharmlost.“
Rheumatische Erkrankungen sind nicht nur für den Betroffenen belastend, auch die Krankenkassen stöhnen, denn: „Krankheiten aus dem rheumatischen Formenkreis sind hierzulande die häufigsten Ursachen für Krankenstände“, wie Smolen weiß. „Diese Erkrankungen führen zu massiven Behinderungen und sind daher auch die häufigste Ursache für Frühinvalidität. Aus diesem Grund gibt es weltweit intensivste Anstrengungen, ihrer Herr zu werden.“ Allerdings sieht Smolen für Österreich einen gro­ßen Startnachteil für die österreichischen Forscher, weil hierzulande die Rheumaforschung nicht angemessen gefördert wird.
Zum rheumatischen Formenkreis gehören etwa 400 Krankheitsbilder.

Mehr Krankenstände als durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen

„In Österreich sind jährlich 8,4 Millionen Krankenstandstage durch Beschwerden des Stütz- und Bewegungsapparates bedingt, durchschnittlich ein Tag pro Person und Jahr“, erläutert Graninger, „ bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen zum Beispiel sind es nur fünf Stunden pro Jahr.“ Tatsächlich liege das Risiko, im Laufe des Lebens an einer Erkrankung des Stütz- und Bewegungsapparates zu erkranken, bei siebzig bis achtzig Prozent.
Bis zu 80.000 Österreicher leiden an Rheumatoider Arthritis, je 50.000 an M. Bechterew oder psoriatischer Arthritis. Laut Graninger ist rasche Diagnose und Behandlung bei entzündlichen Prozessen besonders erforderlich.
Und Forschungsarbeiten aus Österreich hätten ganz wesentlich zur Aufklärung der Krankheitsentstehung und patientenzentrierten Behandlung beigetragen, wie der ÖGR-Präsident betont.
Deshalb fordern die Rheumatologen Verbesserungen in der Behindertenpolitik und vermehrte Förderung der Rheumaforschung. Smolen: „Weil chronische rheumatische Erkrankungen, insbesondere die chronische Polyarthritis, schwere Behinderungen nach sich ziehen können, wären in der Behindertenpolitik und -gesetzgebung weitere Verbesserungen wünschenswert. Hier in Österreich vermissen wir spezielle Programme zur Finanzierung spezifischer Fragen der Rheumaforschung. Die Kos­ten einer solchen Investition würden durch die Vermeidung von Krankenständen und Invalidität um ein Vielfaches hereingespielt werden – so wird aber nur über den explodierenden Finanzbedarf im Gesundheitswesen gejammert, aber ausgerechnet dort gespart, wo Weitsicht künftige Kosten vermeiden könnte.“

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 27/2007

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