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Rheumatologie 29. März 2007

Diagnostischer Blick auf die Wetterkarte

Von Mag. Rainer Schultheis, Wien

Immer wieder Regen, im Tagesverlauf allmählich Schneeregen und Schneefall, die Temperatur sinkt von plus 5 Grad in der Früh auf plus 1 Grad am Nachmittag.“
Diesen Satz aus einer für die kalte Jahreszeit eigentlich typischen Wettervorhersage konnte man in diesem Winter in Österreich nicht allzu oft hören. Des einen Leid (vor allem das der Schifahrer im mildesten Winter seit es Aufzeichnungen gibt), des anderen Freud: Rheumatiker waren im heurigen Winter vergleichsweise geringen wetterbedingten Belastungen ausgesetzt. So konnte man auch in unseren Gefilden den Winter zeitweise wie in einem Schonklima in Mittelgebirgslagen oder im mediterranen Raum erleben. Gerade Rheumatikern kam dieses Klima zupass.

Wissenschaftlicher Konnex zwischen Wetter und Rheuma

Abseits von der landläufig bekannten Erkenntnis, dass bei nasskaltem Wetter etwa rheumatische Beschwerden zunehmen, stellt sich die Frage: Lässt sich ein wissenschaftlicher Konnex von Wetter und medizinischen Formenkreisen wie dem der Rheumatiker finden? Und: Ist eine Methode der Berechnung objektivierbar?
Die Antwort lautet: Ja, mit gewissen Einschränkungen lässt sich die meteorologische Prognose medizinisch verwertbar machen.
Seit systematisch Wettervorhersagen erstellt werden, wird auch versucht, Krankheiten in gewisse Biotropiebereiche einzuordnen. Unter „Biotropie des Wetters“ versteht man dabei das Einwirken von meteorologischen Elementen einer Wetterlage auf den Organismus in psychischer und physischer Hinsicht. Es hat sich gezeigt, dass dabei nicht einzelne meteorologische Elemente wie Temperatur, Druck, Wind oder Taupunkt auf den Menschen wirken, sondern immer mehrere, sozusagen ein Komplex von Elementen ausschlaggebend ist: So können bestimmte meteorologische Größen je nach Jahreszeit, nach geographischer Lage, aber auch nach der Persönlichkeit des Betroffenen unterschiedlich wirken.
Österreich, das um den fünfzigsten Breitengrad in einem gemäßigt feuchten Klima liegt, ist relativ stark und relativ oft von sich rasch ändernden Wetterverhältnissen betroffen. Hochs und Tiefs mit ihren dazugehörigen Frontensystemen wechseln sich oft ab. Ein gesunder Mensch hat keine Schwierigkeiten, sich an diese ständigen Luftmassenänderungen zu gewöhnen. Gibt es aber schon eine diagnostizierte chronische Grunderkrankung, wie etwa rheumatoide Arthritis, dann können bestimmte Wetterlagen die Symptome auslösen bzw. verstärken. In der Medizin-Meteorologie wird ein solcher Personenkreis als „wetterempfindlich“ charakterisiert. Daneben unterscheidet man die „Wetterfühligkeit“, wo autonome Regelsysteme überfordert werden und dadurch die Befindlichkeit beeinträchtigt wird. Typisches Beispiel sind etwa Kopfschmerzen bei Föhnlagen, oder Narbenschmerzen vor einem Wetterumschlag. Es gibt Schätzungen, die besagen, dass etwa ein Drittel der Mitteleuropäer wetterfühlig ist.

Prognosen unter medizinischen Gesichtspunkten

An einigen Wetterdiensten Europas, auch an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), hat sich ein Zweig etabliert, der täglich für Institutionen und Betroffene Wetterprognosen unter medizinischen Gesichtspunkten erstellt: die so genannte medizinmeteorologische Prognose oder Biowetterprognose. Der Hintergrund: Es wird versucht, das Wetter nach bestimmten Lagen zu klassifizieren, um sie dann gewissen Formenkreisen zuzuordnen. Klar ist dabei, dass medizin-meteorologische Hinweise nur dann zutreffen, wenn auch die Wettervorhersage stimmt. Hochleistungsrechner, ein engmaschigeres Netz von Wetterstationen weltweit und besseres Verständnis atmosphärischer Prozesse haben in den letzten Jahren die Güte der Vorhersage für den nächsten Tag auf 85 bis 90 Prozent verbessert.
In Österreich erstellt die Synoptik-Abteilung der ZAMG täglich das Biowetter. Es werden dabei grob 13 Wetterklassen unterschieden. Dazu zählen Wetterlagen wie stabiles Hoch im Sommer, übersteigertes Hoch samt Föhn, Adriatief, Kaltfront- oder Warmfrontdurchgang.
Aus empirischen Untersuchungen werden nun vier große medizinische Formenkreise herausgebildet:
• Der humorale Formenkreis: Das Kreislaufsystem und dessen Regelmechanismen werden von Veränderungen der Blutzusammensetzung und -beschaffenheit beeinflusst.
Betroffene Krankheitsformen: Embolie, Thrombose, aber auch Angina pectoris
Biosynoptischer Bereich: Föhn, „übersteigertes Schönwetter“
• Der neurale Formenkreis: Reizantworten als Abwehr des Organismus, die das Nervensystem betreffen. Symptome der vegetativen Dystonie.
Betroffene Krankheitsformen: Schlafstörungen, depressive Zustände, Migräne u.Ä.
Biosynoptischer Bereich: Tiefvorderseite, Föhn, Warmsektor zwischen Warm- und Kaltfront
• Der psychiatrische Formenkreis: Einfluss auf seelische Krankheiten. Biosynoptischer Bereich: neben Föhn auch winterliche Hochdrucklagen.
• Der inkretorische Formenkreis: Störungen in der Produktion von Sekreten (Über-, Unterproduktion) und im Bereich der Abflusswege durch Verengung, Erweiterung und Störung der Transporthilfen (Muskulatur) oder durch Veränderung des Inhalts (Viskosität)
Betroffene Krankheitsformen: Magen und Darm, Galle und Harnweg, Zahn und Kiefer und Krankheiten im rheumatischen Bereich.

Unangenehme Luftmassenwechsel

Sieht man sich nun die für Rheumatiker besonders relevanten Wetterlagen an, so werden hauptsächlich solche getroffen, die im Zusammenhang mit einem Luftmassenwechsel stehen. Ändert sich die Temperatur rasch und steigt die Luftfeuchtigkeit, ziehen Warm- bzw. Kaltfronten durch oder drehen sich über der Region Tiefdruckwirbel, so sind das die typischen meteorologischen Konstellationen, die Rheumatiker als besonders unangenehm empfinden.
Der Autor möchte herausstreichen, dass medizinmeteorologische Hinweise klarerweise nicht bei vorherrschenden oder diagnostizierten Erkrankungen die Konsultation des Arztes ersetzen. Sind Bio­wetter-Prognosen zu negativ formuliert, besteht die Gefahr, dass sie das Gegenteil von dem bewirken, was sie eigentlich sollen. Sie können eine Art „Nocebo“ (als Pendant zum Placebo)-Effekt auslösen, wenn etwa von einem „Herzinfarkt- oder Suizidwetter“ gesprochen wird. Medizinmeteorologische Prognosen müssen mit Bedacht und im Einklang mit den Medizinern gestellt werden.

Welches Klima ist für Rheumatiker geeignet?

Die größten wetterbedingten Probleme für Rheumatiker treten in Österreich im Herbst und Winter auf, wenn bei uns der Nebel langsam hineinschleicht, die Temperaturen sinken und die Luftfeuchtigkeit höher wird. Idealerweise suchen Rheumatiker dann Breiten auf, wo der Sommer noch länger anhält, in so manchen mediterranen Ländern, speziell am südöstlichen Mittelmeer oft noch bis Anfang November.
Sicherlich tut es auch sein Gutes, dem generellen Belastungsklima in der Stadt so oft es geht zu entkommen. Speziell dann, wenn tagelang Hochnebel oder Nebel über der Stadt liegt, lohnt es sich für die Betroffenen oft, die Ballungsgebiete zu verlassen und ins Mittelgebirge oberhalb von 700 bis 1.100 m zu gelangen. Das sind häufig die Regionen, die sich bereits oberhalb des Nebels in der Sonne befinden. Während also etwa Wien im Nebel bei knapp unter 0 Grad liegt und die Luftfeuchtigkeit knapp 100 Prozent beträgt, bewegt sich die Temperatur dann etwa am Semmering oder am Hochwechsel um die plus 10 Grad, dazu Sonnenschein und nicht einmal 30 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Die Idee der heilklimatischen Kurorte und Luftkurorte

Dass es sinnvoll ist, dort hinzuziehen, wo das Klima für den belasteten Organismus gut ist, das wusste man schon in der Antike. Der römische Arzt Claudius Galen (129–199 v. Chr.) empfahl Rheumakranken das Wüstenklima aufzusuchen, da hier rasche Temperaturwechsel und Änderungen des Feuchteregimes sehr selten sind.
Aber auch in den gemäßigten Breiten und bei uns in Österreich gibt es eine gewisse Mannigfaltigkeit an Klimabereichen - generell unterscheidet man im Alpenraum zwischen Belastungsklima, Schonklima und Reizklima. Beim Reizklima – meist in Hochgebirgslagen – wird der Organismus stimuliert, Kreislauf und Stoffwechsel angeregt.
Das Belastungsklima findet man vor allem in Ballungsgebieten vor, mit ungünstigen Temperaturverhältnissen und hoher Schadstoffbelastung durch oft austauscharme Wetterlagen (Smog).
Im Schonklima fallen diese negativen Einflüsse oft weg, sie scheinen für den Rheumatiker die günstigsten Eigenschaften zu haben: An den chronisch kranken Organismus werden nur geringe Ansprüche gestellt – oft spielt in dieser „Bioklimazone“ auch der hohe Waldanteil eine treibende Rolle.
In Österreich wird unter ganz bestimmten Auflagen einer Gemeinde der Titel „Luftkurort“ bzw. „heilklimatischer Kurort“ zuerkannt. Beim Luftkurort müssen vor allem im lufthygienischen Bereich bestimmte Grenzwerte eingehalten werden. Bei heilklimatischen Kurorten müssen zusätzlich besonders intensive Reizfaktoren wirken. Derzeit gibt es 24 Luftkurorte und 14 heilklimatische Kurorte.

 Ein Fallbeispiel

 Ein typischer Luftkurort mit Schonklima: Weyer Markt

Kontakt: Mag. Rainer Schultheis, ORF-Wetterredaktion
E-Mail:

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