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„Der Schwefel sediert ohne Schaden alle Dolores“

Von Dr. Elke Böttcher, Wien

Balneologie umfasst die Lehre von natürlichen Heilwässern, Heilgasen und Peloiden sowie ihre Verwendung zur Krankenbehandlung. Zur Erzielung eines optimalen Therapieerfolges werden verschiedene physikalische Kombinationsbehandlungen wie Massage, Heilgymnastik, Diätetik, Änderung von Milieufaktoren etc. eingesetzt. Der Erfolg einer Kur ist sicherlich durch das Zusammenspiel sämtlicher Faktoren bedingt.
Durch die rasante Entwicklung neuer Medikamente auf dem Gebiet der Rheumatologie geraten zusätzliche Therapiemaßnahmen wie die Balneotherapie bei den behandelnden Ärzten zunehmend in Vergessenheit. Da es sich bei vielen rheumatischen Erkrankungen um chronisch rezidivierende Verlaufsformen handelt, sollten sämtliche Behandlungsspektren ausgeschöpft werden, um dem Patienten Schmerzlinderung sowie Erhalt der Beweglichkeit zu gewährleisten.
Diesbezüglich ist die Balneotherapie als wesentlicher Teil dieses Spektrums anzusehen. Primär spielen mechanische, thermische und chemische Wirkungsfaktoren eines Kurmittels eine Rolle, wobei die Körperoberfläche den ersten Angriffspunkt darstellt. Da über Haut und Schleimhäute zahlreiche Reaktionen im Organismus ausgelöst werden, stellt die Balneotherapie eine Reiztherapie dar, welche anhand des Kurmittels Schwefel näher erläutert werden soll.

Schwefelwässer

Unter Schwefelwässern versteht man Quellen, die mindestens 1 mg/kg Wasser an zweiwertigem Sulfidschwefel enthalten. Hierbei unterscheidet man
• schwefelhaltige Quellen (titrierbarer Schwefel über 1 mg/kg Wasser, Temperatur unter 20° C),
• schwefelhaltige Mineralquellen (titrierbarer Schwefel über 1 mg/kg Wasser, Mineralstoffgehalt über 1 g/kg, Temperatur unter 20° C),
• Schwefelthermen (titrierbarer Schwefel über 1 mg/kg Wasser, Mineralstoffgehalt unter oder über 1 g/kg, Temperatur über 20° C).
Prinzipiell besteht die Möglichkeit der Entstehung des zweiwertigen Schwefels aus den Schwefellagern der Erde anorganisch durch chemische Umsetzung in der Erdrinde, organisch durch Fäulnis von Eiweiß und Sulfatreduktion infolge bakterieller Tätigkeit sowie durch vulkanische Tätigkeit, die in unseren Breiten freilich keine Bedeutung hat.

Nachgewiesene Effekte

Die stark hyperämisierende Wirkung von Schwefelbädern wird auf die Freisetzung von vasoaktiven Substanzen wie Acetylcholin, Histamin etc. zurückgeführt. Dieser Effekt konnte durch warmes Wasser allein nicht nachgewiesen werden.
Die Penetrationsrate des Schwefels über die Haut und Schleimhäute ist hoch, perkutan aufgenommener Schwefel wird wahrscheinlich vollständig in der Epidermis oxidiert. An den Langerhanszellen (LC) führt Schwefel zu einer Modulation des Immunsystems mit lang anhaltendem Einfluss. Langerhanszellen können von der Haut in Lymphknoten einwandern und über diesen Weg Lymphozyten stimulieren.
In einer rezenten Arbeit konnte gezeigt werden, dass Langerhanszellen nach Inkubation mit Schwefelwasser im Gegensatz zu destilliertem Wasser von der Epidermis in subepidermale Schichten abwandern und dieser Prozess möglicherweise mit einer Änderung der Zytokinproduktion verbunden ist (siehe Abbildungen 1 bis 3). Ein Anstieg der TNF-a-Produktion konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.
Die keratolytischen Eigenschaften des Schwefels werden bei Psoriasis und Neurodermitis in Form der Fotobalneotherapie eingesetzt. Durch die Schwefelbehandlung ändern sich die optischen Eigenschaften der Hornschicht, sodass die darauf folgende UV-Dosis reduziert werden kann und dem Patienten eine nebenwirkungsarme Therapiealternative geboten werden kann.
Da sich manche Wirkungen nicht sofort, sondern erst im Rahmen einer kurmäßigen Anwendung einstellen, müssen die Regulationsumstellungen und Adaptationsprozesse im Körper im Rahmen einer Badekur unbedingt berücksichtigt werden. Bei einer Schwefelbadekur kann der erwünschte Therapieerfolg oft 3–4 Wochen auf sich warten lassen, dies muss dem Patienten auch unbedingt mitgeteilt werden.

Indikationen für die Anwendung von Schwefelwässern

Degenerative Gelenkserkrankungen: Arthrosen der großen und kleinen Gelenke (z.B. Coxarthrose, Gonarthrose, Fingerpolyarthrose, degenerative Wirbelsäulenerkrankungen) sprechen auf eine Schwefelkur besonders gut an und zeichnen sich durch einen lang anhaltenden Effekt aus.
Extraartikulärer Rheumatismus: Erkrankungen der Sehnen, Sehnenscheiden, Schleimbeutel, Periarthropathien, Tendomyosen, lokale Schmerzsyndrome sowie die Fibromyalgie sind gesicherte Indikationen.
Vor- und Nachbehandlung von operativen Eingriffen an Gelenken und Wirbelsäule: Hierbei kann die Schwefelbadekur in Verbindung mit physiotherapeutischen Maßnahmen zu einer deutlichen Verbesserung der Beweglichkeit sowie zur Einsparung von Analgetika beitragen.
Posttraumatische Schäden: Nach Distorsionen oder Frakturen können Patienten relativ rasch wieder mobilisiert werden.
Chronische Polyarthritis: Bezüglich der Behandlung der chronischen Polyarthritis mit Schwefel herrschen kontroversielle Meinungen. Hochaktive Patienten sollten nicht behandelt werden, eher inaktive Stadien mit Sekundärarthrosen sind für eine Schwefelbadekur durchaus geeignet.
Seronegative Spondarthritiden: Im Gegensatz zur chronischen Polyarthritis ist die Gefahr einer Krankheitsaktivierung bei weitem geringer (CAVE Iridozyklitis oder akute periphere Gelenksbeteiligung).
Psoriasis und Neurodermitis: Die Kombination von Schwefelbädern mit UV-Licht führt oft zu einem guten Behandlungsergebnis der betroffenen Hautareale.

Mögliche unerwünschte Reaktionen

Zu nennen sind die gelegentlich vorkommende Schwefelakne sowie Reaktionen kardiovaskulärer Natur (unspezifisch), weiters Reizzustände an den Konjunktivä. Zusätzlich müssen die allgemeinen Kurreaktionen beachtet werden, wobei unter klinischer Badekurreaktion die vorübergehende Verschlechterung des Gesundheitszustandes durch balneotherapeutische Maßnahmen bezeichnet wird. An unspezifischen Allgemeinreaktionen können beispielsweise Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Cephalea, Übelkeit oder Palpitationen angetroffen werden.
Diese Reaktionen können jedoch bei sämtlichen Kurformen (Bäder-, Trink- oder Klimakuren) auftreten. Daher bedarf auch eine Schwefelbadekur einer regelmäßigen kurärztlichen Überwachung, um Therapiemaßnahmen zu optimieren oder zu korrigieren und dadurch die Chance auf einen guten Kurerfolg zu erhöhen.

Therapieformen der Schwefelbadekur

Ruhebad: Der Patient liegt für ca. 20 Minuten ruhig in einer Wanne, hierbei ist die zu erzielende Schwefelkonzentration am höchsten. Im 34 bis 38° C warmen Wasser kommt es zu einer allgemeinen Entspannung, die Aufnahme des Schwefels als gelöster Inhaltsstoff über die Haut führt zu den oben genannten immunologischen Vorgängen.
Unterwasserbewegungstherapie: Sie kann einzeln oder in der Gruppe durchgeführt werden (immer unter Anleitung einer Physiotherapeutin). Wird im Wasser eine Bewegung ausgeführt, so muss ein Reibungswiderstand überwunden werden. Dies wird therapeutisch zur Muskelkräftigung z.B. bei Inaktivitätsatrophie oder Paresen ausgenützt. Durch entsprechende Dosierung (Schnelligkeit der Bewegung) lässt sich ein Trainingseffekt erreichen.
Durch die Auftriebskraft des Wassers und die damit verbundenen Abnahme der Schwerkraft können Bewegungen viel leichter und mit weniger Schmerzen durchgeführt werden. Dadurch eignet sich diese Therapieform hervorragend für posttraumatische oder postoperative Krankheitsbilder.
Unterwasserdruckstrahlmassage: Hierbei liegt der Patient in einer großen Wanne mit Schwefelwasser, mittels unterschiedlicher Düsen lässt sich die Intensität des Druckstrahls variieren. Der therapeutische Nutzen dieser Therapieform begründet sich durch die Kombination von Massage sowie Muskelentspannung durch den Auftrieb des Wassers, die Wasserwärme und die perkutane Schwefelresorption.
Besonders eignet sich diese Art der Schwefeltherapie für großflächige Myogelosen (BWS, LWS, Hüftregion, Oberschenkel), chronisch rezidivierende Lumbago, radikuläre Reizungen in der postakuten Phase sowie neurologische Krankheitsbilder (St. p. Poliomyelitis, schlaffe Paresen).

Rheuma-Zentrum Oberlaa

Im Rheuma-Zentrum Wien-Oberlaa steht den Patienten ein interdisziplinäres Team bestehend aus Kurärzten, Internisten, Rheumatologen, Orthopäden, Physikalisten sowie Dermatologen zur Verfügung. Hier kann nicht nur die Verordnung einer ambulanten Kur erfolgen, sondern ebenso die Abklärung und medikamentöse Therapie rheumatischer Erkrankungen (Röntgen, Labor und EKG im Hause). Dabei wird für jeden Patienten ein individuelles Therapiepaket zusammengestellt, um einen bestmöglichen Kurerfolg zu gewährleisten.
Die Durchführung einer ambulanten Kur bietet hier die Möglichkeiten vieler Therapieanwendungen, wenn aus beruflichen oder familiären Gründen eine dreiwöchige Kur an einem etablierten Kurort nicht möglich ist. Wohl wissend, dass der Faktor Milieuveränderung am Kurort eine wesentliche Rolle spielt, hat die ambulante Kur dennoch einen absolut berechtigten Platz sowohl im kurativen als auch im präventiven Bereich. Die langjährige Erfahrung in Wien-Oberlaa mit dieser Kurform bestätigt diesen Weg.
Im Kurmittelhaus Wien-Oberlaa werden nicht nur sämtliche Therapieformen mit Schwefelwasser angeboten, sondern auch eine breite Palette an zusätzlichen physikalischen Therapieformen. Kräutersprudelbäder, Kohlensäurebäder oder Moorschwebstoffbäder werden von Patienten mit lokalen Schmerzsyndromen, Durchblutungsstörungen oder Fibromyalgie geschätzt.
Klassische Massage, Ultraschalltherapie und die lokale Anwendung von Paraffin oder Munari führen zur Muskelentspannung und zur Schmerzreduktion beispielsweise bei Patienten mit Arthrosen oder degenerativen Wirbelsäulenerkrankungen. Heilgymnastik einzeln oder in der Gruppe ist besonders zur Muskelkräftigung nach Traumen, postoperativ nach Gelenksersatz oder bei rheumatischen Erkrankungen zum allgemeinen Durchbewegen erkrankter Gelenke bzw. zum Erlernen ökonomisierter Bewegungsabläufe geeignet. Zusätzlich wird medizinische Trainingstherapie angeboten, wo nach spezieller Anleitung einer Physiotherapeutin selbständig geübt werden kann.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Behandlung von Patienten mit M. Bechterew: Gruppen mit Bechterew-Turnen sowie Bechterew-Unterwassergymnastik motivieren die Patienten zum selbständigen Durchführen ihrer täglichen Übungen.

 Fazit für die Praxis

Literatur bei der Verfasserin
Kontakt: Dr. Elke Böttcher, Rheuma-Zentrum Wien-Oberlaa
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