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Physikalische Medizin/Rehab 11. Dezember 2006

Das Geheimnis im Heilstollen

Die Wirksamkeit der Gasteiner Heilbehandlungen ist seit über sechzig Jahren bekannt und geschätzt. Warum der Aufenthalt im Radonstollen Rheumakranken so gut tut, war bislang unbekannt, oder schlichtweg unerforscht. Wissenschaftler des Ludwig Boltzmann Instituts für Zytokinforschung der Universität Wien konnten erstmals einen Einfluss auf das Immunsystem bei Patienten mit Morbus Bechterew objektivieren.
Der Heilstollen in Bad Gastein hat Tradition. Auch im dritten Jahrtausend suchen Rheumakranke im warmen, feuchten und radonhältigen Klima des Stollensystems Linderung ihrer Beschwerden. Die Ursachen der entzündungshemmenden Wirksamkeit dieser Therapie sind weitgehend ungeklärt. Dass es zu einer Veränderung der Zytokinmuster im Körper der Kranken kommt, wurde schon länger vermutet.
„Konkrete Beweise blieben bislang aus. Das lag nicht zuletzt daran, dass frühere Untersuchungen vor allem die proinflammatorische Seite fokussierten. Doch sowohl beim zentralen Entzündungsförderer TNF-a als auch beim ähnlich potenten Interleukin 6 konnte keine wesentliche Veränderung vor und nach einer Heilbehandlung erfasst werden“, berichtete Prof. Dr. Josef Schwarzmeier, Ludwig Boltzmann Institut für Zytokinforschung, Universität Wien, anlässlich der 6. Internationalen Zytokinkonferenz Ende August in Wien. An der weltweit größten Tagung im Forschungsbereich Zytokine nahmen über 700 internationale Experten teil.

TGF-ß bremst den Entzündungsprozess

Der Transforming Growth Factor ß, kurz TGF-ß, ist neben den Interleukinen 10 und 11 ein potenter Entzündungshemmer, spielt aber auch bei der Wund- und Knochenbruchheilung eine entscheidende Rolle. Das Zytokin wird als großer latenter Komplex gebildet, ein kleinerer Anteil liegt als freie und biologisch wirksame Form vor. Aktives TGF-ß vermittelt seine vielfältige Wirkung über einen eigenen Rezeptor. Schwarzmeier: „TGF-ß setzt an zwei Stellen gegen das Krankheitsgeschehen an. Der Botenstoff hemmt nicht nur die Entzündungsreaktion, sondern aktiviert gewebstypische Heilungsprozesse. Sowohl das Gesamt- TGF-ß als auch sein freier Anteil können mittels eines Immunoassays im Serum bestimmt werden.“
Eine rezente Studie¹ aus dem Ludwig Boltzmann Institut für Zytokinforschung ging dem Einfluss der Gasteiner Radontherapie auf die antiinflammatorischen Botenstoffe nach. Dazu wurden die Zytokinspiegel von 83 Patienten mit Morbus Bechterew vor und nach einer drei- bzw. vierwöchigen Heilbehandlung in Bad Gastein gemessen. Als Kontrolle wurden die Messungen von zehn Betroffenen ohne Heilstollenexposition sowie zehn Teilnehmern mit Rückenschmerzen ohne entzündliches Substrat (Low Back Pain) gegenübergestellt. Die Kur umfasste neben dem Aufenthalt im Heilstollen mit geringen Radondosen auch Wärmebehandlungen sowie bestimmte gymnastische Übungen.

Signifikanter Anstieg der TGF-ß-Blutspiegel

Am Ende des Aufenthaltes wurde die klinische Wirksamkeit in Hinblick auf die Schmerzsymptomatik erfasst und die Teilnehmer in eine Gruppe mit und eine ohne signifikante Schmerzlinderung gegliedert. Die abschließenden Zytokinbestimmungen ergaben für alle Bechterew-Patienten einen signifikanten Anstieg der TGF-ß-Blutspiegel gegenüber den Messungen vor der Therapie. „Dieser Effekt konnte bei der Kontrollgruppe mit nichtentzündlichen Rückenschmerzen nicht beobachtet werden“, beschrieben Shehata und Schwarzmeier. Die Hinweise auf eine Ursache des Zytokinanstiegs im Radonstollen erhärteten sich durch die Daten der Kontrollgruppe ohne Aufenthalt im Berg: Diese Patienten zeigten keine Veränderung der TGF-ß-Blutspiegel.
Nicht nur der gesamte TGF-ß-Komplex, auch die biologisch aktive Komponente des Zytokins steigt im Anschluss an die Heilbehandlung an. „Die Messung des aktiven TGF-ß brachte eine weitere interessante Entdeckung hervor: Unter den Bechterew-Patienten ging der Anstieg mit der Schmerzlinderung Hand in Hand. Jene Patienten, welche zum Abschluss der Therapie eine Besserung der Schmerzen beschrieben, wiesen einen signifikant höheren Anstieg des aktiven TGF-ß auf.“
Während es in der Gruppe mit keinem oder geringem Ansprechen der Schmerzsymptomatik zu einem etwa siebenfachen Anstieg kam, nahm der Blutspiegel des freien TGF-ß in der Gruppe mit guter Schmerzlinderung siebzehnfach zu. Bei den Low-Back-Pain-Patienten stieg der Anteil zwar signifikant, aber in wesentlich geringerem Ausmaß an. Bei den Bechterew-Patienten ohne Radonexposition fand keine signifikante Änderung des aktiven TGF-ß statt.

 Änderung der TGF-β-Konzentration

Antientzündliche Wirkung fördert den Heilungsprozess

„Zytokine funktionieren in Netzwerken“, betonte Schwarzmeier: „Viele Botenstoffe teilen gemeinsame Endpunkte. Könnte man in die Übertragungswege in Richtung Zellkern eingreifen, wäre wahrscheinlich eine bessere Wirkung als durch die Beeinflussung einzelner Zytokine möglich.“
Das Edelgas Radon aus dem Gasteiner Heilstollen ist ein Alphastrahler. Diese Art von Radioaktivität sendet hohe Energie mit nur kurzer Reichweite aus. Es wird vermutet, dass die Alphastrahlung Fibroblasten, aber auch Zellen des Immunsystems zur Bildung von TGF-ß anregt. Ebenfalls freigesetzte Sauerstoffradikale und Peroxyde tragen zur Aktivierung des Zytokins bei. Schwarzmeier: „Sowohl die Entzündungshemmung als auch die Vermittlung regenerativer Prozesse sind mit einer Schmerzreduktion und einer Verbesserung der Mobilität verbunden. Man könnte erwägen, den TGF-ß-Anstieg als objektives Maß für den Therapieerfolg einer Heilstollenbehandlung einzuführen.“ Für Menschen mit Morbus Bechterew bedeutet die Therapie neben einer Schmerzlinderung auch eine Chance, den täglichen Medikamentenbedarf zu reduzieren.

Zytokine erklären Phänomene der Medizin

Der Gasteiner Heilstollen geht auf ein bereits vor hunderten Jahren betriebenes Goldbergwerk zurück. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erwies sich eine Wiederaufnahme des Goldbergbaus als unwirtschaftlich, schon bald aber wurde der medizinische Wert der radonreichen Stollen im Radhausberg erkannt. Heute werden dort neben dem Morbus Bechterew zahlreiche andere Erkrankungen des Bewegungsapparates, aber auch der Haut und der Lungen behandelt. Die aktuellen Forschungsprojekte des Ludwig Boltzmann Instituts für Zytokinforschung bringen klassische Kur- und Heilbehandlungen mit molekularer Medizin in Verbindung.
„Die Zytokinforschung kann dazu beitragen, medizinische Mysterien zu lüften. Erstmals konnte ein objektiv messbarer Effekt der Behandlung im Gasteiner Heilstollen auf das Immunsystem erwiesen werden“, freute sich Schwarzmeier.

1 Shehata M et al. Effect of combined spa-exer­cise therapy on circulating TGF-beta1 levels in patients with ankylosing spondylitis. Wien Klin Wochenschr 2006 May;118(9-10):266-72.

Dr. Alexander Lindemeier, rheuma plus 4/2006

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