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Die in Hülsenfrüchten enthaltenen pflanzlichen Proteine senken das Gichtrisiko.

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© LK Mistelbach-Gänserndorf Foto: reka100 / fotolia.com

Abb. 2: Milch ist gesund - auch bei Gicht.

Foto: iStockphoto / Thinkstock

Abb. 3: Bierkonsum erhöht das Gichtrisiko...

Foto: Steve Cukrov / fotolia.com

Abb. 4: ...aber auch gesüßte Softdrinks sollten vermieden werden.

Foto: SXPNZ / fotolia.com

Abb. 5: Ob mit oder ohne Koffein: Kaffee kann das Auftreten von Gichtanfällen reduzieren.

 
Innere Medizin 30. November 2012

Gicht und Ernährung

Neue Ergebnisse aus Langzeit-Beobachtungsstudien zeigen, dass einige der bisherigen Diätempfehlungen revidiert werden müssen.

Seit vielen Jahren sind Zusammenhänge zwischen Ernährung und der Wahrscheinlichkeit einer Gichterkrankung bekannt1. Vor allem wurde der Effekt einer purinreichen Nahrung sowie eines vermehrten Alkoholkonsums mit steigenden Harnsäurewerten gezeigt. Dieses Wissen war auch über viele Jahre die Basis der Diätempfehlungen, die primär eine Reduktion der Purine in der Nahrung sowie eine Alkoholreduktion zur Senkung erhöhter Harnsäurewerte und zur Prävention eines akuten Gichtanfalls empfohlen haben. Nach den neuesten Erkenntnissen haben allerdings andere Diätempfehlungen ihre Berechtigung verloren.

In den letzten Jahren wurden zunehmend Ergebnisse von Langzeit-Beobachtungsstudien publiziert, die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ernährungsgewohnheiten bzw. Lebensstilmaßnahmen und der Erstmanifestation von Gichtanfällen untersucht haben. Dabei wurde bekanntes Wissen über den die Harnsäure steigernden Effekt von rotem Fleisch- und Fischgenuss sowie hohen Alkoholmengen bestätigt. Andere Diätempfehlungen, wie die Reduktion purinreicher pflanzlicher Nahrung sowie Empfehlungen zur Reduktion von tierischem und pflanzlichem Eiweiß müssen jedoch revidiert werden. Fettarme Milchprodukte, Vitamin C und Kaffee sind nach heutigem Wissen protektiv. Im Gegensatz dazu wurde rezent gezeigt, dass Fructose in Getränken und Obst ein schwerwiegender Risikofaktor für die Gichterkrankung ist.

Diätempfehlungen

Auffallend waren in diesen neuen Untersuchungen auch der sehr starke Zusammenhang zwischen erhöhten Harnsäurewerten bzw. Gicht und Parametern des metabolischen Syndroms (Übergewicht, Hyperinsulinämie, Insulinresistenz und Hypertonie). Dieses tritt bei Patienten mit Gicht um 50 bis 100 Prozent häufiger auf und erhöht die daraus resultierenden Folgeerkrankungen wie koronare Herzkrankheit und periphere arterielle Verschlusskrankheit deutlich. Das metabolische Syndrom erhöht damit nicht nur das Gichtrisiko, sondern beeinflusst auch die kardiovaskuläre Langzeitprognose dieser Patienten.

Herkömmliche Diätempfehlungen haben primär zur Vermeidung von Nahrungsmitteln mit hohem Purinanteil geraten. Die strikte Einhaltung dieser Ernährungsempfehlungen war für viele Patienten aufgrund der geschmacklichen Veränderungen schwierig. Zusätzlich wurde bei diesen Diäten häufig Eiweiß durch Kohlehydratete (inklusive Fructose) und gesättigte Fettsäuren substituiert2, wodurch Gewichtszunahme und das metabolisches Syndrom begünstigt werden.

Daher wird heute bei erhöhter Harnsäure und Gicht zu einer allgemeinen Lebensstilmodifikation mit einer Ernährungsmodifikationen geraten. Ziel ist die Prävention/Verbesserung des metabolischen Syndroms und gleichzeitig die Senkung der Harnsäurespiegel. Folgende Diätempfehlungen werden heute für Patienten mit Gicht gegeben.

Reduzierte Zufuhr von rotem Fleisch

Der Konsum von Rind-, Schwein- und Lammfleisch ist mit dem vermehrten Auftreten von Gichtanfällen und erhöhter Harnsäure assoziiert. Die Ursache dafür ist der hohe Anteil an tierischen Purinen in diesen Fleischsorten. Menschen die täglich zweieinhalb Portionen Fleisch konsumieren haben ein 80 Prozent höheres Gichtrisiko als solche, die nur jeden zweitenTag Fleisch essen. Zusätzlich ist rotes Fleisch eine der Hauptquellen gesättigter Fettsäuren, die ihrerseits wieder mit erhöhter Insulinresistenz und einem gestörten Lipidstoffwechsel in Zusammenhang stehen3.

Genuss von Fischen oder Meeresfrüchten

Vermehrter Fischkonsum erhöht aufgrund der erhöhten Purinzufuhr ebenfalls die Wahrscheinlichkeit eines Gichtanfalls. Zwischen einmal in der Woche Fischkonsum und Fischkonsum jeden zweiten Tag konnte eine Zunahme des Risikos um ca. 50 Prozent gezeigt werden3.

Eine Empfehlung zu weniger Fisch in der Nahrung muss jedoch auf den einzelnen Patienten abgestimmt werden, da gerade fetter Fisch zwar die Wahrscheinlichkeit eines Gichtanfalls erhöht, gleichzeitig aber auch ein wichtiger Lieferant von Omega-3-Fettsäuren ist. Vor allem bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen sollte vermutlich moderater Fischgenuss durchaus empfohlen werden, wenn möglichst alle anderen diätetischen und Lebensstilmaßnahmen zur Harnsäurereduktion eingehalten werden.

Eine möglich Alternative stellt die vermehrte Zufuhr von Omega-3-Fettsäure auf pflanzlicher Basis (Lein-, Soja-, Walnuss-, Rapsöl) oder die Supplementierung mit EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure) dar2.

Fettreduzierte Milch und Milchprodukte

Es besteht eine inverse Korrelation zwischen fettreduzierten Milchprodukten und dem Auftreten von Gichtanfällen.

In einer Studie konnte gezeigt werden, dass bei Männern der Konsum von zwei oder mehr Gläsern Magermilch (250 ml) das Gichtrisiko auf die Hälfte reduziert. Eine ähnliche Beziehung konnte auch mit anderen Milchprodukten, wie fettreduzierter Joghurt gezeigt werden. Der günstige Effekt wird durch die Milchproteine Casein mit Lactalbumin erzielt, die einen urikosurischen Effekt haben. Da Milchprodukte auch einen sehr niedrigen Puringehalt haben, wird dadurch die Harnsäure effektiv gesenkt3.

Ausreichend tierisches und pflanzliches Eiweiß

Im Gegensatz zu älteren Therapieempfehlungen werden diese Nahrungsbestandteile derzeit als günstig angesehen. Die erhöhte Zufuhr tierischer und pflanzlicher Proteine führt nicht zu vermehrtem Auftreten von Gicht, sondern erhöht sogar die Harnsäureausscheidung. Nüsse und Hülsenfrüchte sind reich an Eiweiß, Faserstoffen, Vitaminen und Mineralien. Die darin enthaltenen pflanzlichen Proteine senken das Gichtrisiko und der Genuss von Nüssen ist zusätzlich mit einer geringeren Inzidenz der koronaren Herzkrankheit verbunden. Hülsenfrüchte sind günstig für die koronare Langzeitprognose und die Vermeidung des Auftretens eines Typ 2-Diabetes2,3.

Reduktion von Alkohol

Die Zusammenhänge von Alkohol und Gicht sind bereits seit langem bekannt. Der regelmäßige Konsum von 10 bis 15g/Tag (entspricht ca.einem Seidel Bier) erhöht das Gichtrisiko um rund 30 Prozent, und ab einer Menge von 50 g/Tag besteht eine Risikovermehrung um 250 Prozent. Der zugrunde liegende Pathomechanismus ist sowohl die erhöhte Produktion, wie auch eine reduzierte Ausscheidung von Harnsäure. Äthanol erhöht die Harnsäure durch einen vermehrten Abbau von Adenosin-Triphosphat (ATP) zu Monophosphat (AMP) und in der Folge zu Vorläufern der Harnsäure. Parallel wird durch eine Umwandlung von Alkohol zu Milchsäure die Harnsäureausscheidung am proximalen Tubulus reduziert1.

Zwischen den alkoholischen Getränken besteht ein deutlicher Unterschied. Bier erhöht das Gichtrisiko am stärksten, gefolgt von Spirituosen. Wein hingegen erhöht das Risiko für einen Gichtanfall nicht oder nur sehr gering. Die Ursache, warum Bier im Vergleich zu anderen alkoholischen Getränken das höchste Harnsäurerisiko aufweist, hängt mit seinem hohen Gehalt an Purinen (vor allem Guanosin) zusammen.

Gesüßte Softdrinks

Diese sind besonders reich an Fructose, die das Harnsäure- und Gichtrisiko erhöht. Die Hauptquellen für vermehrte Fructosezufuhr sind vor allem gesüßte Getränke. Diese beinhalten zwar kaum Purine, jedoch einen oft sehr hohen Anteil an Fructose als Süßstoff. Auch Orangen- oder Apfeljuice sowie fructosereiches Obst (Äpfel oder Orangen) erhöhen die Harnsäure. Der Konsum von zwei oder mehr Gläsern Orangensaft pro Tag verdoppelt bereits das Gichtrisiko.

Der Effekt auf den Harnsäurespiegel und das Risiko ist ähnlich stark ausgeprägt wie bei alkoholischen Getränken. Physiologisch erhöht die Fructose (nicht Glucose) den Abbau von ATP zu AMP und damit zu Vorläufern der Harnsäure. Dazu kommt, dass die erhöhte Zufuhr von Fructose mit einer hohen Kalorienzufuhr verbunden ist, die wieder zu Übergewicht, erhöhten Insulinspiegeln und Insulinresistenz führt.

Diese Faktoren des metabolischen Syndroms sind mit einer reduzierten renalen Harnsäureclearance verbunden. Fructose führt damit (ähnlich wie Alkohol) zu einer erhöhten Harnsäureproduktion auch zu einer reduzierten Ausscheidung. Die Gefahr eines Gichtanfalls durch Fructose ist bei Patienten mit bereits bekannter Gicht am größten. Getränke mit künstlichem Süßstoff erhöhen das Risiko nicht4,5.

Koffeinhaltiger und koffeinfreier Kaffee

Sowohl koffeinhältiger als auch koffeinfreier Kaffee erhöhen weder das Gichtrisiko, noch die Harnsäurespiegel.

Koffein ist ein Xanthin, das seinen günstigen Effekt zur Harnsäurereduktion und Gichtprävention - ähnlich wie auch die pharmakologische Substanz Allopurinol - durch eine Hemmung der Xanthinoxidase bewirkt. Der Genuss von Kaffee hat sich auch zur Prävention anderer Erkrankungen (wie Typ 2 Diabetes, Gallen- oder Nierensteinen, aber auch von kardiovaskulären Ereignissen und speziellen Tumorerkrankungen) als günstig herausgestellt2.

Vitamin C

Die Zufuhr von Vitamin C (sowohl durch die Nahrung als auch durch eine Nahrungsergänzung) ist ab einer täglichen Dosis von 500mg zur Senkung des Harnsäurespiegels und auch zur Gichtprävention günstig.

Vitamin C hat in dieser Dosierung einen urikosurischen Effekt am proximalen Tubulus der Niere und erhöht zusätzlich die glomeruläre Filtrationsrate für Harnsäure. Täglich 500 mg Vitamin C reduzieren das Gichtrisiko um ca. 20 Prozent und 1.500 mg um 50 Prozent6.

Übergewicht und Gewichtsreduktion

Viele Patienten mit Gicht sind übergewichtig oder adipös. Langzeituntersuchungen haben gezeigt, dass sich das Gichtrisiko bei einem BMI zwischen 25 und 30 kg/m2 verdoppelt und ab einem BMI von 35 kg/m2 verdreifacht. Auch eine Gewichtszunahme ist mit einer Zunahme des Gichtrisikos verbunden.

Ein erhöhter BMI führt über zwei Mechanismen zur Hyperurikämie. Die vermehrte Zufuhr spezieller Nahrungsbestandteile (wie beispielsweise rotes Fleisch, Fisch, Fructose, Alkohol) erhöhen die Harnsäurespiegel. Auf der anderen Seite wurde gezeigt, dass das metabolische Syndrom die renale Clearance von Harnsäure reduziert. Gewichtsreduktion reduziert nicht nur die Wahrscheinlichkeit für erhöhte Harnsäurewerte und Gicht, sondern verbessert häufig auch das kardiovaskuläre Gesamtrisiko7.

Zusammenfassung

Erhöhte Harnsäurewerte und Gicht sind häufig mit einem metabolischen Syndrom und den daraus resultierenden Folgeerkrankungen vergesellschaftet. Mit Ernährungsmaßnahmen können sowohl die Harnsäurewerte als auch das Auftreten von Gichtanfällen reduziert und das metabolische Syndrom verbessert werden. Weniger konsumiert werden sollte rotes Fleisch, Fisch sowie alkoholische Getränke (Bier, Spirituosen) und fruktosehältige Getränke. Günstig sind fettarme Milch und Michprodukte, komplexe Kohlehydrate und (vor allem pflanzliches) Eiweiß. Kaffee und Vitamin C haben ebenfalls eine geringe Wirkung auf die Harnsäuresenkung. Allgemeine Lebensstilmodifikationen mit Gewichtsreduktion reduzieren das Gichtrisiko und verbessern die kardiovaskuläre Prognose der Patienten.

* Prim. Univ. Doz. Dr. Otto Traindl 1.Medizinische Abteilung für Kardiologie und Nephrologie Landesklinikum Mistelbach Liechtensteinstraße 67 2130 Mistelbach

1) The Lancet 2004; 363:1277

2) Current Opinion in Rheumatology 2010; 22:165

3) NEJM 2004; 350:1093

4) Brit Med J 2008; 59:109

5) JAMA 2010; 304:2270

6) Arch Intern Med 2009; 169:502

7) Arch Intern Med 2005; 165:742

8) nach UpToDate 2012

Tabelle 18 Diät zur Senkung der Harnsäure
Reduzierter Konsum von:
  • rotem Fleisch (Schwein, Rind, Lamm)
  • Bier und Sprituosen
  • Fruktose hältige Getränke
Empfohlen:
  • fettreduzierte Milch- und Michprodukte
  • komplexe Kohlehydrate (Getreideprodukte, Naturreis, Bohnen, Linsen)
  • Kaffee kann Gichtanfälle reduzieren
  • Vitamin C (500 mg/d) hat einen milden urikosurischen Effekt

O.Traindl*, rheuma plus 4/2012

  • Herr Hans Steiner, 24.11.2013 um 16:12:

    „Nachdem ich momentan unter einem starken Gichtanfall am grossen Zehen leide, habe ich versucht mich im Internet schlau zu machen. Nahdem ich mehrere Artikel inkl. mehrere Tabellen betreffs Puringehalt darüber gelesen habe, bin ich nun auf Ihren Artikel "Gicht und Ernährung" gestossen und ich muss sagen, dass dieser Artikel der beste von allen ist. Vor allem weiss ich nun endlich, dass Fructose, enthalten in Obst oder Obstsäften einen wesentlichen Vorschub für einen Gichtanfall leisten kann. Dabei hiess es doch immer man könne z.B. Obst und Früchte sowie Fruchtsäfte wie z.B. Apfelsprudel oder Apfelsaft oder Orangensaft in grossen Mengen ungeniert geniessen. Nach einer Erkältung hatte ich vor ein paar Tagen versucht, mit der vermehrten Einnahme von Obst, d.h.Orangen, Mandarinen und Kiwi meinen Vitamin C Haushalt wieder etwas "aufzufrischen". Anscheinend war dies gar keine gute Idee und dafür muss ich nun enorm leiden. Ich weiss gar nicht wie ich Ihnen für Ihren Artikel danken kann. Mit Ihren revidierten Diät Empfehlungen haben Sie mir einen grossen Dienst erwiesen. Danke, danke, danke -- und mit freundlichen Grüssen aus der Schweiz.l“

  • Frau Johannes Duve, 02.02.2015 um 18:32:

    „Zur Senkung des Harnsäurespiegels wird in diesem Artikel der Verzehr von komplexen Kohlenhydraten, wie z.B.
    Hülsenfrüchte und Getreideprodukte empfohlen.

    Auf Grund der hohen Puringehalte von Linsen, Erbsen, weißen Bohnen und Sojabohnen, sowie von Buchweizen und Haferflocken, wird in anderen Veröffentlichungen von deren Verzehr explizit abgeraten.

    Ich bedanke mich für die Klarstellung des Sachverhaltes.“

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