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Foto: james steidl / photos.com

So, wie ein Dirigent den Takt für ein Musikstück angibt, sind auch im menschlichen Körper Taktgeber am Werk, die den Organismus und seine physiologischen Funktionen dirigieren.

 
Innere Medizin 30. November 2011

Takt des Lebens

Wenn die unterschiedlichen Rhythmen im Körper durcheinander geraten, ist die Gesundheit gefährdet.

Seit den 1970er-Jahren ist klar, dass der Mensch viel mehr unterschiedlichen Rhythmen unterliegt als lediglich jenen von Herzschlag, Atem, Zellteilung oder Lidschlag. Die endogenen, von biologischen Uhren generierten Rhythmen geben den Takt des Lebens an. Bestens bekannt ist die zirkadiane Rhythmik, die unmittelbar Einfluss auf die Symptome der rheumatoiden Arthritis hat.

Die Chronobiologie beschäftigt sich mit dem Einfluss von Zeitabläufen auf biologische Systeme. Sie untersucht, ob die Rhythmen tatsächlich endogen, also im Körper, entstehen oder von außen angeregt werden, wo der generierende Schrittmacher zu finden ist und wie dieser Oszillator wirkt. Ende der 1990er-Jahre waren auch die Clock-Gene in den Chromosomen entdeckt, die den Takt angeben.

Es sind viele biologische Rhythmen, die im Körper ihre Wirkung entfalten. Die Frequenz-Periodenlängen, schreibt Dr. Josef Feyertag, 5. Medizinische Abteilung im Wiener Wilhelminenspital, im bei Springer erschienenen Buch „Psychoendokrinologie und Psychoimmunulogie“, reichen von Millisekunden bis zu Jahren.

Walzertakt oder Rap?

Die Taktfolgen kann man einteilen: Unterschieden werden ultradiane Rhythmen (Perioden von weniger als einem Tag: Tiefschlafzyklus oder Zeiten der Hormonfreisetzung), infradiane Rhythmen, die über mehr als 24 Stunden laufen wie etwa zirkannuale (ein Jahr) oder zirkalunare (entsprechend dem Mondzyklus oder zirkaseptane (etwa eine Woche lang) sowie zirkadiane Rhythmen, die dem Tagesverlauf entsprechen, Beispiel: der Schlaf-Wach-Rhythmus.

Endogene Rhythmen sind auch oft ineinander verschachtelt, viele Parameter weisen gleich mehrere Rhythmen auf. Größere Zeitspannen sind häufig in kleinere Untereinheiten aufgeteilt, so wie ein Musikstück in Takte unterteilt ist. Endokrine Parameter sind meist infradian gesteuert, zeigen jedoch gleichzeitig eine stark zirkadiane Rhythmik, die wiederum in mehrere ultradiane pulsatile Schübe unterteilt ist.

Aus dem Takt geraten

Zirkadiane Rhythmen sind bestens erforscht. Fast alle physiologischen und auch psychologischen Parameter zeigen eine Tagesrhytmik – Schwankungen der kognitiven Leistungen ebenso wie Störungen, Erkrankungen aber auch die Mortalität haben diese Besonderheiten.

Ganz besonders stehen Autoimmunerkrankungen, also bis zu 80 verschiedene entzündliche Erkrankungen, in Bezug auf diese Lebensrhythmen, unter ihnen rheumatische Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis (RA), Systemischer Lupus erythematodes (SLE) oder Morbus Basedow.

Frauen und Männer

Vor dem Hintergrund, dass 80 Prozent der Autoimmunerkrankungen bei Frauen auftreten, sind schon epidemiologisch endokrine Faktoren in der Pathogenese zu vermuten. Eine grundsätzlich unterschiedliche immunologische Antwort auf inflammatorische Stimuli zwischen Männern und Frauen könnte hier relevant sein. Bei Frauen kommt es verstärkt zu einer Antikörperantwort, bei Männern eher zu einer allgemeinen inflammatorischen Reaktion.

Die Rhythmik zeigt sich auch im zeitlichen Muster der Symptome. Früh am Morgen kommt es häufig zu rheumatischen Schüben aufgrund des hochfahrenden Immunsystems. Typisch auch die Morgensteifigkeit bei RA-Patienten. Abends werden Arthrtis-Schmerzen besonders intensiv empfunden, zu später Stunde sind die Gelenkschwellungen am stärksten.

Rhythmus-Therapie?

Grundgedanke für eine therapeutische Veränderung immunologischer und endokriner Dysregulation durch Therapie ist, die desynchronisierten Systeme zu synchronisieren. Darüber hinaus ergibt sich aus den Zusammenhängen der Bedarf an Kontrolle von Stressbelastungen und Stressmanagementstrategien. Basierend auf der tageszeitlichen Schwankung der RA-Symptome scheint eine Steroidgabe über ein Retardpräparat abends und ein Direktpräparat morgens der Tagesapplikation überlegen zu sein (Buttgereit et al. 2008), so die Autoren Heesen und Gold im Buchkapitel „Autoimmunerkrankungen“. Dies findet sich auch in den grundsätzlichen Empfehlungen der europäischen Liga gegen Rheumatologie zur Steroidtherapien. IS

 

Quelle: Auszüge aus „Psychoendokrinologie und Psychoimmunologie“ von U. Ehlert und R. von Känel (siehe Hinweis) aus den Kapiteln „Chronobiologie des Hormon- und Immunsystems“ (E. Abbruzzese), „Autoimmunerkrankungen“ (Ch. Heesen, St. M. Gold), „Die Bedeutung der Chronobiologie in der Rheumatologie“ (J. Feyertag).

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