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Montage: Photos.com (2)
Patienten mit rheumatoider Arthritis spüren es: Die Krankheit folgt einer zirkadianen Rhythmik.
 
Innere Medizin 8. Oktober 2011

Rheuma hat einen Tagesrhythmus

Mittels Therapiewahl die Morgensteifigkeit vermeiden – das gelingt auch bei Fernreisen.

Alle Körpervorgänge sind zirkadianen Rhythmen unterworfen, auch das Immunsystem. So unterliegen Autoimmunerkrankungen wie entzündliches Rheuma einem Tagesrhythmus. Reisen über mehrere Zeitzonen beeinflussen daher auch rheumatische Erkrankungen.

Biologische Prozesse im Körper unterliegen einem periodischen Zyklus. Zirkadiane Rhythmen findet man bei der Aktivität aller Körpergewebe, auf der Mikroebene von Zellen, etwa der neuronalen Aktivität, und der Makroebene des ganzen Organismus in Form des Schlaf-Wach-Rhythmus.

„Hierbei kommt es zu einer tageszeitlichen Schwankung der Aktivität endokriner Organe, aber auch zur rhythmischen Freisetzung von immunmodulatorischen Stoffen wie Zytokinen, schreiben Dr. Georg Pongratz und Prof. Dr. Rainer Straub, Forscher am Labor für experimentelle Rheumatologie und Neuroendokrinoimmunologie am Uniklinikum Regensburg (Z Rheumatol 2011; 70: 305). Zentraler Taktgeber für die zirkadiane Rhythmik ist der im Hypothalamus gelegene suprachiasmatische Nukleus (SCN). Dieser verwendet für die Koordination der Tagesrhythmik autonome, in den Neuronen des suprachiasmatischen Nukleus selbst generierte 24-Stunden-Rhythmen, die dann über Projektionen in verschiedene Bereiche des Gehirns an die Körpersysteme weitergegeben werden.

Paradebeispiel Kortisol

Zirkadiane Rhythmen der Immunfunktion erklären die Tageszeitabhängigkeit der Symptome – vor allem der Morgensteifigkeit – bei rheumatischen und anderen entzündlichen Erkrankungen. Das Paradebeispiel für zirkadian regulierte Botenstoffe ist das endogene Steroid Kortisol mit seinen entzündungshemmenden Eigenschaften, so die Studienautoren.

Kortisolspiegel unterliegen im Serum einem ausgeprägten Tageszyklus mit einem Maximum in den frühen Morgenstunden und dem Minimum um Mitternacht. Eine Metaanalyse habe ergeben, dass sich der zirkadiane Rhythmus bei Patienten mit rheumatoider Arthritis (RA) mit mittlerer und niedriger Krankheitsaktivität nicht von dem gesunder Probanden unterscheidet. Das ist auch bei Personen mit hoher Krankheitsaktivität nicht grundsätzlich anders. Bei ihnen aber sind die Amplituden abgeflacht im Vergleich zu Patienten mit geringerer Krankheitsaktivität. Der maximale Kortisolspiegel gegen acht Uhr liege deshalb bei hoher Krankheitsaktivität unter den Werten von Patienten mit mittlerer und niedriger Krankheitsaktivität. Das stützt die Hypothese, dass es bei chronisch-entzündlichen Prozessen zu einer für die Entzündungshemmung inadäquat niedrigen Kortisolproduktion kommt.

Pharmakotherapie anpassen

Diese Erkenntnis wird in der Rheumabehandlung mit Prednison und Prednisolon schon länger genutzt. Doch die verringerte Kortisolmenge bei Patienten mit schwerer RA ist nur ein Problem. Das andere ist, dass die ebenfalls zirkadian regulierte Synthese von Interleukin-6 bereits um zwei Uhr nachts beginnt. Die körpereigene Kortisolproduktion kommt ebenso wie morgens eingenommene Kortisonpräparate zu spät. Daher wurde eine Spezialtablette entwickelt, die das Prednison verzögert freisetzt (Prednsion MR, modified release, Lodotra®): Um 22 Uhr eingenommen, setzt sie die Dosis vier Stunden später zum Zeitpunkt frei, wenn die IL-6-Produktion einsetzt. Der Effekt: Die Morgensteifigkeit der Patienten wird deutlich reduziert.

Einnahme in der Jetlag-Phase

Und wie sollen RA-Patienten bei Fernreisen mit dem verzögert freigesetzten Prednsion umgehen? Pongratz und Straub: Bei Kurzaufenthalten von ein bis drei Tagen sollte eine Umstellung des Einnahmerhythmus vermieden werden. Bei längeren Aufenthalten kann eine Einnahmepause eingelegt werden, bis sich der Körper an die neue Zeitzone gewöhnt hat.Bis dahin kann mit herkömmlichem Prednison überbrückt werden.

Abgeraten wird jedenfalls von der Einnahme von Melatonin, um die Schlafphase einzuleiten. Melatonin ist bei RA-Patienten ohnehin erhöht und es fördert die Bildung von IL-12 und anderen Entzündungsbotenstoffen.

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