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Eine neue Verpackung sorgt dafür, dass der Wirkstoff etwa vier Stunden nicht ausgepackt und dann plötzlich freigesetzt wird.

 
Innere Medizin 10. Dezember 2009

Der richtige Zeitpunkt ist alles

Nicht zu früh, nicht zu spät: Glucocorticoide wirken nicht immer gleich gut.

Viele Körperfunktionen – und auch Erkrankungs-Symptome wie etwa die Morgensteifigkeit bei Patienten mit rheumatoider Arthritis – sind abhängig von der Tageszeit. Um die morgendlichen Schmerzen rechtzeitig abzublocken, müssten die Betroffenen am Vorabend oder mitten in der Nacht ein Glucocorticoid zuführen. Abends eingenommen stören Glucocorticoide aber den Schlaf – und Weckerläuten mitten in der Nacht hat einen ähnlichen Effekt. Eine neue Form der zeitverzögerten Freisetzung des Wirkstoffes verspricht Erleichterung.

Viele Körperfunktionen sind von der Zeit abhängig – der Schlaf-Wach-Rhythmus ist das einfachste Beispiel. „Einer der deutlichsten Tagesrhythmen ist der endogene Plasma-Cortisol-Rhythmus. Der höchste Cortisol-Spiegel ist in den frühen Morgenstunden erreicht; im Laufe des Tages sinkt er wieder ab“, erklärt Prof. DDr. Manfred Herold, Rheuma-Ambulanz der Universitätsklinik Innsbruck.

Auch manche Erkrankungs-Symptome äußern sich bevorzugt zu ganz bestimmten Zeiten. Bei der rheumatoiden Arthritis tritt die stärkste Schmerz-Symptomatik am Morgen auf. Warum die Beschwerden in der Nacht eher zunehmen, in der Früh am stärksten sind und sich tagsüber durch Bewegung bessern ist bisher noch ungeklärt. Eine – von mehreren – Arbeitshypothese geht davon aus, dass der endogene Cortisol-Rhythmus bei Menschen mit rheumatoiden Beschwerden verschoben ist.

Die Lebensqualität leidet

Im Rahmen der morgendlichen Steifigkeit sind auch die proinflammatorischen Zytokine erhöht. Ob das aber die Ursache der Symptome oder eine Reaktion auf die Entzündung ist, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Viel entscheidender, als die Klärung dieser Frage ist das klinische Symptom, das Leiden der Patienten. Herold: „Den Patienten geht es in der Früh einfach schlechter.“ Die Lebensqualität wird dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen. Denn die Beschwerden beginnen bereits in den frühen Morgenstunden, und zwar schon im Bett. Die Patienten haben dann Probleme beim Aufstehen und sind den ganzen Vormittag relativ steif. Herold: „Die Morgensteifigkeit kann bei der aktiven Polyarthritis mehrere Stunden dauern. Eine junge Frau mit Polyarthritis kann in der Früh ihren Kindern kein Frühstück machen, weil sie die Teller nicht tragen kann, Musiker können in der Früh nicht üben ...“

Schwieriges Timing

Um die morgendliche Steifigkeit abzublocken, nehmen einige Betroffene entzündungshemmende Medikamente in höherer Dosierung schon am Vorabend ein. Andere führen dem Organismus erst in der Früh die schnell wirksamen Glucocorticoide zu. Herold: „Einige Argumente sprechen für eine Einnahme in der Früh – eines davon ist, dass die Entzündung zu dieser Zeit am stärksten ist, dass die Patienten das Medikament dann also am dringendsten brauchen.“ Ein weiteres Argument für die morgendliche Einnahme von Glucocorticoiden ist, dass dann auch der natürliche endogene Cortisolspiegel am höchsten ist – eine Gabe zu dieser Zeit substituiert also dem Körperrhytmus entsprechend.

„Gegen eine Gabe von Glucocortocoiden in der Früh spricht, dass zu dieser Zeit die Konzentration von Cortisol im Blut ohnehin schon so hoch ist, dass es sinnlos ist noch mehr dazu zu geben“, erläutert Herold auch die Gegenposition. Es ist genauso möglich, Glucocorticoide am Abend zu verabreichen. „Dafür spricht, dass sich mit einer abendlichen Gabe dieselbe Wirkung mit einer viel geringeren Dosis erzielen lässt.“ Das arbeitet allerdings dem natürlichen Tagesrhytmus entgegen – und hat deshalb seinen Preis: Glucocorticoide stören die Nachtruhe, sie putschen die Patienten auf und lassen sie nicht zur Ruhe kommen.

„Deshalb wird das Medikament in der klinischen Praxis üblicherweise in der Früh verabreicht, gleich wenn die Morgensteifigkeit besteht. Gelegentlich wird die halbe Morgendosis auch am Vorabend gegeben – damit wird in Ansätzen der natürliche Tagesrhythmus simuliert“, erklärt Herold das übliche Vorgehen.

Nach der morgendlichen Einnahme des Glucocorticoides bemerken die Patienten meist innerhalb einer halben Stunde eine Besserung der Symptome. Eine Wirkung zu einem früheren Zeitpunkt wäre aber noch wünschenswerter. Ein neues Präparat, Lodotra®, bietet hier einen Vorteil.

Zeitverzögerte Freisetzung

Neben Präparaten, die ihre Wirkung im Körper sofort entfalten, stehen Ärzten und Patienten mittlerweile auch viele Substanzen in retardierter Form zur Verfügung, die sich langsam auflösen und so eine kontinuierliche Wirkung gewährleisten. „Lodotra wirkt noch einmal anders. Die Wirksubstanz ist eingepackt in eine Schutzhülle und verbleibt in dieser Form für etwa vier Stunden im Magen-Darm-Trakt – wie ein Weihnachtsgeschenk. Erst nach etwa vier Stunden platzt die Hülle auf und setzt das Medikament frei. Der Effekt ist derselbe, als hätte der Patient das Präparat einfach vier Stunden später geschluckt“, zeigt sich Herold beeindruckt.

Die verzögerte Freisetzung der Wirksubstanz ermöglicht den Patienten eine abendliche Einnahme ohne nächtliche Schlafstörungen. Zudem bekommt der Körper keine Gelegenheit das Cortison über Nacht zu metabolisieren. Der Wirkstoff steht dem Organismus genau dann zur Verfügung, wenn er am meisten gebraucht wird und hilft so die morgendliche Steifheit zu verhindern oder zu vermindern.

Mag. Tanja Fabsits, rheuma plus 4/2009

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