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© MelvinDyson / Getty Images/iStock
Lesbische Frauen dürfen seit Kurzem Kinder bekommen.
 
Praxis 25. August 2015

Durchgepeitscht und abgewatscht

Die Präimplantationsdiagnostik ist bis auf wenige Bereiche weiterhin verboten, was einige empört.

Seit Februar 2015 ist das Fortpflanzungsmedizingesetz in Kraft. Das junge Regelwerk ist bereits dringend reparaturbedürftig. Fortpflanzungsmediziner monieren das Vermittlungsverbot. Die Ungleichbehandlung von alleinstehenden Frauen mit Kinderwunsch und einige äußerst skurrile Altersgrenzen sind ebenfalls diskutabel.

Prof. Dr. Tews macht seine Kritik an Details fest: Hätten sie zum Beispiel gewusst, dass mit dem neuen Gesetz § 2 (2) eine medizinisch unterstützte Fortpflanzung zwar in einer, auch gleichgeschlechtlichen, Lebensgemeinschaft erlaubt ist, nicht jedoch bei alleinstehenden Frauen?

Dies mag, streng gesehen, auf den ersten Blick ja noch einigermaßen verständlich sein, wenngleich es hunderttausende Frauen gibt, die durch Scheitern der Beziehung, oft schon vor einer Geburt, sich genau in dieser Lage befinden. Wenn nun eine Frau ohne intakte Beziehung, jedoch mit familiären Rückhalt durch die Eltern, ein Kind wünscht, ist sie in Österreich gezwungen, alternative Wege zu gehen: Bestellung von Samen im Ausland, Eingehen einer Kurzbeziehung zum Zweck der Zeugung oder Ähnliches.

Der Widerspruch, den der normal denkende Bürger erkennt, ist die Tatsache, dass die gleiche Frau, der per Gesetz die Fortpflanzungsmedizin verwehrt ist, berechtigt ist, ab dem 1. Tag nach der Geburt eines fremden Kindes dieses zu adoptieren. Genau dieser Passus wurde von der Rechtsanwaltskammer bei der Gesetzeswerdung kritisiert, jedoch blieb diesem Einwand der Erfolg versagt. Oder wußten Sie, dass die Präimplantationsdiagnostik bis auf wenige Bereiche in Österreich verboten ist, z. B. bei cystischer Fibrose? Und dass man bei der gleichen Erkrankung nach Diagnosestellung im Mutterleib diese Schwangerschaft bis knapp vor der Geburt abtreiben kann, z. B. durch Fetocid? Der 8-Zell-Embryo besitzt für den Gesetzgeber ganz offensichtlich einen höheren Stellenwert als ein lebensfähiges Kind, solange es noch im Uterus lebt. Dieser Umstand wurde vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte kritisiert und Italien verurteilt (Beschwerde von Costa und Pavan). Trotzdem haben sich die Parlamentarier entschlossen, gegen Europäische Rechtssprechung zu verstoßen.

Wußten sie, dass durch das Durchpeitschen des Gesetzestextes ohne vorherige sinnvolle Diskussion – bei der parlamentarischen Anhörung waren zwar zahlreiche Kirchenvertreter zugelassen, jedoch kein einzig aktiver Reproduktionsmediziner – skurrilste Situationen entstanden sind? Auf der einen Seite ist eine 31-jährige Frau bereits zu alt, um ihrer Freundin eine Eizelle zu spenden, nicht so der 93-jährige Ur-Urgroßvater, dem der österreichische Gesetzesgeben sehr wohl noch gesunden Nachwuchs zutraut. Es wäre vernünftiger gewesen, die Grenze zwischen 38 und 40 Jahre für die Spenderin und 50 Jahre (nicht 45) für die Empfängerin zu legen.

Zuletzt: Wussten Sie, dass Frauen in Österreich ohne Grund einer vorhandenen Pathologie ihre Eizellen nicht auf Reserve halten dürfen, auch bekannt als „social freezing“? Denkbar ist es jedoch durchaus, dass zwei Freundinnen, angenommen mit 29 Jahren, Eizellen zum Zweck einer Eizellenspende abpunktieren lassen (Kommerzialisierungsverbot!).

Falls nun beide Freundinnen vor dem 45. Lebensjahr in den Wechsel kommen, können sie gegenseitig die Eizelle in Anspruch nehmen, nicht jedoch für den eigenen Gebrauch die eigene.

Gernot Tews, Ärzte Woche 35/2015

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